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Der Anfang vom Ende: Heiko (Herbert Knaup) bricht zusammen. Hinter ihm v.r.n.l.: Marlene (Johanna Gastdorf), Christiane (Leslie Malton) und Vera (Ulrike Kriener). Foto: ARD Degeto/Georges Pauly

TV-Kritik

"Die Zeit mit Euch": Perfektes Drama

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"Was für ein Abend" seufzt Vera (Ulrike Kriener) in der Küche zu ihrem Mann Heiko (Herbert Knaup). Dabei hat er so schön begonnen: Mit einem gemeinsamen Essen von drei Ehepaaren, alle um die 60, die beruflich erfolgreich waren und in gutsituierten Verhältnissen leben. Doch dann lässt Klaus (Ernst Stötzner) eine Bombe platzen: Er gesteht seiner Frau Marlene (Johanna Gastdorf), dass er seit Jahren eine weit jüngere Freundin hat, die ein Kind von ihm erwartet.

 

Der geplatzte Abend offenbart allerdings schnell, dass es hinter der glanzvollen Kulisse auch sonst nicht zum Besten bestellt ist: Vera betrügt Heiko mit einem Kunden. Paul (Henry Hübchen), frisch pensionierter Fernsehkorrespondent, wird zum Kummer seiner Frau Christiane (Leslie Malton) immer kleinkarierter und geiziger. Statt mit Heiko zusammen auf Harley Davidson-Motorrädern durch die USA zu reisen, will er lieber seine Memoiren schreiben. Und bald nach diesem Abend bricht Heiko - der seit einiger Zeit immer mehr Kopfschmerztabletten einnimmt - bei einem weiteren Abendessen mit den Freunden am Tisch zusammen.

 

Ein Hauch von Loriot

 

Das Alter, Lebensabende, Rentendasein, geplatzte Träume, missbrauchtes Vertrauen, Geburt, Krankheit und Tod - der Film serviert dem Zuschauer gleich eine ganze Palette schwerer und bestens miteinander verknüpfter Themen. Dass er dennoch recht leichtfüßig wirkt, ist der eleganten, manchmal an Ernst Lubitsch erinnernden Machart zuzuschreiben und den teilweise sehr gewitzten Dialogen. Wenn Leslie Malton ihrem geizigen Paul kein Mittagessen zubereitet mit der Begründung "Wir müssen sparen. Und deine Figur gefällt mir so, wie sie ist: kein Gramm zu wenig", weht mehr als ein Hauch von Loriot durch das gutbürgerliche Ambiente. Mit einer sehr ähnlichen Begründung ("Wir müssen sparen, außerdem gefällt mir dein Haar sehr gut so") hat Paul zuvor einen Friseurtermin seiner Frau abgesagt.

 

Spannung durch Konflikte

 

Aber der Streifen lässt sich auch in einem Ausmaß, das im deutschen TV selten anzutreffen ist, auf die Figuren und ihre Konflikte ein und zieht daraus eine beträchtliche Spannung. Immer wieder gibt es gespannte Blicke, kleine Gesten, bedeutungsschwangere Satzfetzen. Alkohol wird als soziales Schmiermittel dargestellt. Immer und ewig scheinen die Protagonisten ein Glas Weißwein in der Hand zu halten. Dazu kommt auch ein perfektes Timing: Noch kurz bevor etwa Klaus seiner Frau den Fehltritt beichtet, wird das Abendessen zu einer ausgelassenen Party. Im Kontrast zu der Musik und dem Tanzen wirkt die plötzliche Stille hinterher noch drückender, noch intensiver.

 

Dazu kommen ausgezeichnet schauspielerische Leistungen aller Beteiligten. Wenn Henry Hübchen wie einuralter Mann frustriert durch die Wohnung schleicht, braucht es keine weiteren Erklärungen und Dialoge. Solche Bilder entfalten ihre Wirkung schon durch sich selbst. Herbert Knaup ist eigentlich immer sehr gut, ob als "Tatort"-Fiesling (in "Freigang") oder hier. Wenn sein Heiko von Klaus die schreckliche Diagnose "Gehirntumor" erfährt, zeigt er mit eingefrorener Miene eine Angst, die wirklich an die Nieren geht.

 

"Die Zeit mit Euch" präsentiert sich hervorragend durchdacht, perfekt inszeniert und bestens gespielt: So gut war schon lange kein Freitagabend-Film der ARD mehr.

   

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