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Edward Pilaster (Daniel Straesser) gibt sich der Sucht des Opiumrauchens hin.

TV-Kritik

"Die Pfeiler der Macht": Thriller und Bilderrausch

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Ein wenig wundert man sich ja über die Sendezeit des Films im Januar. Eigentlich passen dermaßen gewaltige Kostümepen doch eher in die Vorweihnachtszeit, wie die Charles Dickens-Verfilmung "Little Dorrit", den Arte an Weihnachten wiederholte. Dickens ist überhaupt ein gutes Stichwort, denn der wird in "Die Pfeiler der Macht" ebenso namentlich erwähnt wie Karl Marx. Besser hätte Eugène Sue gepasst, der mit seinem Roman "Die Geheimnisse von Paris" so was wie der französische Charles Dickens war.

Sue kannte man auch in England. Nur heute ist er leider längst vergessen - die letzte Verfilmung seines Romans entstand Anfang der 80er Jahre. Wie "Little Dorrit" und die Sue-Verfilmung zeigt auch der ZDF-Zweiteiler ein üppig bebildertes Sittengemälde des 19. Jahrhunderts, wobei "Die Pfeiler der Macht" dazu eine umfangreiche Familiengeschichte erzählt. 600 Seiten umfasst der Roman von Ken Follet, auf dem der Film beruht. Im Mittelpunkt steht Hugh Pilaster (Dominic Thorburn), dessen Vater nach einem beruflichen Misserfolg Selbstmord begeht.

 

 

In der familieneigenen Bank, die von seinem Großvater Seth (Rolf Hoppe) und seinen Onkeln Joseph (Thorsten Merten) und  Samuel (Axel Milberg) geleitet wird, absolviert er eine Ausbildung zum Bankkaufmann. Weit weniger gut hat es Maisie (Laura de Boer), die durch Pilasters Selbstmord im Elend landet: Ihr Vater ging nach Amerika, um dort einen Neuanfang zu suchen, und ließ sie alleine und mittellos zurück. Sie versucht sich und ihre kranke Tochter mit allen Mitteln am Leben zu erhalten und träumt von einer gerechteren Welt.

 

Aber auch für Hugh Pilaster ist nicht alles eitel Sonnenschein, denn seine Erfolge erregen den Neid seines labilen Cousins Edward (Daniel Sträßer) und dessen intriganter Mutter Augusta (Jeanette Hain). Eine Menge Figuren also, die in der Handlung untergebracht, vorgestellt und mit guten Szenen versorgt werden wollen. In einigen Momenten gerät Regisseur Christian Schwochow („Bornholmer Straße“) dabei an seine Grenzen und scheint nicht so recht zu wissen, wo er denn nun eigentlich hin will.

 

 

Man fragt sich manchmal: Soll das nun ein episches Kostümdrama mit handfesten Verwicklungen oder eine Parodie darauf sein? Einige Szenen lassen den Zuschauer nämlich leicht ratlos zurück - so wenn die Leiter der Bank durch ein Spalier von Angestellten schreiten und denen mit elegantem Schwung ihre Zylinder zuwerfen. Ironische Verfremdungen dieser Art vergrößern eher die Distanz des Zuschauers zum Geschehen. Auch hätte Axel Milberg als homosexueller Samuel keine blonde Perücke gebraucht.

 

Zum Glück hält sich Schwochow aber zurück, was solche Kunstkniffe betrifft. Zu Beginn wirkt das Geschehen noch etwas episodisch, doch schon sehr bald steigt die Spannung. Besonders Jeanette Hain als überehrgeizige und von unterdrückter Erotik brodelnde Augusta und Daniel Sträßer als ihr dekadenter Sohn Edward, der ebenso krampfhaft seine Neigung zu seinem Freund unterdrücken muss, hinterlassen dabei einen ausgezeichneten Eindruck. Aber auch die anderen Darsteller fallen nicht ab.

 

 

Zusammen mit Kameramann Frank Lamm rückt Schwochow auch immer wieder die sozialen Umstände der Charaktere in den Mittelpunkt und sorgt für einen wahren Bilderrausch. Alles macht einen ungemein authentischen Eindruck, von den verschlammten Wegen im Londoner Elendsviertel Whitechapel bis zum Marmorpalast der Pilaster-Bank. Dazu gibt es Riesenmengen an üppigen Kostümen, Kämpfe von Hund gegen Ratte und Boxer gegen Boxer in verräucherten Kaschemmen, Kutschen und Opiumhöhlen zu bestaunen.

 

Man wartet nur darauf, dass in dem victorianischen Thriller gleich Sherlock Holmes um die Ecke schaut. Die vielen Szenen mit Massen an authentisch im Stil des 19. Jahrhunderts gekleideten Statisten lassen den Zuschauer buchstäblich mit offenem Mund zurück. Man fasst es nicht: Dieser Superfilm soll nur acht Millionen Euro gekostet haben? Nun sind acht Millionen für deutsche TV-Verhältnisse gewiss kein Pappenstiel, aber der Film sieht tatsächlich noch weit teurer aus. Dafür benötigt Hollywood mindestens das zehnfache Budget!

 

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