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"Kälter als der Tod": Überambitionierter Fehlstart

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Von: Ulrich Feld

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Tote gibt es viele, Spannung aber nur wenig: Anna Janneke (Margarita Broich), Paul Brix (Wolfram Koch) und die erschossene Lydia Sanders (Olga Lisitsyna).
Tote gibt es viele, Spannung aber nur wenig: Anna Janneke (Margarita Broich), Paul Brix (Wolfram Koch) und die erschossene Lydia Sanders (Olga Lisitsyna). © HR/Benjamin Knabe

Wer einfach mal einen spannenden Krimi sehen will, sitzt hier definitiv im falschen Film. Wie sich der neue "Tatort" aus Frankfurt an bizarren Ideen verhebt.

Was haben sich die "Tatort"-Macher eigentlich dabei gedacht, Roeland Wiesnekker - der den Kommissariatsleiter des neuen Teams spielt - den Rollennamen "Riefenstahl" zu verpassen? Ist das als Scherz gedacht, den Namen der Regisseurin verschiedener NS-Propagandafilme, darunter "Triumph des Willens", zu verwenden?  Und was genau soll daran nun lustig sein?

Als Anfang ein Blutbad

Der Name ist ein peinlicher Aspekt eines Films, der sich nicht eben durch besondere Höhepunkte wie spannende Ermittlungen, rasantes Tempo oder eine glaubwürdige Geschichte auszeichnet. Der erste Fall der Hauptkommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) beginnt dafür gleich mit drei Toten: Vater, Mutter und Sohn der Familie Sanders. Die überlebende Tochter Jule (Charleen Deetz) und ihre Nachhilfelehrerin Miranda (Emily Cox) werden schließlich auf dem Grundstück von Jules verstorbenem Urgroßvater gefunden.

Es gibt eine Reihe von Verdächtigen: So den seltsamen Paketboten Achim (Sebastian Schwarz) oder den undurchsichtigen Onkel Martin (Roman Knizka) der beiden Mädchen. Doch allmählich verdichten sich die Hinweise darauf, dass vor allem die beiden Mädchen, die in einer lesbischen Beziehung verstrickt sind, etwas mit dem Fall zu tun haben. Und eine CD spielt eine Rolle, mit einem Stück Popmusik im Stil der 80er.

Ermittler ohne echte Eigenschaften

Besondere Kennzeichen der beiden neuen Frankfurter Kommissare: Keine. Brix ist Morgenmuffel, Janneke steht auf gesunde Ernährung, Punkt. Die beiden Ermittler gehen auffallend freundlich miteinander um. Was nach den vielen Psycho-Bullen der letzten Zeit fast erholsam sein könnte, würde es sich nicht in den wenig pointierten Dialogen niederschlagen. Margarita Broich und Wolfram Koch haben auch sichtlich Probleme damit, ihren Rollen darstellerisch halbwegs Profil zu verleihen.

Umso mehr greifen die Macher dafür bei dem Paketboten in die Psycho-Kiste: Achim kauft sich Sachen nach, die er in den Wohnungen seiner Kunden gesehen hat, um Anteil an deren Leben zu haben, das er für glücklich hält. Und dann erst Recht die Nachhilfelehrerin Miranda, ein besonders bizarres Konstrukt: Sie ist die leibliche Tochter von Jules Mutter und damit zugleich auch deren Halbschwester. Und quasi auch ihre Großtante, denn ihr Vater ist Jules Urgroßvater, der seine Enkelin - Jules Mutter - einst vergewaltigte.

Lesbische Freundin als Halbschwester und Großtante

Für ein Kind zwischen Großvater und Enkelin wirkt Miranda erstaunlich gesund - das sind Inzest-Kinder in Wirklichkeit oft nicht. Es geht also um Suche nach Geborgenheit, Familie, Liebe, hilfsweise noch unterstützt durch den Paketboten. Die Geschichte leidet jedoch stark unter ihrer dramaturgisch unbeholfenen Konstruktion: Miranda ist das Produkt einer Vergewaltigung, die sich in einer lange zurückliegenden Vergangenheit ereignete. Vom Opfer bekommt der Zuschauer nur sehr wenig zu sehen, vom blutschänderischen Großvater gleich gar nichts. Was den Spannungsfaktor der Hintergrundgeschichte massiv in Grenzen hält.

Dazu kommt, dass sich die Regie mit allerlei erzählerischen Stilmitteln übernimmt. Einen geteilten Bildschirm gab es zwar schon in John Frankenheimers Rennfahrer-Epos "Grand Prix" (1966), aber dort war es eine im Grunde überflüssige Spielerei. Vermutlich hat niemand den geteilten Bildschirm je überzeugender eingesetzt als Brian de Palma in "Carrie" von 1976. Aber von de Palmas furiosen Rache- und Horrorthriller nach Stephen King trennen diesen "Tatort" Welten.

Verwirrendes Stilmittel

Dass die Regie in manchen Szenen die Kommissare in geschilderte Szenen aus der Vergangenheit eintauchen lässt, wirkt in Sachen Spannung zudem kontraproduktiv. Als Miranda schildert, wie sie durch einen Aushang an Familie Sanders geriet, reißt sich Kommissar Brix eine Telefonnummer von einem anderen Aushang ab. Was in einer Komödie als ironische Brechung der Realität funktionieren könnte, hier aber die Distanz zur Handlung noch verstärkt - und anfangs auch für Verwirrung sorgen dürfte.

So kann nur Roman Knizka als bösartiger und hinterhältiger Onkel Martin halbwegs für Spannung sorgen. Allerdings gerät seine Rolle zu klein, um den Film zu retten. Fazit: Das Team, das den umstrittenen "Im Schmerz geboren" erschuf, hat sich hier mit einer Überfülle an unausgegorenen Ideen leider ziemlich übernommen.

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Guten Morgen zusammen, habt Ihr Euch gestern den #Tatort mit dem neuen Frankfurter Kommissars-Pärchen angesehen? Wie ist...

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