TV-Kritik

"Unsichtbare Jahre": Fast ein Rohrkrepierer

  • VonUlrich Feld
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Beas Begeisterung für den Kommunismus und die DDR wird vom Drehbuch im Wesentlichen damit erklärt, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter ein Vakuum in ihrem Leben füllen muss. Ansonsten bleibt Bea merkwürdig konturenlos. Sie ist lange Zeit noch Jungfrau, "an Männern ist sie nur mäßig interessiert". In ihrem linksradikalen und anarchistischen Umfeld in Frankfurt ist das nicht eben ein glaubhafter Zug an Bea. Zudem sie auch die unverhohlenen Avancen der lesbischen WG-Bewohnerin Andrea (Lena Lauzemis) zurückweist.

An einigen Stellen scheinen auch die Schauspieler zu merken, dass das nichts wird. So Friedrich von Thun in der Rolle des Vaters Norbert Kanter, Fabrikant und CDU-Mitglied, als er mit seinen Töchtern Bea (Julia Koschitz) und Conny (Anna Julia Kapfelsberger) am Kaffeetisch sitzt. Er hat gerade erfahren, dass er zum zweiten Mal Großvater wird. Eigentlich erfreulich, doch der Vater ist diesmal ein anderer Mann als bei seinem ersten Enkelkind.

Da muss er aufstehen und holt sich erst mal einen Schnaps - und spricht dennoch seltsam unbeteiligt, erhebt kaum seine Stimme und wirkt eigentlich eher gelangweilt. Dabei hätte er Grund genug, sich aufzuregen. Nach dem Tod seiner Frau, der Mutter seiner beiden Töchter, fixierte sich Conny auf Kerle, während Bea sich während ihres Studiums in Frankfurt linksradikalen politischen Bewegungen anschloss. Was er nicht weiß: Während eines Aufenthalts in der DDR wird die Stasi auf sie aufmerksam: "Unsere kostenlose Kinderbetreuung...hat es ihr angetan."

Weder Männer noch lesbische Kontakte

Beas Begeisterung für den Kommunismus und die DDR wird vom Drehbuch im Wesentlichen damit erklärt, dass sie nach dem Tod ihrer Mutter ein Vakuum in ihrem Leben füllen muss. Ansonsten bleibt Bea merkwürdig konturenlos. Sie ist lange Zeit noch Jungfrau, "an Männern ist sie nur mäßig interessiert". In ihrem linksradikalen und anarchistischen Umfeld in Frankfurt ist das nicht eben ein glaubhafter Zug an Bea. Zudem sie auch die unverhohlenen Avancen der lesbischen WG-Bewohnerin Andrea (Lena Lauzemis) zurückweist.

Sendung verpasst?  

Der Tod der Mutter wird auch herangezogen, um ihre Opposition gegen ihren Vater zu erklären: Als die Mutter starb, war nur Bea bei ihr. Conny lag mit einem Typen im Bett, während sich Vater Norbert, der Fabrikant, mit einer Sekretärin oder Geliebten auf Dienstreise befand. Sollen die Eskapaden ihres Vaters auch erklären, warum Bea kein Interesse an Sex hat? Wenn ja, ist das wenig gelungen: Beas Charakter wirkt ohnehin eher aus lauter Versatzstücken zusammengesetzt als dem richtigen Leben entlehnt.

Beas Charakter bleibt unbegreiflich

Die Stasi und die Atmosphäre in der DDR als Ersatz für Familie und Geborgenheit: Dieser Ansatz, Bea begreiflich zu gestalten, hätte zwar funktionieren können. Aber Bea zeigt sich im Handlungsverlauf, in dem sie zum VWL-Studium auf Wunsch der Stasi von Frankfurt ins politisch weniger auffällige Köln wechselt und schließlich den Sprung ins Auswärtige Amt schafft, nie besonders kontaktfreudig. Auch eine Einladung zu einer lautstarken Party in die Wohnung gegenüber schlägt sie aus. Ein sonderbarer Zug, eine Art latenter Autismus umgibt sie.

Nur selten sind in dem Film politische Diskussionen zu sehen und wenn, fragt man sich bei einigen Szenen in Frankfurt zu Beginn des Films, ob damals Anfang der 70er das alles tatsächlich so mit Schlagworten aus der Agitprop-Ecke gesättigt war. Eigenständige oder zumindest eigenständig formulierte Gedanken äußert Bea nur in einigen Briefen: ein ziemlich unbeholfener dramaturgischer Kniff und gewiss kein Ersatz für ein menschliches Gegenüber. Außer ihrem Stasi-Führungsoffizier Walter H. (Godehard Giese) gibt es kaum einen durchgängig präsentierten Charakter.

Gut: Julia Koschitz und das Zeitkolorit

Nach zwei kurzen und ohne irgendwelche Raffinesse inszenierten Sexszenen mit einem Max von R. (Sascha Göpel), der erst Recht zum Vergessen blass bleibt, sich aber vor laufender Kamera und in Beas Gegenwart auf den Klo setzen muss, lernt Bea schließlich Jakob Alsmann (Tim Bergmann) kennen. Der Film versucht an dieser Stelle zur Liebesgeschichte zu werden - reichlich spät: So richtig Interesse für Beas weiteres Schicksal vermag der Zuschauer nicht mehr aufzubringen, zumal er das Ende ja schon kennt: Bea wird für ihre Stasi-Tätigkeit schon zu Anfang des Films verhaftet.

Julia Koschitz passt mit ihrer androgynen Attraktivität und ihrer geschickt eingesetzten Körpersprache zwar gut. Wenn sie die Schultern hochgezogen hat, glaubt man Beas Verklemmtheit schon zu spüren. Außerdem ist es beeindruckend, wie jung die mittlerweile knapp 41jährige rüberkommt, so in der Szene mit Freunden vom Spartakusbund im Bus auf dem Weg in die DDR. Aber das kann die zahlreichen Drehbuchmängel natürlich nicht wettmachen. Ansonsten überzeugt in "Unsichtbare Jahre" nur das liebevoll rekonstruierte Zeitkolorit.

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