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Er bot Hitler die Stirn

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Von: Martin Schwickert

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Premierminister Churchill (Brian Cox, rechts) und Feldmarschall Alan Brooke (Danny Web) besprechen die Lage.
Premierminister Churchill (Brian Cox, rechts) und Feldmarschall Alan Brooke (Danny Web) besprechen die Lage. © Graeme Hunter Pictures (Glasgow UK)

Der Kinofilm „Churchill“ demontiert den Heldenmythos des legendären britischen Kriegspremierministers, um ihn wieder aufzubauen.

In der heranbrechenden Ära der zynischen Populisten erscheint ein Vollblut-Politiker wie Winston Churchill als Dinosaurier der Zeitgeschichte. Mehr als 60 Jahre war Churchill Abgeordneter im britischen Unterhaus, prägte als Marine-, Kriegs- und zweimaliger Premierminister die Politik des Vereinigten Königreiches, führte das Land schließlich durch den Zweiten Weltkrieg.

Jonathan Teplitzky („Railway Man“) extrahiert für seinen Film „Churchill“ gerade einmal vier Tage aus der umfangreichen Karriere des legendären Staatsmannes. Es sind die Tage vor dem D-Day am 6.Juni 1944, an dem die alliierten Truppen mit vereinten Kräften in der Normandie landen wollen. Churchill hat große Bedenken gegen die Militäroperation. Als Marine-Minister war er während des Ersten Weltkrieges verantwortlich für die Invasion in Gallipoli – ein militärisches Desaster mit über 100 000 Toten auf beiden Seiten. Er fürchtet nun, dass sich die Erfahrungen in einem noch gewaltigeren Maßstab wiederholen könnten, und muss feststellen, dass er als gewählter Volksvertreter wenig Einfluss auf Militärstrategien hat.

Eine durchaus interessante Perspektive hat Teplitzky für sein kompaktes Biopic gewählt, in dem der große Staatsmann Zeuge seiner eigenen Machtlosigkeit in den Mühlen der Weltgeschichte wird. Der strahlende Held Churchill, der Hitlers Blitzkrieg die Stirn geboten hat, wird hier als von eigenen Traumata geprägter Gewissenspolitiker gezeichnet. Gleichzeitig zeigt der Film die Dekonstruktion eines Egomanen, dessen Selbstüberschätzung in Konflikt mit militärischer Realpolitik gerät und sich – wie die Geschichte zeigen sollte – mit seiner Einschätzung der Lage gründlich getäuscht hat. Die Widersprüchlichkeit der Figur bündelt Brian Cox in einer wunderbar garstigen Performance, die hinter dem cholerischen Auftreten die Ängste und den Narzissmus der Figur herausarbeitet. In seiner filmischen Umsetzung bleibt „Churchill“ mit seinem biederen Format jedoch weit hinter der interessanten, inhaltlichen Herangehensweise zurück. Annehmbar

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