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"Tierfabrik Deutschland": Der blanke Horror

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Von: Ulrich Feld

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Mastferkel im Stall, erst wenige Wochen alt.
Mastferkel im Stall, erst wenige Wochen alt. © Wolfgang Lindig

Es k

Es klingt zunächst mal viel versprechend, was im Deutschen Tierschutzgesetz steht: "Niemand darf einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zufügen". Der Teufel steckt aber im Detail. Was heißt "Ohne vernünftigen Grund"? Sind billige Preise für Fleisch- und Wurstwaren, für Milch und Milchprodukte ein vernünftiger Grund? Viele sind gegen Massentierhaltung, doch bei billigen Preisen für Lebensmittel greifen sie trotzdem zu. Diese Reportage zeigt den Preis, den die Tiere dafür zahlen müssen.

Die Kommentare in dem Film von Jörg Göbel und Christian Rohde klingen lakonisch. "Lebensmittel - möglichst viel, am liebsten billig". So die Küken in einer gigantischen Brüterei. Hunderte, Tausende der Jungvögel in Plastikkörben, wie sie auch Bäckereien oft für ihre Waren verwenden. Wenn sie geschlüpft sind, werden die männlichen Tiere - sie unterscheiden sich durch ihre gelbe Farbe von den braunen Weibchen - aussortiert und kommen in eine Gaskammer.

Kükentod in der Gaskammer

Und der Film zeigt ihr Sterben. Aufgenommen wurden die Szenen in einer anderen Brüterei von Tierschützern. Das aufgeregte Zwitschern verstummt, die kleinen Schnäbel schnappen nach Luft, die Köpfchen biegen sich in den Nacken.

Brütereimeister Werner Hockenberger gibt zu: "Das Hähnchentöten ist hier so ziemlich die schlimmste Tätigkeit". Aber niemand will die männlichen Küken haben. Sie großzuziehen lohnt sich nicht: Sie legen nicht an Fleisch zu, sondern an Knochenwachstum.

Der Geflügelzüchter Peter Schubert zieht auf seinem Biohof auch männliche Tiere groß. Für den Landwirt sind Hähne kein Abfallprodukt. Doch das rentiert sich nur, wenn Verbraucher auch bereit sind, einen kleinen Aufpreis zu zahlen - Peter Schubert nennt einen Betrag zwischen drei und vier Cent! Mittlerweile ist es möglich, das Geschlecht von Küken bereits im Ei zu erkennen. Eier mit männlichen Küken finden als Tierfutter Verwendung. Aber auch diese Technik gibt es nicht zum Nulltarif - leider versäumt der Film, aufzuzeigen, wie hoch der Aufpreis für den Endverbraucher wäre.

  Das Problem wurde schon 1999 erwähnt

4,3 Millionen Milchkühe, 40 Millionen Legehennen und 60 Millionen Schweine gibt es in Deutschland. Niedersachsens Agrarminister Christian Meyer (Grüne) setzt sich für ihre artgerechte Haltung ein. Christian Schmidt (CSU), seit dem 17. Februar 2014 Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft, vertritt auf den ersten Blick die gleiche Position. Doch die Realität sieht anders aus. Schon im Tierschutzbericht der Bundesregierung von 1999 wurde das massenhafte Töten von Eintagsküken aufgrund ihres Geschlechts angeprangert. Doch es dauert an, bis heute.

In anderen Bereichen der Tierzucht sieht es im Grunde nicht viel besser aus. Schweine werden von Züchtern wie Adrianus Straathof in gigantischen Tierfabriken mit rund 50.000 Tieren gehalten. Der Film zeigt Aufnahmen von Tierschützern: Schweine in viel zu engen Boxen. Ferkel werden dabei unter ihren Müttern erdrückt, weil der Platz nicht reicht. Weil die Schweine oft mehr Ferkel werfen, als sie Zitzen haben, werden überzählige Tiere genommen und auf den Boden geschmettert - Problem gelöst.

Auch 800.000 Euro Bußgeld änderten nichts

Immerhin geriet Straathof ins Visier der Justiz, musste Bußgelder in Höhe von 800.000 Euro zahlen. Ende 2014 verhängte Landrat Steffen Burchardt aus dem Jerichower Land ein Tierhaltungsverbot gegen Straathof. Straathof wehrt sich indessen dagegen. Er ist zwar als Geschäftsführer zurückgetreten, doch Treuhänder führen seine Geschäfte weiter. Mittlerweile entsteht seine nächste Tierfabrik. Elf neune Ställe mit 6800 Tierplätzen haben ihm die Behörden genehmigt.

Der Film zeigt das tierische Elend in höchst drastischen Bildern - etwa Kälberföten, die ihm Leib ihrer trächtigen und für den Schlachthof bestimmten Muttertiere ersticken. Das Fazit fällt niederschmetternd aus: Es gibt zwar wohlklingende Lippenbekenntnisse gegen "ökonomische Zwänge", doch weiter passiert nicht viel. Letztlich hat der Verbraucher die Macht - und damit auch die Verantwortung.

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