Psychoporträt „3 Tage in Quiberon“

Eine unglückliche Frau

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Die Filmemacherin Emily Atef schildert, wie die einstige „Sissi“-Darstellerin sich 1981 in einer Kurklinik an der Atlantikküste mit Reportern des „Stern“ traf.

Marie Bäumer ist noch nicht richtig ins Bild gerückt, da denkt man bereits: „Das ist Romy Schneider!“. Ein bisschen Schminke und die passende Frisur haben genügt, um die vorhandene Ähnlichkeit der heute 48-jährigen Bäumer mit der damals 42-jährigen berühmten Kollegin Schneider zu vervollkommnen: schmale Augen, weiches Lächeln, langes Haar und beim Sprechen eine leicht dahinfließende österreichische Wortmelodie. Die Geschmeidigkeit, mit der Marie Bäumer die ebenso erfolgreiche wie unglückliche Romy im Jahr vor deren Tod verkörpert, lässt nichts unerfüllt. Und dennoch muss man diese Romy schon kennen, um sie hier wiedererkennen zu können, sobald es um mehr als um das rein Äußere geht.

Wer nicht weiß, wie die in Wien geborene Tochter der Schauspielerin Magda Schneider durch die „Sissi“-Filme bekannt wurde, sich dann schwer tat, in Deutschland ein neues Rollenverständnis zu finden, nach Paris zog und einen zweiten Aufstieg im französischen Kino erlebte, der ist hier verloren. Wer nicht weiß, durch welche persönlichen Tiefen Romy Schneider ging, wie sie sich glücklos mit dem Schauspieler Alain Delon verlobte, dann den Regisseur Harry Meyen heiratete und schließlich eine zweite, alsbald scheiternde Ehe mit ihrem früheren Sekretär Daniel Biasini einging, der kann nicht erfassen, welche Bedeutung die „3 Tage in Quiberon“ für sie haben. Wer keine Ahnung hat, wie Romy Schneiders Prominenz immer wieder öffentlich in Verbindung mit Alkoholrausch und Tablettensucht gebracht wurde, wie oft von Depressionen und Abtreibungen die Rede war, kurzum, wie sehr ihr Privatleben unter Beobachtung stand, der begreift vermutlich nicht, was überhaupt auf dem Spiel steht, wenn Romy nun in diesem Film in der Klinik am Atlantik eine Entgiftungskur macht, ihre Enthaltsamkeit immer wieder durchbricht und zwei Reporter der Zeitschrift „Stern“ empfängt, obwohl es doch für die Genesung besser wäre, die Zurückgezogenheit zu wahren. Wer also nicht bereits eine Vorstellung davon hat, wie Romy Schneider war, der wird mit Marie Bäumer als Double nichts anfangen können.

Denn „3 Tage in Quiberon“ ist keine Lebensverfilmung, sondern lediglich ein Ausschnitt aus einer Lebensphase, einer Krise, in deren Verlauf alles in Frage gerät: die Karriere, die Beziehung zu den Männern, die Liebe zu den beiden Kindern. Unsicherheit und Verzweiflung kommen hoch, wenn Marie Bäumer als Romy sich im Bett wälzt, ruhelos, schlaflos, oder aber betäubt von Champagner und Schnaps und Tabletten. Immer wieder greift sie nach Zigaretten wie nach den sprichwörtlichen Strohhalmen der Rettung, dabei strauchelnd, von anderen gestützt und aufgefangen. Ein schauspielerischer Kraftakt von Marie Bäumer. Und eine äußerst einfühlsame Leistung der in Berlin lebenden iranisch-französischen Filmemacherin Emily Atef. Sie nimmt keine Rücksicht darauf, ob der Betrachter ein Vorwissen mitbringt oder nicht und versenkt sich ganz in ihr Psychoporträt.

Ohne Einleitung geht es gleich mitten hinein ins Geschehen. Erst bekommt Romy Besuch von ihrer Schulfreundin (Birgit Minichmayr), dann von den „Stern“-Journalisten. Deren Auftritt steigert sich fast schon zu einer feinen Mediensatire. Wie Robert Gwisdek den Reporter Michael Jürgs gibt und Charly Hübner den Fotografen Robert Lebeck, wie beide zusammen das „Stern“-Interview mitsamt Bildaufnahmen nachstellen, ist wunderbar verräterisch inszeniert. Hartgesotten, neugierig, auf Selbstentblößung lauernd, dann aber wieder vor der eigenen Sensationsgier zurückschreckend, versuchen die Journalisten einem Beruf nachzugehen, der dazu verführt, sich berichtend über andere zu erheben. Romy wiederum scheint einerseits genau zu kalkulieren, was sie den Presseleuten liefern muss, andererseits aber die Beherrschung über ihre Selbstdarstellung zu verlieren.

Sie kokettiert, versucht sich zu schützen und gibt sich gleichzeitig preis. Wie sich die Geltungssucht mit Zerbrechlichkeit mischt, ergibt ein Bild ihrer Person, aber auch das Bild eines exhibitionistischen Gewerbes namens Filmgeschäft. Während der Wind über das Meer streicht, weht in den Schwarz-Weiß-Aufnahmen auch etwas von den 80er Jahren herüber, von jener Zeit, in der Illustrierten wie der „Stern“ noch große Auflagen hatten, die Lesermeinung stark bestimmten und entsprechende Macht über Prominente ausüben konnten. „Du musst mit der Presse spielen“, rät Michael Jürgs zynisch jener Romy, mit der er nach einer durchzechten Nacht in der Hafenkneipe jetzt per Du ist, so wie Robert Lebeck schon lange. Doch nur wer weiß, dass Romy Schneider noch der tragische Tod ihres Sohnes bevorsteht, ehe sie selbst 1982 sterben wird (die behördliche Todesursache lautet auf Herzversagen), kann sich die Filmhandlung fortdenken. Sehenswert

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Frankfurt: Cinema, E-Kinos

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