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Thomas will sich der Polizei stellen; Helena ist dagegen, allein der Kinder wegen, um die sie sich Sorgen macht (Marcus Mittermeier; Julia Koschitz).

TV-Kritik

"Tödliche Versuchung": Sex-Thriller der Spitzenklasse

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Der Anfang des Films verheißt Sinnlichkeit: Ein herrlicher See unter blauem Himmel, eine Frau im Badeanzug, die ins Wasser steigt, weiter draußen ihren Mann im Wasser trifft und mit ihm schwimmt. Helena Kettner (Julia Koschitz) und ihr Mann Thomas (Marcus Mittermeier) betreiben im Umland von München einen Bio-Bauernhof und leben in einem wahren Paradies. In einer Idylle, die so perfekt ist, dass es schon fast bedrohlich wirkt - sie wird zerbrechen.

 

Denn auf einer Ausfahrt von Gemüse in München lernt Helena den Studenten David (Vladimir Burlakow) kennen. Seine Komplimente tun ihr gut, obwohl er viel jünger ist als sie. Und sie landen im Bett. Sehr bald schöpft Thomas Verdacht und beschattet seine Frau. Er sieht, wie ihn Helena betrügt. Er sucht David auf, stellt Fragen. "Wir ficken" lautet dessen lapidare Antwort - und Thomas verliert die Beherrschung: Er greift sich eine Karaffe und schlägt zu.

 

Bald lässt sich ein Kripo-Beamter auf dem Hof sehen. David wird vermisst, er tauchte nicht auf dem Geburtstag seines Vaters auf. Er hatte einen Ruf als Verführer. Und bald danach macht Helena eine schreckliche Entdeckung: Sie findet Davids Leiche in der Scheune, fährt ihn in den Wald und verbrennt ihn. Und dann versucht sie zusammen mit ihrem Mann, die Tat zu vertuschen und ihre Ehe zu retten.

 

 

Es gibt Filme, die können nur daneben gehen. "Tödliche Versuchung" ist indessen das genaue Gegenbeispiel. Helenas Ehe scheint makellos, doch irgendetwas scheint zu fehlen. Ein mit Strass besetztes Kleid in einem Schaufenster dient als Metapher für unerfüllte Wünsche. "Das würde ihnen toll stehen", hört sie David sagen und antwortet: "Ich leb auf dem Land, wann hab ich schon Gelegenheit, so was anzuziehen". 

 

Als sie sich erstmals mit David in dessen Wohnung trifft, streift sie die Schuhe von ihren nackten Füßen, an denen sie sonst auf dem Hof dicke Socken und klobige Schuhe trägt. Barfüßigkeit als Metapher für erotische Hemmungslosigkeit - Fußfetischist Quentin Tarantino hätte vermutlich seine helle Freude daran. Es sind auch und gerade diese kleinen, fein beobachteten Details, die dieses Drama zu einem echten Spitzenfilm machen. Sie erzählen vom Zerbrechen einer Idylle, von Verlust von Vertrauen und Geborgenheit.

 

 

Und vom Überschreiten von Grenzen. "Das muss aufhören" sagt Helena immer wieder, doch die Lawine ist schon dem ersten Fehltritt nicht mehr aufzuhalten. Aber es ist Julia Koschitz, die diesem Drama die Krone aufsetzt. Ihre durch den Kurzhaarschnitt leicht ins Androgyne spielende grazile Attraktivität, ihr reduziertes und gerade darum umso ausdrucksstärkeres Spiel und ihre aufreizende Zurückhaltung passen eigentlich immer, hier aber besonders gut: Sie wirkt besonders mit nichts am Leib so zerbrechlich wie die Idylle zu Beginn des Films.

 

Es spricht für Marcus Mittermeier und die Regie, dass er sich von Julia Koschitz' Kulleraugen-Schönheit nicht die Schau stehlen lässt. Wie er in seiner Figur die wachsende Verzweiflung und Ausweglosigkeit erkennen lässt, ist schauspielerisch große Klasse. In Nebenrollen sind einige bekannte Gesichter zu sehen, so Tilo Prückner. Stolz auf den Film sein dürfen sie alle, besonders aber Claudia Kaufmann (Drehbuch), Johannes Fabrick (Regie) und Helmut Pirnat (Kamera). Man hat als Zuschauer ja erwartet, dass der Film gut wird - aber das Ergebnis übertrifft selbst die kühnsten Erwartungen.

   

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