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Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) gerät mit ihrer Kommissar-Kollegin Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) heftig aneinander.

TV-Kritik

"Das verschwundene Kind": Furioser Einstand für neuen Tatort

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Der neue "Tatort" aus Hannover kombiniert ein packendes Sozialdrama gekonnt mit dem ersten Auftritt von Florence Kasumba als neuer Ermittlerin.

Es sieht gar nicht gut aus für Kommissarin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler): Nachdem sie in „Der Fall Holdt“ den Selbstmord eines Verdächtigen herbeigeführt hat, sieht sie sich jetzt von Hannover ins nur auf den ersten Blick beschauliche Göttingen strafversetzt. Den unaufgeklärten Fall Holdt kann sie dabei ebenso wenig hinter sich lassen wie ihre familiären Schwierigkeiten. Aber das ist nichts im Vergleich zur Situation von Julija Petkow (Lilly Barshy). 

Die Fünfzehnjährige sieht sich zerrieben zwischen ihrem fanatisch religiösen Vater (Merab Ninidze) und dem Wunsch, ihrem vorbestraften Halbbruder Nino (Emilio Sakraya) zu helfen. Und sie ist ungewollt schwanger und nur noch Stunden von der Geburt entfernt. In hilfloser Panik und gekrümmt vor Schmerzen schleicht sie sich in das verdreckte ehemalige Umkleidegebäude neben ihrer Schule. 

Die Mutter und die Kommissarinnen 

Bald danach findet sich die Polizei dort ein, nachdem der Hausmeister jede Menge Blut und Schleimspuren dort gefunden hat. Lindholm tritt sofort ins Fettnäpfchen, als sie die dunkelhäutige Kommissar-Kollegin Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) erstmal für eine unbedarfte Putzfrau hält. Eine aus dem Klo gefischte Plazenta samt Nabelschnur lässt bei den Beamten die Alarmglocken schrillen: Hier muss eine Geburt stattgefunden haben. Aber wo sind Mutter und Kind? 

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Es ist ein nicht nur optisch harter Stoff, den der neue Lindholm-„Tatort“ hier präsentiert. Und der Krimi geht zugleich auch dramaturgisch einen schwierigen Weg, indem er zugleich eine neue und erstmals schwarze Kommissarin einführt: Anaïs Schmitz sieht selbst in Alltagsklamotten auf wie ein internationales exotisches Fotomodell und hat sich nur wenig unter Kontrolle. Was Lindholm handfest zu spüren bekommt.

Nach bewährtem Muster

Eine schwarze und eine weiße Ermittlerin, die am selben Fall arbeiten, sich erstmal gegenseitig nicht leiden können und sich am Ende doch noch zusammenraufen: Hollywoods Buddy-Filme lassen grüßen. Zwar kommt es nicht zu einer handfesten Prügelei zwischen den beiden wie zwischen Nick Nolte und Eddie Murphy im Action-Klassiker „Nur 48 Stunden“, aber eine Backpfeife gibt es dennoch. Schmitz leidet unter mangelnder Impulskontrolle. 

Das Drehbuch liefert ihr freilich einen durchaus glaubwürdigen Hintergrund für den Ausraster. Und stellt auch nicht allzu sehr den Zickenkrieg zwischen Lindholm und ihrer neuen Kollegin Schmitz in den Vordergrund. Die Geschichte um Julija zeigt nur in zwei etwas zu platten Nebenfiguren noch Luft nach oben: Der Kotzbrocken von Drogendealer an der Schule ist ebenso schematisch wie Julijas Vater, dessen überbetonte Bigotterie ihn zu sehr als Karikatur erscheinen lässt. 

Verhängnisvoll verstrickt

Deutlich besser fädelt der Plot aber das ambivalente Verhältnis zwischen Julija, ihrem Halbbruder und dessen Kickbox-Trainer Ralf Schmölke (Oliver Stokowski) ein. Und wenn die Suche nach Julija und ihrem Kind immer verzweifelter wird und schließlich vor dem toten Neugeborenen in der Gerichtsmedizin endet, gibt es Szenen, die richtig an die Nieren gehen. Ohne aber die Verzweiflung und Einsamkeit der Mutter zu vernachlässigen. 

„Das verschwundene Kind“ ist deswegen zu einem der stärksten Fälle der laufenden „Tatort“-Saison geworden. Und dass Anaïs Schmitz ankommen wird, ist bombensicher: Florence Kasumba verköpert sie mit einer ungemein fesselnden Mischung aus Empathie, Wut und Trauer, die schon von alleine die Spannung ansteigen lässt.

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