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"Roomservice": Unbedingt sehenswerte Kopie

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Von: Ulrich Feld

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Ihr Tod bringt den Fall ins Rollen: Das Zimmermädchen Jasmin Akhtar (Naima Fehrenbacher) ist in das Treppenhaus eines Luxushotels gestürzt.
Ihr Tod bringt den Fall ins Rollen: Das Zimmermädchen Jasmin Akhtar (Naima Fehrenbacher) ist in das Treppenhaus eines Luxushotels gestürzt. © SWR-Pressestelle/Fotoredaktion

Eine

Einen so starken Film hätte man den Machern dieses "Tatort"-Krimis gar nicht zugetraut. Von den Drehbuchautoren Stefan Dähnert und Patrick Brunken stammte schon der ziemlich misslungene Steuerkrimi "Die Fahnderin" mit Katja Riemann. Außerdem hatten die beiden die Drehbücher für die Doppelfolge "Wegwerfmädchen" und "Das goldene Band" mit Maria Furtwängler verfasst. Was dort der furiose erste Teil an Spannung aufbaute, riss der zweite souverän wieder ein. 

Die Tote ist diesmal nach einem Sturz ein Zimmermädchen in einem Luxushotel. Sie hatte kurz zuvor Sex mit Joseph Sattler (Peter Sattmann), ehemals pfälzischer Ministerpräsident und mittlerweile EU-Kommissar, der für eine Frauenquote kämpft. Privat pflegt er Frauen jedoch zur raschen Triebabfuhr zu benutzen oder auch, wie sich noch herausstellen wird, für bedeutend schmutzigere Jobs - und sie anschließend wegzuwerfen (was irgendwie auch an den Titel "Wegwerfmädchen" erinnert).

Ehefrau als Anwältin

Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) nimmt die Ermittlungen auf. Alles deutet zunächst auf Sattler als Täter hin, aber der hat nachweislich das Hotel zum Zeitpunkt des Todessturzes schon verlassen. Hat er das Zimmermädchen vergewaltigt? Er behauptet jedoch, sie für den Sex bezahlt zu haben. Sattlers Anwältin Valerie Sattler (Suzanne von Borsody) ist auch seine Ehefrau.

Während Lena Odenthal sich in einen Kleinkrieg mit ihrer Konkurrentin Johanna Stern (Lisa Bitter) verwickelt, stellt sich auch die Frage, was der Journalist Wolfgang Schüttler (herrlich schmierig: Jürgen Rissmann) und der Hotelmanager mit dem Fall zu tun haben. Sollte Sattler, dessen Vorliebe für dunkelhaarige exotische Schönheiten kein Geheimnis war, in eine Falle gelockt werden?

Parallelen zu "Eine Frage des Gewissens"

Das Ende erinnert massiv an den Schluss des hervorragenden Stuttgarter "Tatort"-Krimis "Eine Frage des Gewissens" vom vergangenen Herbst: In beiden Fällen begeht nämlich eine Frau (beides Mal eine Anwältin!) ohne Wissen ihres Ehemannes einen Mord, um einen Fehltritt ihres Mannes zu decken - im Stuttgarter "Tatort" war es zusätzlich eine Vergewaltigung - und tötet sich am Ende selbst, als ihre Rolle offenbar wird. Die emotionale Wucht des dramatischen Endes ist aber nahezu identisch.

Nur kommt hier als verschärfendes Element noch die eiskalte Illoyalität Sattlers gegen seine Frau hinzu. "Damit musst du allein fertigwerden" schleudert er seiner Frau entgegen, als er die Situation durchschaut. Gleich darauf stürzt sich seine Frau auf die gleiche Weise in den Tod, wie sie auch das Zimmermädchen ermordet hat. Suzanne von Borsody verleiht der Ehefrau eine eindrucksvolle darstellerische Präsenz und beweist wieder einmal, dass sie zu den besten Schauspielerinnen im deutschen Fernsehen gehört.

  Peter Sattmann wirkt zu blass

Sie hätte ein paar mehr Szenen verdient. Allerdings hätte das die einzige nennenswerte Schwäche noch deutlicher werden lassen: Peter Sattmann kommt als sichtlich von Dominique Strauss-Kahn inspirierter "triebgesteuerter Macho", als der er im Handlungsverlauf auch bezeichnet wird, einfach zu blass rüber. Lag es an der Regie? Ein solcher Charakter hätte deutlich charismatischer wirken müssen, damit der Zuschauer auch zumindest ansatzweise nachvollziehen kann, warum ihm seine Ehefrau so fanatisch die Treue hält.

Ansonsten ist den Machern mit diesem "Tatort" aber trotz - oder gerade wegen? - der offensichtlichen Kopie von "Eine Frage des Gewissens" einer der Höhepunkte der laufenden Krimisaison gelungen. Dicht geknüpfte Handlung, ordentlich Tempo - darunter eine rasante Fahrt vom Kommissar Mario Kopper am Steuer seines Oldtimers vom Typ Fiat 130 - und das alles zusammengehalten durch schnörkellose Regie - hier passt alles.

Witzigerweise gibt es auch im Stuttgarter "Tatort" einen Oldtimer: Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller) steuert einen 1974er Porsche 911 S Targa. Die Diskussionen über die Frauenquote in Roomservice" wirken zwar aufgesetzt, aber sie stören den guten Eindruck kaum, weil knapp gehalten. Wer den Film nicht gesehen hat: Noch steht er in der ARD-Mediathek zur Verfügung. Und "Eine Frage des Gewissens" ist in ganzer Länge unter diesem Titel in youtube.de zu sehen. Ein Vergleich lohnt sich!

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