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Interview

Game-of-Thrones-Komponist über die Titelmelodie und den Soundtrack zur finalen achten Staffel

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Der deutsche Musiker Ramin Djawadi hat den Soundtrack der Fantasy-Erfolgsserie "Game of Thrones" geschrieben. Im Interview spricht er über kaum zu ertragende Todesszenen, South-Park-Hommagen und verrät, warum die Melodien mancher Charaktere perfekt zueinander passen. Achtung: Spoiler!

Der gebürtige Duisburger Ramin Djawadi ist einer der gefragtesten Film- und Fernsehkomponisten der Welt. Neben der Musik zur Serie „Game of Thrones“ hat der 43-Jährige auch den Soundtrack zu Blockbuster wie „Pacific Rim“ oder „Iron Man“ sowie zur neuen Hit-Serie „Westworld“ geschrieben.

Millionen Fans weltweit warten auf das fulminante Ende vom „Game of Thrones“. Und du musst die Musik dafür schreiben. Spürst Du Druck, wenn Du an die Komposition der letzten Folge denkst?

Djawadi: Ja, ich denke auf jeden Fall sehr viel darüber nach. Ich habe hart daran gearbeitet, dass sich die Musik mit den Charakteren und den Handlungssträngen weiterentwickelt. Ich will, dass sich das Ende auch wie ein Ende anfühlt. Aber ich bin sehr sicher, dass die Serie so weitergeführt wird, dass ich auch für die letzte Folge die passende Musik kreieren kann.

Für den Soundtrack hast Du bisher komplett darauf verzichtet, Flöten einzusetzen. Die Serie ist aber bekannt für ihre Plottwists. Wäre es nicht die Überraschung, wenn man in der allerletzten Folge auf einmal eine Flöte hören könnte?

Djawadi: (lacht.) Lustig, dass mir diese Frage noch niemand gestellt hat. Ich werde nämlich oft gefragt, ob ich schon wisse, was in der achten und letzten Staffel passieren wird. Geantwortet habe ich schon häufiger, dass vielleicht die Chance besteht, dass doch noch eine Flöte auftaucht. Je nachdem, wo die Handlung uns hinführt. Tatsächlich tappe ich, was Staffel Acht betrifft, auch völlig im Dunkeln – und das bleibt wohl auch noch länger so. Selbst wenn ich etwas wüsste, dürfte ich natürlich nichts sagen.

Gibt es eine Szene, die Du in der neuen Staffel nur sehen wollen würdest, um die Musik dafür schreiben zu können?

Djawadi: Das weiß ich so spontan gar nicht. Das Erste was mir einfällt, ist eine Szene, die auf jeden Fall in der neuen Staffel vorkommen wird. Die Mauer ist ja gefallen und die Armee der Toten ist durchmarschiert, das bedeutet, das Aufeinandertreffen der beiden Welten, von Norden und Süden, steht bevor. Ich bin gespannt, welche Musik sich daraus entwickelt.

Eines ist wohl auch für Staffel Acht sicher: Es wird wieder Tote geben. Glaubst Du eigentlich, dass du weltweit der Komponist bist, der die meisten tragischen Todesszenen vertonen musste?

Djawadi: Das ist eine interessante Sache. Das könnte sogar sein. Wir haben auf der USA-Konzert-Tour während das Publikum den Saal verließ, eine Zusammenfassung aller Charaktere gezeigt, die in der Serie sterben. Ich weiß nicht, wie viele es genau waren, aber es waren Dutzende. Wie ein kompletter Abspann nur aus Leuten, die gestorben sind. Das war schon der Wahnsinn.

Die Enthauptung von Ned Stark in Staffel Eins ist nur ein Beispiel. Später musste deine Musik noch sehr viele Tode von beliebten oder wichtigen Charakteren untermalen. Wie schwer fällt es dir, solche Szenen zu schreiben?

Djawadi: Manchmal schon. Die Szene in der das kleine Mädchen namens Shireen, die Tochter von Stannis Baratheon, verbrannt wird, ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Das hat mich damals wahnsinnig mitgenommen, weil ich selbst kleine Kinder habe. Beim Schreiben musste ich immer wieder Pausen machen. Manchmal habe ich erst am nächsten Tag einen neuen Versuch gestartet. Insgesamt versetze ich mich emotional sehr in die Show hinein. Wenn ich mich an einen Charakter gewöhnt habe und dieser stirbt, bedeutet das auch einen Abschied für mich.

Wie klingt denn die perfekte Sterbeszene?

Djawadi: Das kann kommt ganz auf deren Inszenierung an. Der Grundton von „Game of Thrones“ sehr spezifisch, das macht es schwierig. Für die dramatischen Tode muss man oft ein gutes Mittelmaß finden: Die Musik darf sich nicht zu sehr in der Vordergrund drängen, gleichzeitig darf sie nicht zu schwach sein.

Auf die musikalische Umsetzung welcher Szene bist du stolz?

Djawadi: Es gibt mehrere, aber eine sticht wegen der Instrumentation heraus: Die Eröffnungssequenz der letzten Episode der sechsten Staffel. In dieser spielt das Stück  „The Light of the Seven“. Es ist eine dramatische Szene, mit wenig Dialog, aber sie ist gleichzeitig sieben Minuten lang. Wir haben für sie das erste Mal überhaupt ein Klavier benutzt. Sogar als ich die Melodie schon geschrieben hatte, haben wir noch diskutiert, ob wir sie auf einem anderen Instrument spielen sollten. Aber das Klavier hat zu gut gepasst. Wie warm die Fans das aufgenommen haben, war wunderschön. Auch bei mir hat diese Szene einen sehr besonderen Platz im Herzen.

