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In seinen schizophrenen Schüben – die Außenstehende nicht wirklich deuten können – wird Damian (Thomas Prenn) zur tödlichen Gefahr für sich selbst.

TV-Kritik zum Schwarzwald-Tatort

„Damian“: Ein Film wie eine Krankheit

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Der neue Schwarzwald-„Tatort“ zeigt auf interessante Weise eine oft unterschätzte und verkannte Geisteskrankheit. Mit fesselndem Ergebnis, aber einem extrem störenden Detail bei einem Ermittler.

Titelheld Damian Rombach (Thomas Prenn) hat es nicht einfach. Der Jurastudent hat ein immenses Stoffpensum zu bewältigen. Seine Eltern sind liebevoll und besorgt, aber ohne ihn wirklich verstehen zu können. Dazu kommt das Wohnen in einer Studentenverbindung, wo gewisse Regeln herrschen und wo er zur Anpassung gezwungen wird. Da hilft auch die niedliche und zärtliche Freundin nicht mehr viel: Er sieht nur noch Ansprüche überall, die er nicht mehr erfüllen kann.

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Und die ihn heimsuchen, in Gestalt von Stimmen. Stimmen, die sein Handeln kommentieren, die ihn kritisieren, die ihm eine völlig neue Realitätsebene offenbaren. Eine Realitätsebene, die nichts mehr mit dem Alltag um ihn herum zu tun hat. Und wenn, zeigen die Stimmen ihm alles um ihn herum in einem überrealen und grellen Licht. Mit anderen Worten: Damian ist gefährlich erkrankt – an Schizophrenie.

Keine Persönlichkeitsspaltung

Die Krankheit selbst hat nichts mit der häufig kolportierten Persönlichkeitsspaltung in Dr. Jekyll & Mr. Hyde zu tun. Betroffene nehmen jedoch weit mehr Eindrücke aus ihrer Umwelt auf, als sie verarbeiten können. Weswegen sie ihre Umwelt oft als hochgradig bedrohlich wahrnehmen: Jedes vorbeifahrende Auto, jedes zufällig mitangehörte Gespräch ist eine neue Information, die sie verarbeiten müssen.

Die für Gesunde selbstverständliche Unterscheidung in wichtige und weniger wichtige Einzelheiten ist massiv gestört bis unmöglich. Prenn zeigt in der Rolle eine Glanzleistung: Es ist die aus dem gestörten Denken und der Hilflosigkeit resultierende Aggressivität, die Schizophrenie-Kranke oft unberechenbar und bösartig wirken lässt. Außenstehende wie Damians Eltern oder gar Fahnder wie Franziska Tobler (Eva Löbau) stehen meist hilflos daneben. Ebenso wie Löbaus neuer Kollege Luka Weber (Carlo Ljubek).

Weber als Notlösung

Ihr bisheriger Dienstbegleiter Friedemann Berg musste sich laut Drehbuch beim Skifahren verletzen, weil sein Darsteller Hans-Jochen Wagner zu den Dreharbeiten erkrankt war. Ljubek schafft es in seiner Rolle nicht wirklich, dem Film eine neue Richtung zu verleihen. Zu blass bleibt seine Rolle, als dass er wirklich zur Geltung kommt. Es sieht ein wenig nach Verlegenheitslösung aus, was gar nicht zum Rest des Films passt.

Im eigentlichen Fall geht es um einen Doppelmord an einem jungen Mädchen und ihrem Tennislehrer. Und einige skurrile Charaktere wie dem bieder-bürgerlichen Rentner Heinrich Adam (André Jung ), dem schrägen Paar Inge (Mareile Blendl) und Hans Bürgl (Tom Keune) – sie schafft an und er passt währenddessen draußen im Auto sitzend auf sie auf – und dem gleichermaßen sonderbaren Peter Trelkovsky (Johann von Bülow), einem Bauarbeiter und erotischen Fetischisten. Ist er auch ein Mörder?

Anspielung an „Der Mieter“

Bülows Rollenname dürfte eine Anspielung an die tragische und von Roman Polański verkörperte Hauptfigur in Polańskis Film „Der Mieter“ sein: Auch in diesem Film, der innerhalb von Polańskis Gesamtwerk leider nie die nötige Wahrnehmung erfuhr, geht es um eine Variante der Schizophrenie. Und wie Trelkovsky in „Der Mieter“ nimmt auch Damian ein furchbares Ende, was in beiden Filmen als Selbsttötung missverstanden wird.

Was aber „Damian“ dabei besonders auszeichnet, ist die erzählerische Mischung verschiedener zeitlicher Ebenen. Dabei greift das Drehbuch von Stefan Schaller – auch Regie – und Lars Hubrich ein Merkmal der Schizophrenie auf: einer Krankheit, bei der die Wahrnehmungsebenen verschwimmen. Form und Inhalt passen also recht gut zueinander. Und auch in Wirklichkeit sind Jura-Studenten besonders gefährdet, an Schizophrenie zu erkranken.

Einige Details geben Anlass zur Kritik: Der Damenwäsche-Tick des Bauarbeiters passt nicht wirklich zu dessen Erscheinung und Nora Waldstätten kommt als Meike Richter mit Dutt und Brille zu karikiert rüber. Einen dicken Minuspunkt gibt es aber dafür, dass der völlig übernächtigte Luka Weber Meike Richters Angebot ablehnt, den Dienstwagen zu fahren: Ein TV-Kommissar sollte sich niemals derart unverantwortlich verhalten!

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