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Bleihaltige Luft: In einem von ihm ausgelösten blutigen Bandenkrieg steigt Tony Camonte (Paul Muni, links) zum gefürchteten Gangsterboss auf.

TV-Kritik

"Narbengesicht": Die Quintessenz des Gangsterfilms

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Dieser Film ist ein Klassiker des Gangsterdramas und zugleich viel mehr als das. "Narbengesicht" war zu seiner Zeit ein echter Höllenfilm und im Grunde hat sich daran seit fast 90 Jahren nicht viel geändert. Die Behandlung, die er erfuhr, sagt viel aus über die Gesellschaft, die er porträtiert. Er wurde wegen seiner Gewaltdarstellung und angeblicher Glorifizierung der Gangster zensiert, umgeschnitten und mit einem neuen Ende versehen. Und obwohl sein Regisseur Howard Hawks wie auch Produzent Howard Hughes zu Hollywoods Legenden zählen, erlebte der Film seine Premiere in Deutschland erst im August 1981.

 

Sein eigentlicher Schöpfer war der Pulp-Autor Armitage Trail, der in Wirklichkeit Maurice Coons hieß. Ein Bild gibt es nicht von Coons, aber es heißt, er wäre alkoholkrank und über drei Zentner schwer gewesen, als er 1930 mit nur 28 Jahren in einem Kino einem Herzinfarkt erlag. Sein Roman liest sich teilweise reißerisch und dann wieder wie eine gut recherchierte Kriminalreportage. Mit dem Film hat er nicht mehr viel zu tun, was manchmal schade ist: Der Gangster aus dem Buch erhält etwa als Soldat im Ersten Weltkrieg den letzten Schliff als Killer, was im Film nicht vorkommt.

 

 

Aber Krieg herrscht ja auch im Film. Die historisch realen Bandenkriege der 1920er Jahre, ausgelöst unter anderem durch die Prohibition, bilden den Hintergrund, in denen sich Tony "Scarface" Camonte mit viel Blei den Weg nach oben freischießt. Der Schauspieler Paul Muni verlieh Tony Camonte Gestalt und Gesicht, und die schnaubende, brodelnde Energie, mit der er das tat, findet in der Filmgeschichte kaum Vergleichbares - höchstens James Cagney kam als Arthur "Cody" Jarrett in "Maschinenpistolen" an ihn heran.

 

Zum Meilenstein der Filmgeschichte aber wurde "Narbengesicht" nicht nur durch Muni und eine für den frühen Tonfilm mit seiner umständlichen Aufnahmetechnik nahezu einzigartig dynamischen Inszenierung (die man in vielen Hawks-Filmen findet). Und auch nicht alleine dadurch, dass er viele Grundmuster und Charaktertypen des US-Gangsterfilms festlegte wie den psychotischen Killer, das kalte und berechnende Gangsterliebchen oder den großen Boss, der sich schon lange nicht mehr persönlich die Hände schmutzig macht.

 

Sondern auch durch seine scharfe Gesellschaftskritik. Der Film zeigt Camonte ausführlich nicht nur als Mörder und Zerstörer alter Vorstellungen und Loyalitäten, sondern auch als Schöpfer neuer und noch härterer Machtstrukturen. Camonte mordet bedenkenlos, aber nicht wahllos. Dabei zeigt er sich als ein Spiegelbild des herrschenden Systems. Der Gangster ist als Raubtier als ultimative Verkörperung eines Raubtierkapitalismus, der nur wenige Sieger und viele Verlierer produzierte.

 

 

Tony Camonte lernt beide Seiten des Systems kennen: Er steigt sehr hoch, um anschließend umso tiefer zu fallen. Das zeitgenössische Amerika erkannte sich selbst in ihm wieder: Noch war die rauschhafte Stimmung der "Roaring Twenties" unvergessen, in denen alles machbar erschien. Spätestens mit dem New Yorker Börsenkrach von 1929 und der anschließenden Weltwirtschaftskrise kam die große Ernüchterung. "The world is yours" blinkt ironisch eine Leuchtreklame, als Camonte im Kugelhagel der Polizei sein blutiges Ende findet. Der amerikanische Traum endet als Albtraum.

 

Regisseur Brian de Palma und Drehbuchautor Oliver Stone verlegten im Jahr 1984 das Remake von "Scarface"  mit dem hervorragenden Al Pacino ins Milieu kubanischer Drogenschmuggler. Mittlerweile ist ein weiteres Remake mit Leonardo DiCaprio in der Titelrolle in Planung. Angesichts eines Amerika mit Aktienindex im Höhenrausch auf der einen und kaputten Städten samt zerfallender Mittelschicht auf der anderen Seite dürfte die Zeit reif dafür sein. Allerdings wird garantiert keine Neuverfilmung je die rohe Kraft des Originals von Hawks erreichen.

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