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Jakob Franck (Thomas Thieme, r.) und Inge (Ursina Lardi, l.) führen ihre Unterhaltung in Inges Stammkneipe weiter.

TV-Kritik

"Der namenlose Tag": Der Anti-Krimi

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An Prominenz fehlt es nicht in dieser Romanverfilmung: Zu drei namhaften Schauspielern kommt ein Oscar-Preisträger als Regisseur. Das Resultat weckt allerdings gemischte Gefühle.

Im herkömmlichen Kriminalfilm geht es um den Kommissar, der den Verbrecher jagt. Meistens den Mörder, Ladendiebstahl gibt spannungsmäßig nicht so viel her. Bei dem Mord geht es meistens um das Wann und Wie, während das Warum eher in den Hintergrund tritt. Auch das hat seine Gründe, denn das Stochern in menschlichen Abgründen gerät oft sehr wortreich. Was sich im Film, einem Medium, das von Bewegung lebt, meistens nicht so gut macht.

Mit Jakob Franck betritt nun ein sehr ungewöhnlicher Kommissar die Bühne, bei dem eine gewisse Statik zum Programm wird. Er verkörpert jene Ruhe, die durch die Hysterie und Aufregung auf der Gegenseite nur noch intensiver wird. Franck überbrachte einst den Angehörigen Gestorbener die Todesnachrichten. Da ist ihm nichts mehr fremd: Schockstarre, Tränen, Um-sich-schlagen oder ein schulterzuckend angebotenes Bier – alles hat Frank schon erlebt.

Friedrich Ani, Autor der gleichnamigen Romanvorlage, hat hier einen ganz speziellen Krimi-Protagonisten erschaffen.  Und Volker Schlöndorff, Oscar-Preisträger und Literatur-Verfilmer, mit  Thomas Thieme in der Rolle einen Glücksgriff getan: Thieme schafft es spielend, erahnen zu lassen, wie es in Jakob Franck aussieht. Es ist bei ihm allein schon dieser Kontrast zwischen winzigen schauspielerischen Nuancen und bulliger Erscheinung, der eine sehr spezielle Spannung aufkommen lässt.

Mittlerweile im Ruhestand, bekommt Frank nun Besuch von Ludwig Winther (Devid Striesow). Er kann sich noch daran erinnern, wie er Jahre zuvor ihrer Mutter die Nachricht vom Selbstmord ihrer Tochter Esther (Stephanie Amarell) überbrachte. Eigentlich nur eine Todesnachricht unter vielen, aber Doris (Ursina Lardi) hat sich damals stundenlang an ihn geklammert. Und jetzt ebenfalls erhängt, wofür Ludwig Winther Jakob Franck oder besser die ganze Polizei verantwortlich macht.

Hat Winther doch nie an einen Selbstmord seiner Tochter geglaubt, sondern stets darauf beharrt, der Zahnarzt von gegenüber, der auf junge Mädchen steht, müsste sie ermordet haben. Und Winther, eigentlich schon im Ruhestand, beginnt in der Vergangenheit des toten Mädchens zu graben. Striesows brodelnde Lebhaftigkeit gibt den gemeinsamen Szenen mit Thieme große Eindringlichkeit.

Besonders, als der Verdacht aufkommt, Winther könnte seine Tochter missbraucht haben: Hat Striesow doch in "Das weiße Kaninchen" sehr überzeugend einen pädophilen Lehrer verkörpert. Von der Handlung her zeigt sich Schlöndorffs erster TV-Krimi aber dennoch als eine sperrige Angelegenheit. Mit der esoterisch erscheinenden Ermittlungsmethode Francks muss man sich als Zuschauer erst einmal anfreunden.

Zwar ist Schlöndorff zu bescheinigen, dass er diese Szenen optisch sehr fesselnd umgesetzt hat, wenn sich Franck auf den Rücken legt und den Fall vor sich ablaufen lässt. Inhaltlich reizvoller wirkt aber die Szene mit Ursina Lardi, die auch die Rolle von Doris‘ Schwester Inge spielt, im Café. Hier ist Schlöndorff ein perfekt verdichtetes  Spiel um die Themen Annäherung, Sprachlosigkeit, Verletzungen und Abwehr gelungen. Für den ganzen Film gilt das aber nur eingeschränkt.

Winthers Tochter, obgleich von Stephanie Amarell sehr gut gespielt, erzählt etwa Missbrauchsgeschichten über ihren Vater, weil der ihr nicht alle Wünsche erfüllen kann: Sie weckt als verzogene und verlogene Pubertierende nur wenig Interesse. Die vielen Flashbacks sind oft willkürlich in die Geschichte eingearbeitet. So recht kann "Der namenlose Tag" deswegen nicht zünden. Die  optische Gestaltung und Führung der Schauspieler bewegt sich allerdings auf sehr hohem Niveau.

Sie finden den Film ab sofort

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