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"Shame": Sexsucht als gelackte Bilderflut

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Von: Ulrich Feld

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In der U-Bahn wird Brandon (Michael Fassbender) gegenüber einer attraktiven Unbekannten (Lucy Walters) zudringlich und verfolgt sie beim Aussteigen.
In der U-Bahn wird Brandon (Michael Fassbender) gegenüber einer attraktiven Unbekannten (Lucy Walters) zudringlich und verfolgt sie beim Aussteigen. © ZDF

Warum ein Oscar-Preisträger vor lauter Ehrgeiz komplett daran scheitert, über einen Porno- und Sexmaniac ein mitreißendes Erotikdrama zu drehen.

Sexsucht ist eine Krankheit mit vielen Gesichtern. Brandon (Michael Fassbender) zeigt sie gewissermaßen alle. Der gutaussehende Mitdreißiger hat eine gutbezahlte Stelle in einer New Yorker Werbefirma. Er tritt freundlich und kultiviert auf, doch sein Computer funktioniert nicht mehr, weil er sich auch im Büro ständig Pornos betrachtet. Er masturbiert auch während der Arbeit heimlich auf der Toilette, flirtet aggressiv in Bars und wird regelrecht zudringlich gegenüber einer Frau, die er in der U-Bahn betrachtet.

Natürlich pflegt er auch Kontakte zu Prostituierten oder nimmt eine zufällige Barbekanntschaft im Freien. Der Besuch seiner Schwester Sissy (Carey Mulligan), einer noch nicht allzu erfolgreichen Sängerin, empfindet er als unangenehme Störung seiner Aktivitäten. Nach einem Auftritt lernt sie seinen Chef kennen. Als sie mit ihrem Bruder wegen seines Lebens in Streit gerät, wirft er sie aus seiner Wohnung, worauf sich eine Katastrophe anbahnt.

Alles viel zu inszeniert und gelackt

Regie führte in dem Großstadt-Drama Steve McQueen, der für "12 years a slave" einen Oscar für den besten Film gewann. McQueen, der zusammen mit Abi Morgan auch das Drehbuch verfasst hat, findet jedoch zum Thema Sexsucht keinen wirklich überzeugenden Zugang. Die Inhaltsangabe deutet es schon an: Brandon ist nicht etwa Hausmeister, Straßenreiniger oder Gärtner, sondern natürlich gut bezahlter Werbefachmann, der sich für gewöhnlich im schicken Ambiente bewegt. 

Dieses Schicke, Gelackte durchdringt die ganze Geschichte und bestimmt ihre Gestaltung oft bis in das kleinste Detail. McQueen vertraut auf ehrgeizig durchkomponierte, oft mit gediegener Musik unterlegte Bildsequenzen. Sie würden als moderne Kunst beeindrucken, wenn es darum ginge, das Leben in New York künstlerisch zu gestalten. Doch sie versagen, wenn es darum geht, Brandon begreifbar zu machen oder gar Gefühle für ihn und das gezeigte Geschehen zu wecken.

Die Kamera bleibt meist auf Distanz, viele Szenen spielen im Halbdunkel. Brandons Gesicht ist nur selten ohne eine gestalterische Zutat - etwa durch Halbschatten oder eine ganz bestimmte Beleuchtung - zu sehen. Selbst während eines langen Disputs mit seiner Schwester filmt die Kamera ihn und Sissy ohne Schnitt minutenlang von hinten, und man sieht ihre Gesichter nur im Halbprofil. Diese Manierismen mögen beeindrucken - aber sie berühren nicht. Brandons Handeln weckt darum weder Anteilnahme noch Widerwillen - es lässt schlichtweg kalt.

Empfehlenswert: Der Vergleich mit Friedkin und Ripploh

Das wird besonders deutlich, wenn man "Shame" einmal mit einem Klassiker des Großstadtfilms vergleicht: dem Krimi "French Connection" (1971) von William Friedkin, der ebenfalls in New York spielt und dessen Hauptcharakter Jimmy "Popeye" Doyle durchaus auch Züge eines Sexmaniacs besitzt. Friedkins Regie zeichnete sich hier vor allem durch Unauffälligkeit aus, sie zeigt die handelnden Personen und das Schäbige, Verfallene hautnah.

Oft meint man, gar keinen Film zu sehen, sondern eine Dokumentation, gefilmt von einem heimlichen Kamerateam. Zum Vergleich mit "Shame" ist auch Frank Ripplohs im Schwulenmilieu angesiedelter "Taxi zum Klo" (1980) empfehlenswert, in dem der Regisseur einen sexsüchtigen Lehrer spielt. Ripplohs Film geriet zweifellos höchst drastisch, aber auch bemerkenswert frisch und unverstellt.

McQueens Regie geht genau den entgegengesetzten Weg - und erreicht durch diesen abgehobenen Stil leider nur gähnende Langeweile. Witz und Ironie fehlen total, und nie hat man das Gefühl, etwas anderes als etwas Gemachtes und Gestelltes zu sehen. Sogkraft kann der Film auf diese Weise nicht entwickeln. Als Erotikdrama versagt "Shame" darum trotz respektabler Leistungen von Fassbender und Mulligan auf ganzer Linie. Der Streifen taugt als gutes Anschauungsobjekt dafür, wie man es nicht machen sollte.

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Guten Morgen zusammen, habt Ihr Euch gestern im ZDF das Erotikdrama "Shame" angesehen? Wie fandet Ihr ihn? TV-Kritiker...

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