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Alain Prioux (Christian Clavier, l.) und der seltsame Gast Patrick (Sébastien Thiéry) beim Frühstück.

Familienkomödie "Nicht ohne Eltern"

Plötzlich sitzt er am Küchentisch

Im französischen Original heißt „Nicht ohne Eltern“ eigentlich „Momo“. Der Film hat nichts mit dem Kinderbuch von Michael Ende zu tun – aber viel mit Eltern und ihrem Nachwuchs.

Die Sache ist so dreist, dass sich der Zuschauer unvermittelt überlegt, wie er wohl selbst reagieren würde, wenn im Supermarkt plötzlich ein etwas verwahrloster Kerl seine Einkäufe in den eigenen Wagen packt. Alain Prioux, dem dies beim Wocheneinkauf mit seiner Ehefrau widerfährt, ist zunächst baff. Und als der Fremde, der auf Fragen partout nicht reagiert, unbekümmert weitere Waren anschleppt, wird Prioux ungehalten; irgendwie grenzt das an Belästigung.

Seine Frau Laurence, die immer dann zwei Regale um die Ecke verschwunden ist, wenn der Kerl auftaucht, glaubt dem Gatten zunächst kein Wort. Als der Einkaufswagen samt der mysteriösen Erscheinung plötzlich sogar ganz verschwindet, sorgt sie pragmatisch dafür, dass die Waren noch einmal zusammengesucht werden und der Vorfall gemeldet wird.

Binnen weniger Minuten gelingt es den Filmemachern meisterhaft, in einer Exposition eine absurde Situation als wahrhaftig erscheinen zu lassen – und zugleich die Protagonisten und deren Beziehungen zueinander einzuführen. Alain und Laurence sind ein wohlsituiertes und zufrieden in die Jahre gekommenes Paar, dessen Alltag von Routine, aber auch von gegenseitigem Vertrauen und dem Wissen um Stärken und Schwächen des jeweils anderen geprägt scheint; dass mit Christian Clavier und Catherine Frot zwei versierte Schauspieler vor der Kamera stehen, ist dabei überaus dienlich.

Denn es kommt noch dicker: Als die Prioux’ erschöpft nach Hause kommen, steht der Mann aus dem Supermarkt unter ihrer Dusche und setzt sich danach seelenruhig an den Küchentisch. Alain, der einen Gauner vor sich zu haben glaubt, will die Polizei einschalten. Doch Laurence reagiert verblüffend anders. Im Unterschied zu ihrem Mann versteht sie, was Patrick sagt, sofern er den Mund überhaupt aufmacht; offensichtlich ist er hörbehindert und spricht entsprechend undeutlich.

Patrick ist von Laurence begeistert und nennt sie „Momo“, was sich im Französischen lautmalerisch von „Maman“ ableitet ist. Laurence ist „touchée“: be- und gerührt; im Gegensatz zu ihrem Ehemann leidet sie in einem Alter, in dem die Diskussion über Kinder längst abgeschlossen ist, noch immer darunter, dass ihre

Ehe ohne Nachwuchs

geblieben ist.

Als Alain in Patricks Reisetasche ein vergilbtes Foto findet, welches ihn und Laurence während einer vor Jahrzehnten unternommenen Reise in Marokko zeigt, auf dessen Rückseite jemand in krakeliger Schrift „Maman & Papa“ geschrieben hat, wird die Sache noch mysteriöser. So gewiss Laurence sich auch ist, nie ein Kind geboren zu haben, so sehnlich wünscht sie sich, dass dem anders wäre. Von Alain besorgt beäugt, schließt sie Patrick von Minute zu Minute mehr in ihr Herz. Auf dem grotesken Höhepunkt des Films gebiert Laurence im Traum einen erwachsenen Sohn.

„Nicht ohne Eltern“ beruht auf einem Theaterstück von Sebastien Thiery, das dieser jetzt zusammen mit Vincent Lobelle verfilmt hat. Thematisch schöpft die Inszenierung aus dem Vollen. Während André immer noch davon überzeugt ist, einem raffinierten Betrüger aufzusitzen, beginnt Laurence ernsthaft zu überlegen, ob ihr Mann sie vor Jahrzehnten betrogen hat und Patrick irgendwie doch zur Familie gehört.

Stressfrei geht das für alle Beteiligten nicht über die Bühne, und während die Story eine aberwitzige Wendung nach der anderen nimmt, schaukelt sich die Stimmung bedrohlich hoch. Die (An-)Spannung erreicht ihren Höhepunkt, als Patrick seine hochschwangere und sehbehinderte Verlobte und deren Hund herbeiholt, ein kaum zu bändigendes Tier, das eine heilige Aversion gegen Alain entwickelt; in Wirklichkeit ist es aber ein waschechter deutscher Schäferhund, der lammfromm wird, sobald man Deutsch mit ihm spricht.

„Nicht ohne Eltern“ ist ein höchst unterhaltsames Werk geworden. Es greift mit vergnüglicher Leichtigkeit auch ernstere Themen auf. Der Film schreibt sich souverän in den Kanon des französischen und belgischen Kinos ein, wo seit Jahrzehnten nicht nur sozialkritische Dramen, sondern ebenso auch muntere Komödien die Befindlichkeiten von Kleinbürgern ausloten und dabei grundsätzliche Fragen des Zusammenlebens thematisieren. Sehenswert

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