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Die Welt von morgen

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Von: Martin Schwickert

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Der Wissenschaftler Frank (George Clooney) macht sich gemeinsam mit der jungen Casey (Britt Robertson, dahinter) auf den Weg nach Tomorrowland. Dort erhoffen sich die beiden eine neue Zukunft für die Menschheit.
Der Wissenschaftler Frank (George Clooney) macht sich gemeinsam mit der jungen Casey (Britt Robertson, dahinter) auf den Weg nach Tomorrowland. Dort erhoffen sich die beiden eine neue Zukunft für die Menschheit. © Disney (Disney 2015)

Britt Robertson kämpft als junges Mädchen an der Seite von George Clooney als knurrigem Wissenschaftler für die Utopie einer besseren Gesellschaft.

Glaubt man den Zukunftsvisionen der heutigen Jugendliteratur, dann ist es um die Menschheit nicht zum besten bestellt. In den Regalen der Kinderzimmer und auch im Kino regieren die pessimistischen Fantasien von den Entwicklungschancen unserer Gesellschaft. In „Die Tribute von Panem“ lebt die herrschende Klasse Amerikas im Capitol in Saus und Braus, während die Menschen in den umliegenden Gebieten schuften und zu Unterhaltungszwecken für blutige Überlebensspiele abgestellt werden. In „Die Bestimmung“ ordnet ein unbarmherziges Kastensystem die Menschen nach ihrem gesamtgesellschaftlichen Nutzen ein, und wer das nicht mit sich machen lässt, wird gnadenlos verfolgt. „Maze Runner“ erzählt von einer Gruppe Jugendlicher, die auf einer Lichtung im Wald wie Versuchskaninchen gehalten und von einem undurchdringlichen Labyrinth an der Flucht gehindert werden.

Griff nach den Sternen

Die Heldinnen und Helden dieser Romane sind junge Menschen, die gegen die Allmacht des Systems aus einem Widerstandsinstinkt heraus aufbegehren, auch wenn ihnen eine Vorstellung von einer besseren gesellschaftlichen Ordnung eigentlich fehlt. Brad Birds „A World Beyond“ macht nun diesen Mangel an Utopien selbst zum Thema. Auch Casey (Britt Robertson) ist ein Mädchen, das sich mit dem Zustand der Welt nicht abfinden will und von einem starken Forschungsdrang angetrieben wird. Ihr Vater ist Ingenieur bei der NASA und wird bald arbeitslos werden. Denn die Startrampe auf Cape Canaveral, wo einst die Raketen zur ersten Mondlandung aufstiegen, wird abgewickelt. Nachts schleicht sich Casey über den Zaun auf das Gelände, um die Abwrackkräne zu sabotieren. Ihr ist klar, dass es hier nicht nur um den Job des Vaters, sondern um den Verlust von Visionen geht. Denn wenn die Menschen aufhören, nach den Sternen zu greifen, dann haben sie auch ihre Utopiefähigkeit verloren. „Was tun wir dagegen?“, lautet die Frage, mit der Casey ihre Lehrer immer wieder nervt, wenn diese den maroden Zustand der Welt beklagen.

Die Wende in ihrem Leben bringt ein kleiner Anstecker, der ihr zugespielt wird. Berührt sie das Metall mit dem emaillierten T in der Mitte, sieht sie in strahlendem Licht eine ganz andere Welt, in der es die fantastischsten technischen Erfindungen gibt und die Menschen zu weit entfernten Sternen reisen. „Tomorrowland“ nennt sich dieser Ort, und die Bilder erinnern nicht zufällig an die futuristischen Fantasien der 50er und 60er Jahre. Mit diesen Utopien ist Frank (George Clooney) aufgewachsen, der als erfindungsreiches Kind auf der New Yorker Weltausstellung 1964 von der sommersprossigen Athena (großartig: Raffey Cassidy) ebenfalls einen Anstecker bekommen hat. Viele Jahre hat Frank in Tomorrowland gelebt, bis er rausgeschmissen wurde, weil seine Erfindungen zu weit gingen und die Zukunftsgestalter den Glauben an die Menschheit verloren haben. Heute lebt Frank zurückgezogen auf der elterlichen Ranch und schaut dem genau terminierten Weltuntergang mit Zynismus entgegen – bis Casey an seine Tür klopft und sich nicht abwimmeln lässt. Gemeinsam machen sie sich daran, die Welt von ihrem Fatalismus und der drohenden Apokalypse zu befreien.

„A World Beyond“ ist unübersehbar ein Film aus dem Hause Disney, wo Optimismus geradezu in die Geschäftsstatuten eingeschrieben ist. Aber Birds Fantasy-Vision betreibt keine oberflächliche Schönfärberei, sondern stellt auf ebenso unterhaltsame wie intelligente Weise eine Grundfrage an unsere Zeit: Wo sind die Utopien geblieben, und was ist eine Gesellschaft wert, die keine positiven Zukunftsaussichten bieten kann? Diese philosophische Problemstellung wird in „A World Beyond“ als Generationenkonflikt ausgetragen. Während sich die Erwachsenen mit dem scheinbar Unvermeidlichen abfinden, fordert die jugendliche Heldin die Zukunft ein. Denn zum Teenagersein gehört nicht nur Rebellion, sondern die Kraft der Veränderung und die Sehnsucht nach einer lebenswerten Zukunft. Bird gestaltet diesen Konflikt zwischen jugendlicher Hoffnung und erwachsenem Defätismus gründlich, aber auch sehr humorvoll aus: George Clooney ist voll in seinem Element als Grantler, der sich nur widerwillig vom Optimismus des Mädchens anstecken lässt.

Mit kompetenten Actioneinlagen und brillanten digitalen Zukunftsgemälden nutzt der Film alle Möglichkeiten des modernen Blockbuster-Kinos. Aber es sind nicht allein die Effekte, die „A World Beyond“ zu einem zeitgemäßen Film machen, sondern die inhaltliche Ausrichtung, mit der Bird das Lebensgefühl einer Jugend formuliert, der man die Zukunft gestohlen hat und die sie sich nun – zumindest auf der Leinwand – zurückerobert. Sehenswert

Frankfurt: Astor, Cinestar, E-Kinos, Metropolis (D+E). Sulzbach: Kinopolis (D+E). Limburg: Cineplex. Offenbach: Cinemaxx. Hanau: Kinopolis (D+E). Mainz: Cinestar (D+E)

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