1. Startseite
  2. Film, TV & Serien

"Zweimal lebenslänglich": Die Erotik der Freiheit

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Ulrich Feld

Kommentare

Franzi (Julia Koschitz) und Sebastian (Felix Klare) genießen ihre Zweisamkeit.
Franzi (Julia Koschitz) und Sebastian (Felix Klare) genießen ihre Zweisamkeit. © Marion von der Mehden

Norm

Normalerweise sind im Krimi die handelnden Charaktere genau eingeteilt. Spannung entsteht dort schließlich auch durch Gegensätze. Weiß gegen Schwarz, Gut gegen Böse, Polizist gegen Verbrecher. Und auch wenn es zwischen Weiß und Schwarz jede Menge Grautöne gibt, sind die Fronten meistens geklärt – der Ermittler muss meistens nur noch herausfinden, wer der Böse ist. Mitunter aber kann man auf den Polizisten gut verzichten. Weil nämlich eine Figur in der Handlung sich selbst schon spannend genug  darstellt.

Eine solcher Protagonist ist hier Sebastian Pauli (Felix Klare). Zu Beginn liegt er noch mit seiner Freundin Franziska Dreyer (Julia Koschitz) im Bett, da klingelt es auch schon an der Tür und Polizisten strömen in die Wohnung. Sie nehmen Sebastian mit, er stünde unter Mordverdacht. Franziska ist fassungslos, aber es kommt noch viel schlimmer. Sebastian wird nach einem Prozess schuldig gesprochen und zu lebenslänglicher Haft verurteilt, mit besonderer Schwere der Schuld.

Franziskas Treue hat gute Gründe

Für Franziska – die eigentliche Hauptfigur dieses Dramas – stellt sich die Frage nach Sebastians Schuld oder Unschuld gar nicht. Sie ist fest davon überzeugt, dass er den Mord nicht begangen hat. Obwohl, was sie in der Verhandlung erfahren hat, würde bei einer anderen Frau schon ausreichen, ihr Vertrauen in den geliebten Mann nachdrücklich zu erschüttern. Immerhin hat Sebastian ja tatsächlich Kontakt zu dem Opfer gehabt und mit Sicherheit auch Sex. Aber ist er deswegen auch ihr Mörder?

Es ist ein höchst komplexes Wesen, dem Julia Koschitz hier Gestalt verleiht. Und wie immer macht sie das herausragend gut. Ihre Franziska stand immer unter der Fuchtel ihrer wohlmeinenden Eltern, deren Erwartungen sie aber nie wirklich erfüllen konnte. Sie war immer eine Enttäuschung – und dass sie Sebastian heiraten will, einen Mann, der als Mörder verurteilt wurde und die Haft angetreten hat, schlägt dem Fass natürlich den Boden aus.

Sebastian machte sie frei

Man sieht einzelne Szenen der Vergangenheit des glücklichen Paars in selbstgedrehten Filmen, aber  das hätte es eigentlich gar nicht gebraucht. Julia Koschitz macht all das mit kleinsten schauspielerischen Nuancen fühlbar, auch ohne große Worte. Die Freiheit, die sie mit Sebastian genossen hat, das Begehrt-Sein, das Gefühl, selbstbestimmt und als eigenständige Person  zu handeln. Ein erotisierendes Gefühl, das ihr endlich Selbstsicherheit verliehen hat. Etwas Süßes wie eine Droge.

Und wenn sie erfahren muss, dass Sebastian noch ganz andere Seiten hatte, wirkt sie anfangs wie ein Junkie, dem die Droge weggenommen wurde. Und doch fängt ihr Weltbild unter dem Druck ihrer Eltern und ihres Umfelds allmählich an zu bröckeln. In dem Film geht es viel um Loyalität, nicht nur eines Partners, sondern auch um die alter Freunde. Fast scheint es, als würde Franziska nun ein neues Selbstbewusstsein entwickeln, ein Gefühl auch ohne Sebastian – doch das Drehbuch hält wie in allen richtig guten ZDF-Montagskrimis noch eine böse Schlusspointe bereit.

Klare und Koschitz als perfekter Gegensatz

Felix Klare hat als Sebastian nur wenige, aber sehr einprägsame Momente. Vom Typ her physisch sehr präsent, agiert er sich hier richtig aus. Auch der Kontrast zwischen ihm und Julia Koschitz verleiht dem Film hohe Grundspannung, schon durch die unterschiedliche Schauspieltechnik: Gefühle wie Frust, Wut. Ärger und Begierde zeigt Klare oft mit vollem Körpereinsatz, während Julia Koschitz im Wesentlichen ihr Gesicht sprechen lässt. Hervorragend zu sehen, als sich die beiden Im Gefängnis lieben – und Sebastian mit mangelnder Potenz zu kämpfen hat.

Parallelen zum ebenfalls sehr guten und letzte Woche wiederholten ARD-Film "Momentversagen", in dem sich Klare als Staatsanwalt einen verhängnisvollen Fehltritt leistete, sind unverkennbar. Auch dort der Betrug am Partner, das Ausrasten und die Frage nach Schuld oder Unschuld auf clevere Weise in der Schwebe. Es wäre ein guter ZDF-Montagskrimi geworden, so wie auch "Zweimal lebenslänglich" einer ist.

Auch interessant

Kommentare