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"Zarensturz": Die Wirklichkeit war komplizierter

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Der Leichnam von Zar Nikolaus II (Anton Algrang) auf der Ladefläche eines LKW.
Der Leichnam von Zar Nikolaus II (Anton Algrang) auf der Ladefläche eines LKW. © ZDF/Oliver Halmburger

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Zu den tragischsten Herrschergestalten der Geschichte gehört Nikolaus II, der letzte russische Zar. Vor hundert Jahren, am 14. Februar 1917, eröffnete die Duma, eine halbdemokratisch gewählte Versammlung in Russland, die aber gegenüber dem Zaren nur eine beratende Funktion besaß. Sie markiert den endgültigen Beginn der Februarrevolution, die schließlich zur Abdankung des Zaren und damit zum Ende der im Jahr 1613 mit Zar Michael I begonnen Dynastie der Romanows führen sollte. Die ZDF-Dokumentation beleuchtet die Hintergründe genauer.

Durch die Kürze der Dokumentation kommt die facettenreiche Persönlichkeit von Nikolaus II viel zu kurz. Der Zar schaffte es zeitlebens nicht, die widersprüchlichen Züge seines Wesens auf einen sinnvollen Nenner zu bringen. Ein liebevoller Ehemann und Familienvater, zeigte er sich anders, als in der Doku dargestellt, häufig wohlwollend und durchaus am Schicksal der gewöhnlichen Russen interessiert. So etwa, als er nach der Massenpanik auf dem Chodynkafeld, das seine Krönungsfeierlichkeiten überschattete, Verwundete besuchte und den Familien der Todesopfer Geld zukommen ließ.

Ein schwankender Herrscher

Sehr oft agierte er aber ungeschickt und glücklos. Obwohl etwa tief getroffen von dem Unglück kurz nach seiner Krönung, ließ er sich zum Besuch eines Balls in der Französischen Botschaft überreden, um die Franzosen – damals wichtigsten Verbündeten Russlands in Europa – nicht zu verärgern. Was ihm in der Öffentlichkeit als Kaltherzigkeit angekreidet wurde. Nikolaus II war erfüllt vom mystischen Glauben an sein Herrscheramt von Gottes Gnaden und bewies ein hohes Arbeitsethos. Zugleich zeigte er sich wenig entschlussfreudig, aber auch unfähig zum Delegieren. Was die Dokumentation treffend unterstreicht.

Die Situation, mit der sich Nikolaus II konfrontiert sah, hätte aber auch kaum schwieriger sein können. Die sozialen Gegensätze in Russland hatten sich durch die Industrialisierung nach dem Krimkrieg teilweise noch verschärft, weil die Errichtung von Industrie-Betrieben mit höheren Einkommen, als in der Landwirtschaft zu erzielen waren, immer mehr Bauern in die großen Städte lockte. Viele endeten jedoch – wie auch in Westeuropa nicht unüblich – als Proletariat in den Slums der Großstädte. Dazu kam der verlorene Krieg gegen Japan.

Ohne Panslawismus und Kriegspartei

Den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und die Verwicklungen Russlands gibt die Dokumentation nur sehr verkürzt wieder. Überhaupt nicht erwähnt wird der Panslawismus – aus kaiserlich-russischer Sicht der Versuch der Zaren, die slawischen Völker unter ihrer Herrschaft zu vereinen. Auch dass dem deutschen Kaiser die Hauptschuld am Ausbruch des Krieges gegen Russland im Jahr 1914 zugesprochen wird, lässt sich bei genauerem Quellenstudium nicht aufrechterhalten.

Nikolaus II war zwar gegen den Krieg eingestellt, ließ sich aber in seinem typischen Wankelmut von der Kriegspartei am Hof und seinem Onkel Großfürst Nikolai Nikolajewitsch dem Jüngeren  vereinnahmen. Die Umstände der deutschen Kriegserklärung an Russland im Jahr 1914 wären schon selbst eine Dokumentation wert. Ebenfalls verkürzt, aber im Wesentlichen folgerichtig stellt die Dokumentation die Rolle von Alix von Hessen-Darmstadt heraus, der Ehefrau des letzten Zaren. Sie agierte überwiegend hinter den Kulissen, dabei aber ähnlich glücklos wie ihr Mann.

War Rasputin nur ein „Scharlatan“?

Extrem verkürzt und vereinfacht geht die Doku auf die Rolle Rasputins ein. Ihn nur als "Scharlatan" zu bezeichnen, wird seiner tatsächlichen Rolle sicher nicht gerecht. Tatsächlich könnte Rasputin in der Lage gewesen sein, die Bluterkrankheit des Zarewitschs positiv zu beeinflussen. Auch versuchte er, was die Doku ungenannt lässt, Nikolaus II mit etlichen Telegrammen vor einem Krieg gegen das Deutsche Reich abzubringen. Rasputins exzessiver Alkoholkonsum und seine Besuche bei Prostituierten, die seinen schlechten Ruf begründeten, waren möglicherweise auch eine Reaktion auf das Scheitern seiner Bemühungen.

Tatsächlich schwächte der Mord an Rasputin die Position des Zaren weiter: Bis dahin hatte sich der Zar durch seine mystische Frömmigkeit noch auf die russische Bauernschaft stützen können. Die Bauern betrachteten aber Rasputin als ihren Vertreter. Dass Nikolaus II seine Mörder weitgehend straffrei davonkommen ließ, brachte nach den Arbeitern der großen Städte auch die Bauern gegen ihn auf.   

Im Versuch, das kaiserliche Russland auch von innen heraus zu schwächen, ging das Deutsche Reich schließlich ein Bündnis mit Vladimir Iljitsch Uljanow ein, der sich später Lenin nannte. Seine Rolle bei der Errichtung der kommunistischen Diktatur sowie der Ermordung der Zarenfamilie stellt die Dokumentation im Wesentlichen richtig dar. Durch die Kürze der Laufzeit kann "Zarensturz" den daran Interessierten aber nur Denkanstöße dazu liefern, sich mit den historischen Umständen der Abdankung des letzten Zaren näher zu beschäftigen.

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