Für Richard (Ronald Zehrfeld) gab es nur einen Weg, der Verfolgung durch das Nazi-Regime zu entkommen: Die Flucht nach Kuba.
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Für Richard (Ronald Zehrfeld) gab es nur einen Weg, der Verfolgung durch das Nazi-Regime zu entkommen: Die Flucht nach Kuba.

TV-Kritik

"Landgericht": Die zwiespältige Sache mit der anderen Frau

  • VonUlrich Feld
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Es war ein gutes Leben für die Familie von Richard Kornitzer (Ronald Zehrfeld): Er mit Stellung als Richter an einem Berliner Gericht, seine Frau Claire (Johanna Wokalek) mit eigener Firma. Aber er geriet als Jude schon 1933 bei der Machtergreifung des Nazis auf die Abschussliste, seine Frau verlor schließlich alles, weil sie sich nicht von ihrem Mann scheiden lassen wollte. 1938 schickt das Paar schließlich die gemeinsamen Kinder, den achtjährigen Georg und die fünfjährige Selma, in einem Kindertransport nach England.

Kindern war damals im Gegensatz zu Erwachsenen die  Einreise nach England erlaubt. Kurz danach flüchtet Richard Kornitzer nach Kuba, während seine Frau zurückbleibt. Nach dem Krieg kommt Kornitzer zurück, nimmt Kontakt zu seiner Frau und seinen Kindern auf. Aber die Jahre der Trennung haben ihre Spuren hinterlassen. Nicht nur zu seiner Frau, auch zu seinen Kindern findet der Jurist keinen echten Kontakt mehr. So wie die Eltern sich durch die lange Trennung auseinandergelebt haben, haben auch die Kinder Erfahrungen gemacht, die mit den Erinnerungen ihrer Eltern nicht mehr viel gemeinsam haben.

Am spannendsten: Die Geschichte Richard Kornitzers

Daneben will Kornitzer aber auch wieder in seinen alten Beruf, wobei er sowohl gegen alte Nazi-Seilschaften als auch um Wiedergutmachung und Entschädigung kämpft. Der ZDF-Zweiteiler greift sowohl die Stimmung der unmittelbaren Nachkriegszeit als auch das Familienleben der Kornitzers auf. Und hat, obwohl das Drehbuch diese beiden Erzählstränge im Prinzip recht gut miteinander verknüpft, damit zu kämpfen, dass Kornitzers Familiengeschichte im Grunde der viel spannendere Teil ist.

Oft fesselt einfach der Mikrokosmos, die eigene Gefühlswelt, das persönliche Erleben einer Figur durch die Möglichkeit zur Identifikation für den Zuschauer viel mehr als die große Weltpolitik. Besonders, wenn dann noch Themen wie Liebe, Ehe, Treue und Sex mit ins Spiel kommen: Es war nämlich kein schlechtes Leben, das Kornitzer auf Kuba führte. Zu den Vorzügen der Karibik kam noch eine Liebesbeziehung zu einer Kubanerin, in der er noch einmal Vater wurde. Während seine Frau zuhause als Nichtjüdin schwere Nachteile erleiden musste, weil sie sich nicht von ihrem Mann scheiden ließ.

Die Schuld im eigenen Kosmos

Genau dieses Spannungsfeld gibt aber Ronald Zehrfeld auch Gelegenheit, sein ganzes schauspielerisches Potential zu entfalten: Kennt man ihn etwa aus seiner Rolle als Ex-Zielfahnder Georg Dengler vor allem als kraftstrotzenden Koloss, kann er diesmal von diesem Image profitieren, indem er es umso präziser zerlegt. Nicht nur optisch hat sein Kornitzer mit Brille und Krawatte einerseits kaum noch etwas mit dem struppigen und proletenhaften Dengler gemeinsam oder jenem kantigen Mannsbild, das in "Sag mir nichts" die grazile Ursina Lardi verführte.

Im feinen Zwirn und glatt rasiert ahnt man die Muskeln und Maskulinität nur noch, aber es reicht aus, diesem Richard Kornitzer andererseits auf fast schon paradoxe Weise eine weiche Stelle zu verleihen: Man kann es sich nämlich ganz gut vorstellen, dass dieser virile Typ unter karibischer Sonne nicht lange auf weibliche Gesellschaft verzichten muss – und auch nicht verzichten will. Mit entsprechenden Folgen.

  Vorlage mit geteiltem Echo

Kornitzer will als unbelasteter Richter am Neuanfang mitwirken. Aber unbelastet ist er nur, was seine politische Vergangenheit betrifft. Seine persönliche Vergangenheit, sein Fehltritt auf Kuba macht ihn dagegen in seinem Mikrokosmos enorm verwundbar. Der Zweiteiler beruht auf der gleichnamigen Romanvorlage von Ursula Krechel, die auf geteilte Aufnahme stieß: Einerseits Ende 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, andererseits von Kritikern wie "Spiegel"-Autor Georg Diez regelrecht zerrissen.

Die Macher hinter der Kamera beweisen aber  einen souveränen und gefühlvollen Umgang mit dem Stoff, der zudem mit Christian Berkel, Felix Klare, Barbara Auer und Katharina Wackernagel noch weitere renommierte Schauspieler zu bieten hat. Die Vorlage beruht auf wahren Erlebnissen von Robert Michaelis, der in Wirklichkeit in Shanghai Zuflucht fand. Eine Dokumentation im Anschluss an den ersten Teil klärt über die Hintergründe auf. Der zweite Teil folgt am Mittwoch, 1. Februar.

Den ganzen Film gibt es

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