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Man muss die Wut nur richtig rauslassen

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Von: Martin Schwickert

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Der argentinische Episodenfilm „Wild Tales – Jeder dreht mal durch“ erzählt von Alltagsmomenten, in denen das Leben einen qualitativen Sprung macht.

Wut ist die treibende Kraft in Damián Szifrón „Wild Tales“ – ein Omnibusfilm, dessen sechs unabhängige Episoden von gefühlsstarken Ausnahmezuständen erzählen, in denen die Menschen ihre zivilisatorischen Hemmungen abwerfen. Dabei fangen die meisten Geschichten ganz harmlos an. Eine junge Frau checkt für einen Flug ein, den sie nicht selbst gebucht hat. Ein Mann braust entspannt mit seinem vollklimatisierten Audi über die Autobahn. Ein anderer kauft nach der Arbeit für seine Tochter eine Geburtstagstorte. Ein junges Paar lässt es zur Hochzeit richtig krachen. Aber dann werden schnell Risse in der Normalität sichtbar und Hindernisse vor den Protagonisten aufgetürmt.

Als der Vater aus der Bäckerei kommt, ist sein Auto unrechtmäßig abgeschleppt worden, und das ist der Beginn eines Kampfes gegen bürokratische Willkür, in dessen Verlauf er Nerven, Job und Familie verliert. Auch die beiden Männer, die auf der Überholspur der Autobahn aneinander geraten, rasten aus und steigern sich in eine groteske Gewalt hinein. Die schöne Braut verwandelt sich in eine Furie, als sie erkennen muss, dass ihr Mann sie betrügt. Jede Episode dieser Loseblattsammlung ist ein dramaturgisches und filmisches Feuerwerk, das aus verschiedenen Winkeln und in unterschiedlichen Genres den Seelenzustand einer Gesellschaft beleuchtet, in der hart gekämpft wird. Die Rede ist hier von Argentinien, das immer noch unter den drastischen Folgen des Staatsbankrotts leidet. Aber die zutiefst menschlichen Geschichten über die Erniedrigungen des Alltags, strukturelle Gewalt und unkontrollierte Wutausbrüche sind durchaus auch auf andere Kulturkreise übertragbar. Das Ganze wird in einer ungeheuer kompakten und dynamischen Filmsprache erzählt, in der sich Einflüsse Pedro Almodóvars (der den Film produziert hat), der Brüder Coen und Quentin Tarantinos filmisch wild vermischen. Sehenswert

Frankfurt: Harmonie, Orfeos Erben (OmU)

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