?Ich habe kein eigenes Leben mehr?, sagt Stefanie über ihren Alltag mit einem alkoholabhängigen Ehemann. Seit Jahren versucht sie, das Bild der ?heilen Familie? aufrecht zu erhalten.
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?Ich habe kein eigenes Leben mehr?, sagt Stefanie über ihren Alltag mit einem alkoholabhängigen Ehemann. Seit Jahren versucht sie, das Bild der ?heilen Familie? aufrecht zu erhalten.

TV-Kritik

"Wenn die Liebe ertrinkt": Horror als Alltag

  • vonUlrich Feld
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  Verschleiern - ein passendes Symbol für Stefanies Jahre an der Seite ihres alkoholkranken Mannes. Sie hat die Fassade der heilen Welt aufrechterhalten und auf der Arbeit gelogen, wenn sie blaue Flecken hatte oder Schnittwunden am Arm, weil ihr Mann ein Whisky-Glas nach ihr geworfen hatte. Lange stand sie ihm zur Seite, brachte nicht die Kraft auf, ihn zu verlassen. Auch Frauke kennt diese Situation. Fünfzehn Jahre lang war ihr Mann Markus an der Flasche. Er war Spiegeltrinker, brauchte immer seinen Pegel. Und arbeitete als Dachdecker!

Als Stefanie ihren Mann im Jahr 1998 heiratete, hat sie sich ihr Leben bestimmt nicht so vorgestellt. Dass sie in Angstschweiss gebadet ist, wenn sie abends von der Arbeit kommt. Dass sie an einer weggeworfenen Spirituosen-Flasche vorbeiläuft und den Reportern vom ZDF erklärt: "Die ist hundertprozentig von meinem Mann". Es ist nichts Ungewöhnliches, dass ihr Mann von dem gekauften Hochprozentigen auf dem Rückweg vom Markt schon auf dem Heimweg eine ganze Flasche in sich hinein kippt. Oder sogar noch mehr.

 

Stefanies Mann hängt seit zehn Jahren an der Flasche. In ihre Wohnung lässt sie die Reporter nicht: Wenn ihr Mann betrunken ist, lässt er seine Wut nicht nur an ihr, sondern auch an der Einrichtung aus. Es ist bizarr: Er weiß von dem Dreh und ist damit einverstanden. Nur er selbst will nicht gefilmt werden. Auf alten Fotos, etwa von der Hochzeit, ist sein Gesicht unkenntlich gemacht.

 

 

Verschleiern - ein passendes Symbol für Stefanies Jahre an der Seite ihres alkoholkranken Mannes. Sie hat die Fassade der heilen Welt aufrechterhalten und auf der Arbeit gelogen, wenn sie blaue Flecken hatte oder Schnittwunden am Arm, weil ihr Mann ein Whisky-Glas nach ihr geworfen hatte. Lange stand sie ihm zur Seite, brachte nicht die Kraft auf, ihn zu verlassen. Auch Frauke kennt diese Situation. Fünfzehn Jahre lang war ihr Mann Markus an der Flasche. Er war Spiegeltrinker, brauchte immer seinen Pegel. Und arbeitete als Dachdecker!

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Bis der Anruf vom Chef ihres Mannes kam: Entweder ihr Mann würde sich in Therapie begeben oder seinen Job verlieren. Da fand sie endlich die Kraft, ihn endgültig vor die Wahl zu stellen: Entweder die Flasche oder seine Frau. Seit acht Jahren ist Markus nun trocken. Er reagiert emotional, als er sich an diese Zeit erinnert. Nur wenige Alkoholiker schaffen es, dauerhaft trocken zu bleiben. Aber Markus weiß, dass seine Frau bei einem Rückfall gnadenlos die Konsequenzen ziehen und ihn verlassen würde.

 

 

So wie Stefanie und Frauke geht es vielen Angehörigen von Alkoholikern. Sie wollen den Schein bewahren, den Erkrankten beistehen, übernehmen deren Aufgaben, wenn sie im Vollrausch ihren alltäglichen Pflichten nicht mehr nachkommen können. Dazu kommt die Sorge, die Angst um einen trotz allem geliebten Menschen. Die extreme Belastung, körperlich wie emotional, macht sie zu Co-Abhängigen. Es gibt mittlerweile Selbsthilfegruppen für sie.

 

Sie glauben, einen suchtkranken Partner durch ihre Liebe heilen zu können. Meist handelt es sich dabei um einen Trugschluss. Es scheint unerträglich, ein Partner oder Angehörigen so tief fallen zu lassen, bis er von selbst etwas gegen seine Sucht unternimmt. Oft landen Alkoholiker auf der Straße. Doch oft, sehr oft sogar ist genau das der einzige Weg. Sehr viele Suchtkranke müssen in der Gosse liegen, um die Kraft zur Umkehr zu finden. Stefanie hat mittlerweile die Kraft zu dem entscheidenden Schritt gefunden. Es gibt ein neues Leben für sie, auch mit einem neuen Mann.

 

Die ZDF-Reportage zeigt die Situation der beiden Frauen als etwas erschütternd Alltägliches. Meist wirken sie kühl und beherrscht, der alltägliche Horror hat sie ausgelaugt und sicher auch abstumpfen lassen. Ihre Tränen sind versiegt. Nur einmal verliert Stefanie kurz ihre Fassung. Auch wenn die 37 Grad-Sendung auf Horrorbilder völlig verzichtet, macht sie die Situation der Co-Abhängigkeit erschütternd deutlich. "Wenn die Liebe ertrinkt" ist richtig harte TV-Kost.

 

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