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Auch ein Schraubenschlüssel kann als Waffe dienen, aber Dr. Kersey (Bruce Willis) denkt an etwas mit mehr Feuer und begibt sich in ein Fachgeschäft für Schießeisen.

"Death Wish"

Dr. Kersey greift zur Knarre

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Eli Roth, der in verschiedenen Filmen von Quentin Tarantino mitgewirkt hat, hat die Neuverfilmung von „Ein Mann sieht rot“ in Chicago inszeniert.

Eines gleich vorweg: Wer sich schon immer daran gestört hat, dass jeder Amerikaner sich eine Pistole oder ein Gewehr kaufen kann, dem wird in diesem Film der Blutdruck weiter steigen. Und noch eines vorab: Wer Bruce Willis nicht weinen sehen kann, der hält sich am besten ganz von „Death Wish“ fern. Denn bevor Willis zur Handfeuerwaffe greift und in der Gangsterwelt von Chicago all jene rächt, die zu Opfern eines Verbrechens geworden sind, ist seine einzige Waffe ein sanftmütiges, duldsames Lächeln, das in unbeschreibliche Trauer übergehen wird.

In Gestalt von Dr. Paul Kersey zieht Bruce Willis jeden Tag im North Chicago Hospital den blaugrünen Arztkittel über und begibt sich in die Notaufnahme. Dort kann er oft nur noch den Todeszeitpunkt eines eingelieferten Patienten feststellen, wie zuletzt bei einem Polizisten, für den nach einer Schießerei jede Hilfe zu spät kam. Die Staatsmacht, das begreift Kersey am Operationstisch, kann ihre Sicherheitskräfte nicht mehr schützen, ebenso wenig wie die Bürger. Brutal bekräftigt wird Kerseys Erkenntnis durch den Überfall zweier Gangster auf sein Haus am Stadtrand. Seine Frau wird dabei tödlich verletzt, seine Tochter schwer verwundet.

Aus Kerseys Entsetzen und seinem Schuldgefühl, seine Familie nicht beschützt zu haben, wird Schmerz, Wut, Hass und dann der Entschluss zur Rache. Der Chirurg legt das Skalpell aus der Hand, marschiert ins Waffengeschäft und wählt aus dem reichhaltigen Angebot ein passendes Schießeisen. Seine Befürchtung, er müsse sich seinen Waffenbesitz erst langwierig amtlich genehmigen lassen, zerstreut die Verkäuferin: Ist nur eine kleine Formalität. Bisher wurde noch kein einziger Antrag abgelehnt. Schön, dass Gangsterbekämpfer ebenso leicht aufrüsten können wie Gangster.

Aus Dr. Kersey wird nun ein Dr. Jekyll, der tagsüber Leben rettet und nachts als Mr. Hyde unerkannt Leben beendet. Im Kapuzenpullover zieht er durch Chicagos gefährliste Viertel, zielt auf alle, die andere überfallen oder sonstwie bedrohen und fahndet nach den Tätern, die seine Frau auf dem Gewissen haben. Hat die Kriminalpolizei doch erkennen lassen, dass der Fall vermutlich ungelöst bleiben wird.

Der wohlbekannte „Stirb-langsam“-Bruce-Willis ist in diesem Rachethriller von Eli Roth („Hostel“, „Cabin Fever“) vollends zu einem Zyniker geworden, dem der Glaube ans Gute abhanden gekommen ist. Seine Entschlossenheit, das Böse zu bekämpfen, nimmt zu, dafür nimmt die Zahl seiner Sprüche ab. Aber es gibt sie noch, die guten alten Sentenzen. „Sind Sie der Eismann?“, fragt Willis einen Kerl, der kleine Jungs misshandelt. „Und wer sind Sie?“, fragt der Eismann zurück. „Ihr letzter Kunde“, knurrt Willis und schießt.

„Death Wish“ (Todeswunsch) gehört zu jenen amerikanischen Thrillern, in denen der Bürger zur Selbstjustiz greift, weil er nicht mehr auf den Staat vertrauen kann. Dieses Gefühl der Verunsicherung ist nicht neu, „Death Wish“ ist ein Remake von „Ein Mann sieht rot“ (1974) mit Charles Bronson. Die heute in der westlichen Gesellschaft empfundene Bedrohung wird aber zusehends stärker.

Dass Bruce Willis (62) nun nicht mehr den Detective von der Straße spielt, sondern den wohlsituierten Mediziner, steht für seinen Rückzug ins Altersfach. Seine ursprüngliche Rolle hat jetzt Dean Norris (54) übernommen. Dieser Schauspieler, bekannt als Drogenfahnder aus der Netflix-Serie „Breaking Bad“, ist etwas kleiner und etwas dicker als Willis, ebenso glatzköpfig, hat aber mehr Mimik drauf. Es ist eine Sehenswürdigkeit, wie er allein mit der Bewegung eines kleinen Gesichtsmuskels zum Ausdruck bringt, was ein Ermittler empfindet, der längst die Hoffnung aufgegeben hat, das Verbrechen eindämmen zu können, und trotzdem seine Arbeit macht. Wie ein Notarzt, der seinen Dienst antritt. Damit nicht alles noch schlimmer kommt. Sehenswert

In diesen Kinos

Frankfurt: Cinestar, Metropolis. Sulzbach: Kinopolis. Limburg: Cineplex. Offenbach: Cinemaxx. Hanau: Kinopolis. Mainz: Cinestar (D+OF)

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