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"In einem kalten Land": Nur der Anfang überzeugt

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Von: Ulrich Feld

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Kasper (Grim Lohman, 2.v.l.), Emma (Frida Hallgren, 3.v.r.), Lukas (Dietrich Hollinderbäumer, 2.v.r.) werden von Said (Anastasios Mavromatidis, r.) bedroht.
Kasper (Grim Lohman, 2.v.l.), Emma (Frida Hallgren, 3.v.r.), Lukas (Dietrich Hollinderbäumer, 2.v.r.) werden von Said (Anastasios Mavromatidis, r.) bedroht. © ZDF/Stephan Rabold

Knalliger Beginn, schlüssige Hintergründe: Warum die neue Folge aus "Der Kommissar und das Meer" trotzdem nicht funktioniert.

Erst überfallen Isabel (Molly Nutley) und ihr Freund Said (Anastasios Mavromatidis) eine Bank, dann rasen sie mit einem Motorrad davon, stürzen und flüchten in einen Supermarkt, wo sie die Kunden als Geiseln nehmen. Darunter auch Emma (Frida Hallgren), die Lebensgefährtin von Kommissar Robert Anders (Walter  Sittler), und ihren Sohn Kasper (Oliver Hecker). Dieser Anfang des Films lässt einiges erwarten: Mit einer Geiselnahme begann schon "Fegefeuer", der wohl knalligste "Tatort" überhaupt.

Doch Isabel und Said sind weder Terroristen noch professionelle Verbrecher. Bei der Flucht wird Said von Anders angeschossen. Emma bringt ihn in eine Hütte am Meer – und dann fällt die Geschichte auseinander und massiv ab. Obwohl die Zutaten zunächst noch einen guten Eindruck hinterlassen: So handelt es sich bei Isabel und Said nicht um Islamisten – einen Verdachtsmoment, den das Drehbuch kurz einwirft, um ihn aber schnellstens wieder zu entkräften. Vielmehr stellt sich bald heraus, dass das Paar aus der naiv-romantischen Absicht heraus die Bank überfiel, um mit der Beute einem palästinensischen Flüchtlingslager zu helfen.

Ausbruch aus dem goldenen Käfig

Isabells Hintergrund erscheint noch dazu glaubwürdig: Dafür, dass sie als wohlbehütete Tochter eines wohlhabenden Ehepaars mit Villa, Gartenhaus und Jaguar-Limousine Sympathie für einen jungen Mann aus einem Flüchtlingslager entwickelt, lassen sich in der Realität genügend Parallelen finden. Zudem ihre Eltern mit dominanter Mutter und eher schwächlichem Vater ebenfalls eine gewisse Grundspannung versprechen. Leider aber nutzt das Drehbuch diese Anlagen nicht. Statt den Schwerpunkt auf die Familie zu legen, bringt die Geschichte ständig neue Motive ins Spiel.

Aber diese Motive können den Zuschauer nicht emotional berühren, weil sie eben nur Nebenhandlung bleiben. So stirbt nebenbei etwa ein Passant, den das Paar auf dem Motorrad versehentlich abgefahren hat, an seinen Verletzungen. Auch wird ein Kunde namens Lukas (Dietrich Hollinderbäumer) im Supermarkt am Arm verletzt und ihm droht eine Amputation. Also wieder ein Erzählstrang, der mit der Haupthandlung rein gar nichts zu tun hat. Zu viele Motive stehen hier herum wie bestellt und nicht abgeholt.

Posttraumatische Belastungsstörung als Füllmaterial

Die Auflösung des Banküberfalls gelingt dem Film zwar mit einer originellen Begründung, aber die kriminologische Herleitung gerät zu spärlich. Und der Tod von Said samt Aufdeckung des Täters kann nicht wirklich erschüttern, weil Isabels Familie im Handlungsverlauf zu kurz kommt. Stattdessen widmet sich der Film ausgiebig der posttraumatischen Belastungsstörung Emmas nach dem Überfall, aber dieser Aspekt erscheint eher als Füllmaterial.

Regisseur Miguel Alexandre, der mit diesem Film schon seine sechste Folge der Serie gedreht hat, gibt immerhin sein Bestes. So kann besonders zu Beginn die Optik gefallen: Wenn etwa Isabel und Said auf ihrem Motorrad rasen und die Kamera auf ihrem Motorrad mitfährt, entfaltet der Film schon eine erhebliche Sogwirkung. Auch später findet Alexandre oft passende Bilder für die Situation seiner Figuren, wenn etwa Isabel allein und verloren in der kahlen und düsteren Landschaft steht. Sehr gelungen auch wieder die Musik von Wolfram de Marco. Angesichts seiner unzureichend genutzten Anlagen hinterlässt "In einem kalten Land" jedoch ein schales Gefühl.

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