Fotoausstellung

Akademischer Zauber und wilde Körper

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Eine Fotoausstellung des Brasilianers Viveiros de Castro variiert im Weltkulturenmuseum den "Wilden Körper". Zugleich eröffnet sie "Tropical Underground", ein Großprojekt Frankfurter Institutionen.

„Tropical Underground: Revolutionen von Anthropologie und Kino“ heißt das Veranstaltungsbündel, das sich bis in den Juli 2018 erstreckt. Initiiert hat es die Goethe-Universität (Exzellenzcluster „Herausbildung normativer Welten; Institut Theater, Film und Medien). Hinzu kommen das Deutsche Filmmuseum, der Mousonturm, das Museum Angewandte Kunst und die Leute von „Saasfee“ mit ihrem Multimedia-Pavillon im Grüngürtel am Eschenheimer Turm.

Ihre Kooperation ist ausgeprägt interdisziplinär und bringt dem Publikum sehr unterschiedliche Formate nahe. Den akademischen Kern bilden Film-Vorlesungen im Museumskino, die Kantorowicz-Vorlesung des Ethnologen Eduardo Viveiros de Castro („Gegen die seinsmäßige Ausnahmestellung der menschlichen Spezies“: Uni-Campus Westend) und eine internationale Tagung über eine andere Moderne, welche die Kolonialgeschichte umwidmet und so gerüstet der Globalisierung harrt (Mai 2018). Hinzu kommen eine Disputation über Menschenfresserei in westlicher Projektion, ein Literaturabend zum selben Thema („Verschlingungen: Einführung in den brasilianischen Hunger“), die Darbietung von Super-8-Filmen des Künstlers Hélio Oiticica und diese Ausstellung: „Variationen des wilden Körpers“.

In großer Runde eröffnet, ragt „Tropical Underground“ schon als extrem vernetztes Projekt heraus. Nicht alle Tage sieht man die Uni, drei Museen und ein Künstlerhaus vereint. Lohnend ist vor allem aber das Thema.

Wer die kulturelle Globalisierung verstehen, gar umarmen will, so der Grundgedanke, kann von der brasilianischen Gegenkultur der 60er und 70er Jahre nur lernen. Dazu zählen die „Tropicália“-Bewegung von Musikern und das „Cinema Marginal“, das seine eigene Filmsprache fand, indem es das US-Genrekino (Horror, Melodram, Softporno) mittels der literarisch-künstlerischen Avantgarde kannibalisierte: ein Schlüsselmoment der Filmgeschichte. Überdies lebt kaum ein Land die kulturelle Mixtur so vor wie Brasilien.

Als der Avantgarde-Dichter Oswald de Andrade 1928 sein „Anthropophages Manifest“ vorlegte, auf das sich brasilianische Künstler heute so gern berufen, hatte er übrigens keinen Diätvorschlag im Sinn, sondern formulierte ein ästhetisches Prinzip. Zur Ausstellung im Weltkulturen-Labor, dem zweiten Kern des Gesamtprojekts: Eduardo Viveiros de Castro, geboren 1951 in Rio de Janeiro, war um 1970 Standfotograf für den Regisseur Ivan Cardoso und Fotoporträtist von Künstlern und Dichtern.

Zugleich befasste er sich mit Amazonas-Stämmen und begann Anthropologie zu studieren. Heute zählt er zu den bedeutendsten Ethnologen, besonders dank seiner Theorie des amerindischen Perspektivismus. Auch ohne genaue Lektüre seiner mitausgehängten Texte ist die umfangreiche Fotoschau auf zwei Stockwerken beeindruckend reich und bietet Überraschungen.

Schon der Blick eines kleinen Mädchens vor altrosafarbener Kalkwand auf den Betrachter entfaltet komplexe Entwicklungen und ganze Lebenswelten, weil das indigene Leben darin fast explosiv mit einer von außen kommenden Welt zusammenkracht, die in Form gerodeter Wälder und gewaltiger Plantagen auftritt und sich das Reservat, in dem das Mädchen lebte, gleichsam als Potemkin’sches Dorf für hohe Besucher hielt. Viveiros geißelt in Worten und Bildern die unbewusste und doch perfide Strategie, indigene Amazonasbewohner mit einer Schubkarre voller Güter, die sie nie nötig hatten (Öl, Seife, was immer), gleichsam anzufixen, um sie dann „zu zivilisieren, brasilianisieren und christianisieren“.

Der Körper am Amazonas, schreibt der Ethnologe in seinen Texten, sei ein vom Außenblick konstruierter Habitus zwischen materieller Welt und dem, was wir „Ich“ nennen würden. Er fließe mit fremden Körpern und Blicken, sei „durch die Gesellschaft imaginiert“.

Auch Kleidung sei darum Körper, die Tierkleidung des Schamanen aber gleiche mehr funktionellen Taucherrüstungen als Karnevalsmasken: „Die Rassel des Schamanen ist ein Teilchenbeschleuniger.“ Weil im Weltsein der Indigenen oder auch im Weiterleben der Maya trotz mehrerer Weltuntergänge eine tiefe Lektion stecke, „wie man besser lebt in einer Welt, die schlechter geworden“ und von Barbaren erobert sei, sei Indigenität „kein Relikt aus der Vergangenheit, sondern ein Projekt der Zukunft“.

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