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Alissa Walser, in der Frankfurter Galerie Arte Giani vor zwei ?Porträts?, Öl auf Holz (2015/18).

Galerie Arte Giani

Alissa Walser macht als minimalistische Malerin auf sich aufmerksam

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„Schön wär’s, in der Tiefe zu verschwinden“ – einen rätselhaften Titel hat Alissa Walser ihrer neuen Ausstellung mit kleinformatigen Bildern in der Frankfurter Galerie Arte Giani verpasst.

Erst einmal zuschauen. Abwarten. Spüren. Alissa Walser ist keine Künstlerin, die auf Wirkung zielt, die ungestüm nach vorne drängt. Aufmerksamkeit wäre wohl kaum ein Wert, für den sie sich gewaltig ins Zeug legte, das ist ungewöhnlich für den Kunstbetrieb heute. Aber dass sie einem Betrieb zugehören wollte, das kann man sich bei Alissa Walser ohnehin nur schwer vorstellen.

Bei ihrem Vater Martin Walser zu sagen, dass er zum Literaturbetrieb gehörte, würde hingegen als Untertreibung durchgehen. Seit den 50er Jahren ist er ein wesentlicher Akteur dieses Betriebs, die Fehden, die er sich lieferte, allen voran die mit dem ebenfalls 1927 geborenen Günter Grass, sind legendär. Immer wieder hat Martin Walser provoziert, gegen den Stachel gelöckt, Debatten in Gang gesetzt, die ihn über Wochen und Monate in die kulturellen Schlagzeilen brachten. Alissa Walser ist eines der fünf Kinder von Martin Walser – neben ihr gibt es noch Jakob Augstein, den Halbbruder, und die drei Schwestern Theresia, Franziska und Anna. Dass sie sich inszenierte wie ihr Vater – undenkbar.

Als bewusstes Gegenprogramm zum dominanten Vater möchte sie ihre Zurückhaltung aber keinesfalls verstanden wissen. Es komme schließlich immer darauf an, wie heftig einer befehdet werde, sagt sie. Ein typischer Gedanke für Alissa Walser möglicherweise. Ihr jedenfalls liegt das Verstehen-Wollen und die Einfühlung mehr als die Kontroverse.

„Schön wär’s, in der Tiefe zu verschwinden“, die nach einer fünfteiligen Öl-, Aquarell- und Tuscharbeit benannte Ausstellung in der Galerie Arte Giani, ist ein gutes Beispiel für diese sanfte Art, Kunst zu machen. Die Titelarbeit zeigt, zärtlich fast: Tiere, Insekten. Sie sind gemalt auf ein sorgfältig grundiertes Papier, das winzige Farbspur-Reste jenes Blattes zeigt, das im Zeichenblock einst darüber lag. Diese Spuren nimmt Alissa Walser zum Ausgangspunkt, um an ihnen, um sie herum oder wie immer es ihr in den Sinn kommt, eine Linie zu probieren. Nach und nach ersteht so, aus dem Fast-Nichts, ein Bild.

Insekten: Keine Kreatur ist zu klein. Jahrzehnte hat die 1961 Geborene im Frankfurter Nordend gewohnt. Verheiratet ist sie mit dem Lyriker Sascha Anderson. 2012 sind die beiden ins Umland gezogen, nach Nidderau. Dort streift sie mit ihrem Mischlingshund aus dem Tierheim durch die Felder, hat sie einen Garten, und mit Sorge beobachtet sie den rapiden Schwund der Insekten. Dass die Menschheit nicht in der Lage ist, auf die mehr als deutlichen Warnsignale der Natur zu reagieren, beim Bienensterben und anderswo, das kann sie nicht verstehen.

Es gibt andere Tiere auf den mehr als 60 Arbeiten: einen „Roten Panda“ zum Beispiel und einen „Kleinen Tapir“. Alissa Walser sind sie vor Jahren auf einer Reise in den argentinischen Regenwald nahegekommen. Walsers Führer erzählte immer wieder von bedrohten Tierarten – und von denen, die es gar nicht mehr gibt. Doch keine flammenden Anklagen sind diese Bilder, sondern zarte Notizen.

Das haben sie gemein mit den Büchern von Alissa Walser. Denn die Künstlerin, die nach dem Abitur in Wien und in New York Malerei studierte, schreibt auch: schmale, wie hingetupfte Werke, die sich aus lauter intensiven Einzelbeobachtungen zusammensetzen. „Malen und Schreiben, das habe ich schon in meiner Kindheit getan“, sagt sie. Vom Vater bekam sie immer die Blindbände der Verlage: fein gebundene Bücher, auf denen Goethe stand oder Brecht, doch innen nur weiße Seiten. Die durfte sie füllen. Im vergangenen Jahr erschien der Kurzprosa-Band „Eindeutiger Versuch einer Verführung“. Einen literarischen Namen machte sich Alissa Walser schon 1992, als die 31-jährige Debütantin den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann – mit einer Erzählung über eine 31-Jährige, die ein merkwürdig intimes Verhältnis zu ihrem Vater pflegt.

So reduziert wie ihre Texte, die sich oft um sichtlich biografisch inspirierte Begebenheiten ranken, sind auch Walsers Bilder: bloß keine Schnörkel, bloß kein Zierrat! Auch, wenn sie von den ganz großen Dingen erzählt, die sie beeindrucken, dem Regenwald oder dem Pazifik, den sie in Korea erlebte: In ihren Bildern konzentriert sie all dies auf einen minimalistisch umrissenen Gefühls- und Erlebenskern. Präzise will sie sein, formbedacht ist alles, nichts aber ist dominant: Vor großen Formaten, vor Überwältigungskunst schreckt sie zurück.

Es gab eine Phase, nachdem sie aus Amerika zurückgekehrt war, da wurde Alissa Walsers Malerei immer bescheidener, immer zurückhaltender: Zum Schluss malte sie nur noch mit dem Filzstift. Jetzt hat sie den Pinsel wiederentdeckt. Er gebe, sagt sie, der nüchternen Linie ihr Eigenleben zurück. Für eine, die ruhig aus sich heraus schöpft und für die Kunstproduktion fast etwas wie ein Akt meditativen Zu-sich-Kommens zu sein scheint, ist das fast ein Ausbruch.

In ihrem jüngsten Buch findet sich ein Abschnitt, da widmet Alissa Walser ihre Aufmerksamkeit dem winzigen Moment zwischen den Worten „Ja“ und „aber“. Auf diese Pause, wie „Luft zwischen zwei gleichen Magnetpolen“, komme es an. Ihre Bilder, nie überladen, wenige markante Akzente vor viel grundiertem Weiß, sind dieser Pause sehr ähnlich: in den vernachlässigten Zwischenräumen entdeckt Alissa Walser die ganze Welt.

Galerie Arte Giani

Frankfurt, Taunusanlage 18.

Bis 23. Februar. Geöffnet

Mo 12–18 Uhr, Di bis Fr 10–18 Uhr. Telefon (069) 97 58 37 88.

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