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Im Internet kann man einen Zusammenschnitt finden, indem die musikalischen Themen der Familien Stark und Targaryen übereinander gelegt wurden. Sie passen perfekt zueinander. Das ist doch kein Zufall, oder?

Djawadi: Nein, ist es nicht. (lacht.) Solche Sachen plane ich sehr früh. Die Showrunner David Benioff und Dan Weiss kündigen mir vorher an, wie sich die Handlung entwickeln könnte. Ein gutes Beispiel ist das Lied „The Rains of Castamere“. In einer der letzten Folgen der dritten Staffel, beim „Red Wedding“, spielt sie eine wichtige Rolle. Ich habe die Melodie aber geschrieben, noch bevor ich die zweite Staffel gesehen hatte. David und Dan haben mir erklärt, was es mit dem „Red Wedding“ auf sich hat und dass man diese Melodie sofort mit der Familie Lannister verbinden können muss. Deswegen hört man Tyrion Lannister „The Rains of Castamere“ irgendwann nebenbei pfeifen. Ich habe Spaß daran, solche kleinen Bausteine zusammenzusetzen. Auch Melisandres und Stannis Thema sind eng verwoben, weil sie anfangs so viel Einfluss auf ihn hat.

Um es zusammenzufassen: Die große Überraschung der siebten Staffel, das Geheimnis um die Eltern von Jon Snow, kanntest Du also schon lange vorher?

Djawadi: Ja, so ein bisschen, ja.

Hättest Du einige Stück anders geschrieben, wenn Du von vorneherein gewusst hättest, wie sich die Charaktere entwickeln?  

Djawadi: Nein. David und Dan haben einen perfekten Überblick über die Show, sie sind meine Berater. Ich habe die Bücher nicht gelesen, wusste dank ihnen aber trotzdem von Anfang an, dass ich für Daenerys eine Stück schreiben muss, das ganz groß werden kann, weil sie im Laufe der Serie viel Macht bekommen würde. Ich habe ihr Thema also so komponiert, dass es auch mit einem Chor schön klingt und man es richtig kraftvoll spielen kann. Ein anderes gutes Beispiel ist die Liebesszene von Jon Snow und Daenerys am Ende der letzten Staffel. Diese Bootsszene habe ich zuerst geschrieben, groß und emotional, und dann habe ich die Melodie kleiner bei ihrem ersten Aufeinandertreffen am Anfang der Staffel eingebaut. Ich habe quasi rückwärts gearbeitet.

Kannst Du mal die Entstehungsgeschichte der fast legendären Titelmelodie erzählen?

Djawadi: Das Special-Effect-Studio, das die Titelsequenz visuell umgesetzt hat, ist hier bei mir die Straße runter in  Santa Monica. Ich bin dorthin gefahren, um mir die Sequenz anzusehen, bevor ich mit dem Schreiben anfange. Sie war noch nicht ganz fertig, aber ich konnte schon sehen, wie sie sich entwickelt,  beispielsweise wie die Städte aus dem Boden hochkommen. Auf dem Rückweg zum Studio, habe ich im Auto plötzlich angefangen, diese spätere Titelmelodie zu singen. Ich bin dann sofort ins Studio gerannt, habe sie eingespielt und angefangen das Arrangement auszuarbeiten.

Überspringt Du eigentlich das Intro, wenn Du selbst mal eine Folge der Serie schaust? 

Djawadi: Wenn ich schaue: Nein. Aber ich schaue die Serie sowieso sehr selten. Wenn eine neue Folge läuft, stecke ich meistens noch tief in der Arbeit zu den anderen Episoden. Für mich ist es außerdem immer schwierig, meine eigene Arbeit anzuhören, wenn sie schon abgeschlossen ist. Ich gebe die Musikstücke eigentlich immer nur ab, wenn ich muss, könnte man sagen. (lacht.) Sonst würde ich wahrscheinlich immer nochmal eine Note ändern oder einen Ton neu mischen.

Kennst du eigentlich die South Park-Umsetzung des Liedes in dem Sie über Penisse singen?

Djawadi: Ja, ich kenne sie und sie ist super. Das hat mich auf jeden Fall zum Lachen gebracht.

Eine South-Park-Hommage ist ja normalerweise ein sicheres Zeichen: Wie fühlt sich das an, wenn die eigene Musik Pop-Kultur wird?

Djawadi: Darüber denke ich kaum nach. Ich bin immer in meiner Arbeit vertieft, schaue in die Zukunft. Natürlich ist es sehr schön, dass meine Musik so gut bei den Leuten ankommt. Das macht die vielen Stunden im Studio und die harte Arbeit leichter. Es spornt mich an. Wenn mir Fans sagen, dass sie das Intro wegen meiner Musik nie überspringen, ist das wunderschön. Auch das so viele Menschen zu den Konzerten kommen und Spaß haben, hätte ich mir nie träumen lassen.

Du hast also noch nicht genug von Game of Thrones?

Djawadi: Nein, ich bin jetzt schon traurig, dass die achte Staffel die letzte sein wird. Ich wünschte die Serie würde unendlich lang weitergehen. Mir macht das einfach Spaß. Game of Thrones ist die perfekte Show, um mich musikalisch auszutoben. Von kleinen Dramen bis zu riesigen Action-Schlachten erzählt sie ein riesiges Spektrum.

Das Gespräch führte Alexander Gottschalk.

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