+
Selbst ein lebensgroßer Elefant fehlt bei der ?Afrika?-Show nicht. Das eindrucksvolle Tier ist zwar nicht echt, aber zumindest wirkt es so auf den ersten Blick. Ansonsten sprühen alle Beteiligten vor Energie und Lebensfreude.

Jahrhunderthalle

"Afrika, Afrika": Akrobatik mit Elefant

  • schließen

Der Choreograf George Momboye entführt das Publikum mit der mitreißenden Zirkusshow „Afrika, Afrika“ in der Frankfurter Jahrhunderthalle für zweieinhalb Stunden in eine farbenfrohe Welt.

Irgendwann beginnt man, sich Sorgen zu machen. Ob Khatib Juma, dieser Mann, für dessen Körper offenbar ganz eigene Gesetze gelten, seine Arme und Beine irgendwann noch mal entfaltet bekommt? Denn wie der Tansanier ein- und ausschultert, Kopf und Rumpf scheinbar um 180 Grad verdreht, den unteren Arm vom oberen isoliert und einem die Übersicht darüber raubt, wo vorne und hinten ist, das lässt einen schon um dessen Gesundheit fürchten. Grenzen, die selbst für die flexibelsten Sportgymnastinnen gelten, existieren für diesen Artisten offenbar nicht. Angenehm anzuschauen ist das dauerhaft keineswegs, aber erstaunlich und beeindruckend.

Der Kontorsionskünstler, der jede Schlangenfrau steif aussehen lässt, gehört zum Ensemble von „Afrika, Afrika“, dem Programm, das der österreichische Autor und Schauspieler André Heller erstmals 2005 für eine Präsentation in Frankfurt zusammenstellte, das aber auch nach so langer Zeit noch nicht in die Jahre gekommen ist. Zwar zog sich der mittlerweile 71 Jahre alte Ideengeber 2014 von allen seinen Bühnenevents zurück. Doch der an der Elfenbeinküste geborene Choreograf George Momboye setzte die Tradition fort und entwickelte dafür ein eigenes Konzept.

Seine neue Show, die noch bis einschließlich Sonntag in der Jahrhunderthalle zu sehen ist, bietet abermals ein furioses und bisweilen auch überraschendes Feuerwerk an atemberaubender Akrobatik und beeindruckenden Balancemanövern, temperamentvollem Tanz und mitreißender Musik. Selbst ein lebensgroßer Elefant darf dabei nicht fehlen, der zwar nicht echt ist, aber zumindest auf den ersten Blick so wirkt. Auf einer Videoleinwand im Hintergrund der Bühne werden wahlweise bunte Muster, großstädtische Straßen oder afrikanische Steppe gezeigt – je nach dem, was sich vorne abspielt.

Das ist abwechslungsreich und gelungen gemischt. Allein die Dramaturgie hätte etwas geschickter gewählt werden können. Der lange erste Teil vor der Pause beginnt ohne Vorwarnung mit einem rasanten Pyramidenbau, bei dem die Figuren pausenlos ineinanderfließen. Auch die weiteren Acts in diesen 75 Minuten, darunter die liebevolle Jonglage des auch den Moonwalk beherrschenden Michael-Jackson-Verschnitts Abrham Woldehawaryat aus Äthiopien, die beruhigende Bastelnummer von US-Gast Andreis Jacobs Rigolo, der aus Pflanzenteilen ein fragiles Riesenvogelgerüst zusammenstellt, das sich am Ende selbst auf kleinster Fläche hält, sowie der Saltowirbel, den das Duo „Happy“ per flinker Fußarbeit entfacht, lassen die Spannung anhalten. Nach der Unterbrechung stellen die Stangenkletterer aus Äthiopien dank Muskeln und Geschicklichkeit noch spektakulär sämtliche Regeln der Schwerkraft infrage, bevor das Dauerhoch etwas abebbt.

Schuld daran ist auch die Tatsache, dass sich in die sowieso nicht mehr so außergewöhnlichen Nummern zunehmend Schwächen einschleichen. So patzen die amerikanischen Slam-Dunkers bei ihren Trampolinflügen zum Basketballkorb gleich mehrmals, und die Trilogy der Handakrobatinnen kommt sowieso etwas simpel daher. Aufregend werden die Unsicherheiten besonders bei den Schleuderbrett-Spezialisten. Die zeigen zwar wenig Angst vor der Höhe, doch von der schon oft gesehenen Perfektion der Asiaten, der diese Art der Performance ihren Namen verdankt, sind die viel wilder auftretenden Äthiopier weit entfernt. Der regelmäßige Griff der Obermänner an die Köpfe nebendran zeugt ebenso davon wie Landungen vor den Polstern am Ende der Wippe, bei denen man manches Mal den Eindruck hat, dass nur die verlässliche Absicherung durch die Kollegen und ein schneller Abgang Stürze oder Schlimmeres verhindern.

Doch im nicht abreißenden Bewegungsrausch, zu dem auch eine coole Breakdancebattle gehört, gehen solch kleine Makel unter. Zudem bietet der Ausflug auf den anderen Kontinent noch viel mehr. Farbenfrohe Kostüme, Masken, rotierende Röcke und stimmungsvoller Gesang runden das Zirkusevent mit kulturellen Akzenten ab. Nicht zu vergessen der Spaß, den fast allen Beteiligten das Ganze offensichtlich gemacht hat. Sie sprühen vor Lebensfreude, suchen immer wieder den Blickkontakt zu den begeisterten Zuschauern und lächeln diese an. So eine Fröhlichkeit lässt sich kaum spielen, sie scheint den Künstlern aus den Herzen zu springen – mitten hinein ins Publikum, das vor Ansteckung nicht gefeit ist. Diesen etwas anderen Zirkus hätte man an diesem Abend gerne noch länger gefeiert, doch das Licht im Saal ging irgendwann an.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare