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Noch sind Bubu (Andreas Warmbrunn), Hosenmacher (Laurenz Lerch), Onkel (Jonathan Berlin), Zungenkuss (Joscha Eisen) und Knuffke (Theo Trebs) alle am Leben und gesund. Bild: SWR/Walther Wehner

TV-Kritik

"Die Freibad-Clique": Am Ende springt man nackt

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Flimmernde Hitze unter knallblauem Himmel. Menschliche Körper, die elegant ins Wasser eintauchen. Lüsternes Schielen nach weiblichen Formen inmitten von sehr viel Sommer, Sonne, Sinnlichkeit. Fast ein wenig wie in den Erinnerungen vieler Zuschauer. Man denkt dabei vielleicht  sogar  – so viel Trivialität muss erlaubt sein – an einen Film der "Eis am Stiel"-Reihe. Aber die Szenen spielen im Sommer 1944, als die Nazi-Diktatur nur wenige Monate vor dem Untergang stand.  

Flimmernde Hitze unter knallblauem Himmel. Menschliche Körper, die elegant ins Wasser eintauchen. Lüsternes Schielen nach weiblichen Formen inmitten von sehr viel Sommer, Sonne, Sinnlichkeit. Fast ein wenig wie in den Erinnerungen vieler Zuschauer. Man denkt dabei vielleicht  sogar  – so viel Trivialität muss erlaubt sein – an einen Film der "Eis am Stiel"-Reihe. Aber die Szenen spielen im Sommer 1944, als die Nazi-Diktatur nur wenige Monate vor dem Untergang stand.  

Der Unterschied  zu dem Grauen, dem Töten und Sterben und den Leichenbergen an der Front könnte anfangs nicht größer sein. Aber genau davon erzählt der Film, den Regisseur Friedemann Fromm (auch Drehbuch) nach dem Roman von Oliver Storz (1929 - 2011) gedreht hat: Vom schreienden Kontrast von Lebenslust und Todesangst im Zweiten Weltkrieg, vom Aufgehoben-Sein und Sich-sicher-Fühlen in der Gruppe, wo man sich Spitznamen gibt, und vom Verlust.

Oliver Storz hat sich in vielen seiner Filme mit der NS-Vergangenheit wie auch mit der Geschichte der Bundesrepublik ("Im Schatten der Macht") auseinandergesetzt.  Wobei ihm seine Filme nie zu Lehrstücken gerieten: Dafür verstand Storz viel zu viel von der emotionalen Wirkung des Kinos. Es ging ihm stets in erster Linie drum, spannende Filme zu drehen. Bernardo Bertoluccis berühmter Ausspruch, das jeder Film ein Thriller sein sollte, hätte auch von Storz kommen können.

Friedemann Fromm hat es auf bemerkenswerte Art geschafft, diesem Anspruch gerecht zu werden. Der Anfang könnte tatsächlich aus einem Thriller stammen. Die Schwarze Serie lässt grüßen, wenn im strömenden nächtlichen Regen ein Auto herankommt und ein Paar aussteigt. Und sich gleichzeitig ein extrem junger Mann mit einer Pistole im Schatten bewegt. Er streckt den Arm mit der Waffe in der Hand aus, um sein Ziel zu fixieren.

Anschließend ein Rückblick zum letzten Schultag vor den Sommerferien 1944. Schüler schwitzen und dösen, die Schulglocke bringt die Erlösung. Doch es klingt ahnungsvoll, wenn der Lehrer den Schülern alles Gute wünscht und hofft, "dass wir uns nach den Sommerferien vollzählig wiedersehen werden". Anschließend treffen sich Bubu (Andreas Warmbrunn), Hosenmacher (Laurenz Lerch), Onkel (Jonathan Berlin), Zungenkuss (Joscha Eisen) und Knuffke (Theo Trebs) im Schwimmbad.

Dort scheint der Krieg noch weit weg – und drängt sich doch ins Gedächtnis. Jagdbomber ziehen am Himmel ihre Kreise, die Gespräche der Jungs drehen sich um eine mögliche Musterung zur Waffen-SS. Uniformen mischen sich in das Gewühl der Badbesucher. Immer näher wird sich der Krieg an die Schüler heranmachen, schon bald steht Feldgendarmerie vor der Tür und erinnert brutal an einen Musterungstermin.

Dort bekommen die Jungen erstmals durch den Stahlhaken an der Handprothese eines SS-Mannes – toll, was Andreas Lust in der Rolle aus seinen Szenen macht - eine wenn auch erst nur entfernte Ahnung davon, wie Krieg aussieht und was er aus ihnen macht. Man könnte auch sagen: was er von ihnen übriglässt.  Nicht alle werden den Krieg überleben und nicht für alle wird er im Sommer 1945 zu Ende sein.

Eine Zigarette, einem sterbenden Freund angezündet, wird zu einem letzten Zug am Leben. Es ist Fromm bestens gelungen, den Zuschauer mit ins Grauen von Krieg und NS-Terror wie auch in die unmittelbare Nachkriegszeit zu versetzen. Er arbeitet dabei viel mit Kontrasten, wobei er manches mit Zeitlupe noch intensiviert. Wasser bekommt dabei immer wieder eine vielschichtige Bedeutung, vom Schwimmbad bis zum strömenden Regen. Auch die Pistole aus der Anfangssequenz landet im Wasser. 

Wasser steht im Film oft auch als Symbol der Auflösung.  Nichts bleibt, wie es war: Der Krieg bringt hier einen schmählich banalen Tod und macht einen anderen zum Gangster. Das Wichtigste ist das Überleben: Nur wenige der Schüler werden übrig bleiben. Und es springt wie schon in der Freibad-Szene zu Beginn wieder jemand vom Turm: Damals waren es zwei, jetzt ist es nur noch einer. Und splitternackt diesmal, irgendwie wie neugeboren. Ein passendes Bild für einen neuen Anfang.

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