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ARD/RB TATORT "ZURÜCK INS LICHT", am Sonntag (22.10.17) um 20:15 Uhr im ERSTEN. Eine glückliche Familie? (v.l.: Lotte Kappeler (Emma Drogunova), Maria Voss (Nadeshda Brennicke), Peter Kappeler (Nicki von Tempelhoff)) © Radio Bremen, honorarfrei - Verwendung gemäß der AGB im engen inhaltlichen, redaktionellen Zusammenhang mit genannter RB-Sendung und bei Nennung "Bild: Radio Bremen" (S2). Radio Bremen, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, 28100 Bremen, Tel: 0421/246-41017, Fax: -41096, presseinfo@radiobremen.de, www.radiobremen.de/presse

TV-Kritik

"Zurück ins Licht": Ein "Tatort" als Paradoxon

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Dieser Film weckt höchst gemischte Gefühle. Denn eigentlich beinhaltet er etliche schwache Momente. Da wären die vielen unmotivierten Nackt- und Sexszenen, die noch freizügiger gestaltet sind als im letzten Münchner Beitrag "Hardcore". Oder die geschwurbelten Dialoge speziell zwischen Kommissar Nils Stedefreund (Oliver Mommsen) und BKA-Ermittlerin Linda Selb (Luise Wolfram) in ihrer geschwollenen Vieldeutigkeit.

 

Und überhaupt die wenig plausible Geschichte, die ihre größte Überraschung gegen Ende ziemlich unvermittelt aus dem Hut zieht. Ein abgetrennter Finger führt diesmal Hauptkommissarin Inga Lürsen Sabine Postel und Stedefreund zu dem ermordeten Ole Bergener, der Monate zuvor verschwunden ist. Bergener unterhielt als Pharma-Unternehmer Kontakte zu Maria Voss, einer mörderischen Femme Fatale, und die ist der Grund, warum dieser Krimi doch noch das Ansehen lohnt, obwohl oder gerade weil Nadeshda Brennicke in der Rolle ihr Spiel irritierend stark überzieht.

 

 

Gerade durch ihr überzogenes Spiel kann Nadeshda Brennicke nämlich dem Zuschauer die Gedankenwelt von Psychopathen bemerkenswert begreiflich machen. Immer wieder erlebt man sie in einer entrückt anmutenden Selbstsuggestion: "Zurück ins Licht" haucht sie alleine zu sich, und genau auf die gleiche Art kommuniziert sie auch mit der Außenwelt. Das Leben in der eigenen Welt, so ganz unberührt von jeder Realität: Der Krimi schafft es, den Zuschauer in genau dieses Lebensgefühl hineinzuziehen.

 

Denn nichts, was Maria Voss nach außen hin vermittelt, entspricht der Realität. Ihre Zeugnisse und Referenzen sind ebenso gefälscht wie Bilder von ihr. Die Suppe, die sie ihrer Familie vorsetzt und angeblich aufwändig zubereitet hat, ist nur ein simples Dosengericht. Das Portrait der notorischen Lügnerin, die nur von ihrer Tochter durchschaut wird, zeigt einige Überschneidungen mit dem Magdeburger "Polizeiruf 110"-Krimi "Dünnes Eis".

 

 

Aber hier gelingt das Portrait erheblich überzeugender als im "Polizeiruf", weil Maria Voss eigentlich keine simple Lügnerin im engeren Sinn ist, sondern eher eine Traumtänzerin. Nadeshda Brennicke verkörpert diesen Charakterzug mit einer speziell entrückten Aura, als würde sie unter ständigem Drogeneinfluss agieren. Sie kann dadurch aber deutlich machen, wie verwundbar Maria Voss sich dadurch gemacht hat.

 

Der Moment, als Maria Voss von ihrer Tochter bei einem Essen mit ihren notorischen Lügen und ihrem Versagen konfrontiert wird, ist eine Szene wie ein Faustschlag und macht den "Tatort" zu einem Muss. Selten gelingt es nämlich einem TV-Film, trotz aller Mängel in Drehbuch und Regie das Auseinanderfallen von selbsterzeugter Illusion und grausamer Realität so schmerzhaft intensiv auszumalen wie hier.

 

Und bei aller Unbeholfenheit im Konzept auch die Verführungskraft von Psychopathen überzeugend zu vermitteln. Wobei der Film sogar eine scharfe Sozialkritik enthält: Ist es nicht die moderne Leistungsgesellschaft mit zunehmender Altersarmut auf der einen und Aktienkursen auf Höchststand auf der anderen Seite, die durch ihre Anforderungen Psychopathen wie Maria Voss schon beinahe wie am Fließband erzeugt? Schade, dass "Zurück ins Licht" diesen Aspekt nicht weiter vertieft.

Den ganzen Krimi gibt es

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