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"Das Jahrhunderthaus": Vom Aufstieg des Durchschnittsdeutschen

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Von: Ulrich Feld

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Wenn einer eine Reise tut: Familie Müller mit Tochter Lena (Lilian Prent, 2.v.r.), Vater Thomas (Michael Kessler, r.), Mutter Anna (Ruth Blauert, l.) und Sohn Alex (Benedict Jacob, 2.v.l.) packt die Koffer in und auf den Oldtimer-Mietwagen - einen VW-Käfer.
Wenn einer eine Reise tut: Familie Müller mit Tochter Lena (Lilian Prent, 2.v.r.), Vater Thomas (Michael Kessler, r.), Mutter Anna (Ruth Blauert, l.) und Sohn Alex (Benedict Jacob, 2.v.l.) packt die Koffer in und auf den Oldtimer-Mietwagen - einen VW-Käfer. © Karsten Floegel; THE KELRIC VIEW

Scho

Schon mal von den Müllers gehört? Blöde Frage! Den Namen gibt es in Deutschland so oft, dass so gut wie jeder irgendeinen Träger kennen dürfte. Zur Darstellung einer teutonischen Durchschnittsfamilie taugt er darum bestens. Und so lernt der Zuschauer die Müllers kennen: In einem dreistöckigen Haus, unten in den zwanziger Jahren, weiter oben dann in den fünfziger und siebziger Jahren. Die Müllers: Quasi die ZDF-Variante der allseits beliebten Mustermanns. Wobei man die Wohnsituation von unten nach oben natürlich auch als Symbol für den wirtschaftlichen Aufstieg interpretieren muss.

Die zwanziger Jahre kannten vor allem einen vorherrschenden Farbton: grau. Sie waren noch durch oft bittere Armut und massive Inflation geprägt. Die Verelendung erreichte ungeheure Ausmaße. Der Film zeigt, wie die Durchschnittsfamilie ein Zimmer mit Geldscheinen pflastert. Ein starkes Bild für eine bittere Zeit: Mit den Geldscheinen hätten viele problemlos die Wände daheim tapezieren können, so wertlos waren sie. Häufig reichte das täglich verdiente Geld schon bei Feierabend nicht mehr dafür, die Familie daheim zu ernähren.

Das Kino als Fluchtmöglichkeit

Immer vorausgesetzt, man hatte überhaupt noch einen Job. Die Verelendung und Hoffnungslosigkeit führte zu vielen Selbstmorden. Wer Arbeit hatte, kannte kaum Freizeit: Es galt Schichten von zwölf Stunden durchzustehen. Arbeitsschutz steckte noch in den Kinderschuhen. Tote durch Unfälle in der Industrie waren an der Tagesordnung, die Unterhaltungsmöglichkeiten beschränkt, Fahrten weiter weg mit der Bahn nahezu unbezahlbar. Doch eine Unterhaltungsmöglichkeit war in den Zwanzigern gegeben: Das Kino.

In einer kurzen Szene sieht man die Schuhe von Charlie Chaplin mit dessen typischem Trippelschritt. Wie passend: In seinem Film "Moderne Zeiten" hatte der Komiker die harte Akkordarbeit für viele Arbeitnehmer seiner Epoche massiv aufs Korn genommen. Genau dieser Film - obwohl erst im Jahr 1936 gedreht - hätte hier noch bestens gepasst. Als Arbeiter dreht Chaplin im Verlauf der Filmhandlung durch – heute würde man sicher von einem Burnout sprechen. Heute ein Massenphänomen, trotz technischen Fortschritts und gestiegenen Wohlstands.

Auch die DDR spielt mit

 Einen möglichen Grund dafür nennt der Film nur indirekt. Die robuste Konjunktur, die über Jahre in Deutschland mit ständigen wirtschaftlichen Zuwachsraten gelaufen war, kam zu Beginn der siebziger Jahre ins Stottern: Maschinen erleichterten zwar die Arbeit  -  was besonders in der Szene mit einer alten Schreibmaschine ersichtlich wird – aber sie machten Menschen in der Arbeitswelt auch zunehmend Konkurrenz. In den fünfziger Jahren war das noch Zukunftsmusik. Gut, dass der Film die wirtschaftliche Entwicklung in der DDR und der jungen Bundesrepublik facettenreich gegeneinander stellt.

Aufnahmen von pompös gefeierten "Helden der Arbeit", von einem schwadronierenden Walter Ulbricht und den Unruhen des 17. Juni 1953 zeigen auch die Facetten des Alltagslebens jenseits des Eisernen Vorhangs. Erinnerungen an Ferienlager inklusive. Die Entwicklung in der DDR kommt insgesamt zwar recht kurz und die Zusammenstellung stopft ein bisschen wahllos alles hinein, was in einer Dreiviertelstunde eben reingeht.  Dennoch:  Die Dokumentation mischt Heiteres, Skurriles und Nachdenkliches zu einem recht spannenden Rückblick.

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