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Am Abgrund des Lebens

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Von: Dierk Wolters

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Hier war er noch Expressionist: ?Die Abgebrannten (Heimatlose)? heißt dieses Gemälde Ludwig Meidners von 1912.
Hier war er noch Expressionist: ?Die Abgebrannten (Heimatlose)? heißt dieses Gemälde Ludwig Meidners von 1912. © ABB.: MUSEUM GIERSCH

Am Sonntag eröffnet im Museum Giersch ein großer Ausstellungsreigen zum Leben und Werk des Künstlers, der lange im Rhein-Main-Gebiet lebte.

Welch ein unruhiger, aufmerksamer und zerquälter Geist. Welch ein konsequenter Künstler! Ludwig Meidner ist eine Entdeckung. Nicht, dass er unbekannt wäre, der junge Mann, der geborstene Straßen und zerklüftete Städte malte, so dass ihn ein Kritiker einmal zu Recht „den expressionistischsten der Expressionisten“ nannte: Die moderne Stadt erschien ihm als Moloch der Sinneserfahrungen, der Mensch der Gegenwart als ewig unbehaust. Doch wie Meidner sich häutete und welch schwierige Wandlungen er in seiner turbulenten Lebenszeit vollzog, das lässt sich hier im Haus Giersch erstmals entdecken.

„Horcher in die Zeit“ heißt die Ausstellung, deren Titel zugleich ihren Anspruch markiert. Denn so heißen gleich zwei von Meidners Bildern, eines aus der expressionistischen Phase, und dann ein viel späteres, als Meidner mit seine Frau Else und seinem Sohn schon lange im Exil in London war.

Ein Prophet und Visionär

Beide zeigen, jedoch ganz unterschiedlich, einen Menschen, der mit seinen ganzen Sinnen dem Leben hingegeben ist und zugleich in die Zukunft hineinlauscht – einen Propheten und Visionär: So sah sich Meidner womöglich selber: als überaus sensiblen Menschen, der in der Lage war, Dinge zu spüren, lange bevor andere sie sahen.

„Seismograph“ heißt denn auch das Gemeinschaftsprojekt zum 50. Todestag des Künstlers, das mit dieser Ausstellung beginnt und mit weiteren Ausstellungen in Darmstadt und Hofheim (in beiden Orten lebte er) in den nächsten zehn Monaten fortgesetzt wird.

Der junge Mann, 1884 in Schlesien geboren, zog nach einer Zwischenstation in Paris nach Berlin. Anders als so viele seiner Künstlerkollegen, begrüßte er den Krieg nicht mit offenen Armen. Im Haus Giersch sind Werke zu sehen, die zwischen dem Jahr 1912 bis zu den ersten Monaten des Jahres 1914 stammen und den Krieg in seiner ganzen Grausamkeit zeigen: Mit Kanonen, Gerippen, Totenköpfen und apokalyptischen Schlachtfeldern. Was kurz darauf Wirklichkeit wurde: Hier ist es schon gemalt.

Behutsam geht die Schau vor: Erst zeigt sie den Expressionisten und auch den großen Porträtisten seiner Zeit: einen Mann, der mit namhaften Kollegen befreundet war und mit allen Mitteln danach strebte, die Zeichen seiner Zeit sichtbar zu machen. Nicht nur mit malerischen Mitteln übrigens, denn Meidner war eine Doppelbegabung: Er schrieb auch, fand auch hier Anerkennung, und so ist es kein Wunder, dass man auch zahlreiche Literatenporträts von ihm betrachten kann: Theodor Däubler, Max Hermann-Neiße und Franz Werfel findet man, ebenso die berühmte Schauspielerin Lotte Lenya.

Dann kommt mit den Zwanziger Jahren die Zeit des Umbruchs: Weidner konvertiert zum orthodoxen Juden. In einer entwurzelten Welt findet er Halt in Riten und religiöser Weihe, von seinen expressionistischen Jahren distanziert er sich, spricht von „Spleen“ sowie „Übergeschnapptheit und Schamlosigkeit“.

In den 30ern dann abermals eine Wende, ausgelöst, natürlich, vom Zeitgeschehen. 1935 zieht Meidner nach Köln, um dem politischen Druck in Berlin zu entgehen, 1939 emigriert er nach London. Bis 1953 wird er dort leben und in düsterer Zeit, geplagt von großer materieller Not, Düsteres malen. Ja, richtig: Das Malen wird wieder sein Lebenszentrum, als gebe es ihm einen letzten Halt in einer dem Untergang geweihten Zeit.

Niederste menschliche Instinkte

Wie er diese Zeit malt, mystisch überhöht, gespenstisch und unheimlich, mit Anspielungen, die den ob der Grausamkeit des Menschen entsetzten Himmel und die niedersten menschlichen Instinkte in ein Bild packen, ist ebenso innig wie spektakulär. Bosch, Breughel und Goya spürt man hier, die ganz großen Traditionslinien, aber auch die englischen Satiriker von William Hogarth bis James Gillray.

Kuratiert von Birgit Sander und Erik Riedel, der im Jüdischen Museum Meidners künstlerischen Nachlass verwaltet, kam die Schau zustande unter Mithilfe der Hofheimer Meidner-Gesellschaft. Sie gründete sich 1990, nachdem der 100. Geburtstag 1984 ohne Gedenkausstellung vorübergegangen war. Meidner war 1953 nach Deutschland zurückgekehrt und wohnte zunächst im jüdischen Altersheim in Frankfurt. 1955 zog er nach Hofheim-Marxheim, 1963, als es in seinem kargen Atelier zu schwer für ihn wurde, nach Darmstadt.

Von religiösen Themen über „Metaphern des Exils“ bis zu makaber-lustigen Insektenszenen reichen die letzten Themenräume in der zweiten Etage Giersch-Villa. Den Abschluss machen Szenen in Theatern und Varietés. Aber auch sie zeigen keineswegs Orte reiner Vergnügung sondern sind ein Spiegel existenziell verunsicherter Menschen am Rande des Abgrunds.

Das Obergeschoss zoomt dann nochmals Ludwig Meidners Leben nahe heran: In fotografischen Vergrößerungen und einem Film.

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