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Wie gewohnt temperamentvoll: Andres Orozco Estrada.

HR-Chefdirigent

Andrés Orozco-Estrada über die gemeinschaftsstiftende Freude an der Musik

Viele fiebern hin auf das Open-Air-Konzert des HR-Sinfonieorchesters am Frankfurter Mainufer – und das, obwohl die Tradition so lange noch nicht währt.

Wie schon im vergangenen Jahr eröffnet das Konzert zugleich die Europa-Kulturtage der in unmittelbarer Nachbarschaft residierenden Europäischen Zentralbank. In diesem Jahr präsentiert sich die Kultur Litauens. Der noch junge Staat wurde vor einhundert Jahren gegründet und ist erst seit 1990 wieder selbständig. Wenn also morgen Abend Andrés Orozco-Estrada ans Pult auf die eigens errichtete Bühne tritt, unternimmt er zusammen mit dem Publikum eine Expedition in ein Land, dessen Musik hier weitgehend unbekannt ist. Mit dem HR-Chefdirigenten sprach Andreas Bomba.

Was ist das Besondere an litauischer Musik?

ANDRES OROZCO-ESTRADA: Ich bin auch gerade erst am Entdecken. Bisher erlebe ich eine sehr farbenreiche Musik, wie Tonmalerei. Wir spielen ein Stück von Mikolajus Ciurlionis . . .

Der Komponist hat ja auch gemalt, Bilder in einem symbolistischen Stil, die auch mit Musik zu tun haben.

OROZCO-ESTRADA: Ja, und ich habe den Eindruck, dass die Musik versucht, alles mit Farben zu demonstrieren. Farben und Natur scheinen mir für die Kultur in Litauen generell sehr wichtig zu sein.

Das Stück von Ciurlionis heißt: „Im Walde“, es ist eine Art Tondichtung. Worum geht es?

OROZCO-ESTRADA: Ich glaube gar nicht, dass es hier um eine konkrete Geschichte geht. Als ich mir die Partitur angeschaut habe, dachte ich: Das ist wie ein Nachmittag im Wald, es zwitschern die Vögel. Daraus wird dann ein Abendspaziergang, es wird eher dunkel, Gespenster erscheinen, dann ein paar dramatische Momente. Ich habe das Gefühl, dass der oder die Menschen, die durch den Wald gehen, sich an tragische Momente erinnern, manchmal ist es wie ein Kampf mit sich selbst. Das ist aber nur meine persönliche Fantasie. Das Schöne an der Musik ist, dass jeder beim Zuhören sich etwas anderes vorstellen kann.

Vielleicht hilft dabei ja auch das Ambiente – ein Konzert zwar nicht im Wald, aber doch im Freien, am Fluss. Sie dirigieren nicht zum ersten Mal an der Weseler Werft – wie ist es, an diesem Ort zu spielen?

OROZCO-ESTRADA: Auf jeden Fall besonders, und großartig. Technisch gesehen stellen die akustischen Verhältnisse eine Herausforderung dar, aber wir haben ein tolles Team an Tontechnikern für die Beschallung, den Klang vor Ort, und für die Aufnahme. Anders als im Konzertsaal gibt es keine Wände, kein richtiges Dach, daran muss man sich doch jedes Mal gewöhnen.

Dann kann es windig sein . . .

OROZCO-ESTRADA: Genau, und die Noten fliegen herum. Manchmal kommen Vögel und singen mit, oder es fliegen Flugzeuge drüber, das gehört heute einfach dazu – bei Beethoven gab es das nicht. Aber die Stimmung ist insgesamt großartig. Schiffe voller Leute fahren vorbei, manche bleiben so-gar stehen und hören zu – das ist schon einzigartig!

Im vergangenen Jahr waren rund 20 000 Besucher da, man kann das Konzert zudem im Hörfunk und Livestream verfolgen – für Sie ein zusätzlicher Kick?

OROZCO-ESTRADA: Na klar! Ich muss das nicht jeden Tag machen, und ich möchte es auch nicht eintauschen für die großartigen Konzertsäle, in denen wir sonst auftreten und spielen. Aber einmal im Jahr ist open air schon toll. Für mich kommt noch etwas hinzu: Ich soll ein wenig moderieren, etwas erzählen über die Werke, über die Solisten, das Orchester, vielleicht auch über meine Person. Hoffentlich gelingt mir das, interessant und witzig, so dass die Leute einen schönen Abend haben. Es ist für uns ja auch die Gelegenheit, einem großen Publikum vorzuführen, wer wir sind und was wir machen.

Das Publikum vor Ort darf sogar mitwirken – worum geht es da?

OROZCO-ESTRADA: Es ist im Grunde einfach. Wir spielen den vierten Satz aus der 9. Sinfonie von Ludwig van Beethoven. Dazu haben wir den litauischen Chor „Jauna Muzika“ eingeladen, und auch drei von den vier Solisten kommen aus Litauen. Sie singen die „Ode an die Freude“. Hier möchte ich das Publikum einladen, mitzusingen.

Meinen Sie, dass jeder diese Musik kennt?

OROZCO-ESTRADA: Daran habe ich wenig Zweifel. Zumindest die bekannten Stellen. Und vielleicht nicht jeder, aber doch viele. Spannender ist, ob die akustischen Verhältnisse es erlauben, dass wir zusammenbleiben, ob es gelingt, die Leute mit meinem Tempo und überhaupt meinem Dirigieren vertraut zu machen. Wir werden zuerst kurz proben und dann aufführen. Mit 20 000 Leuten – das habe ich noch nie gemacht! Aber wäre es nicht schön, dieses stimmungsvolle Konzert mit einer schönen und wichtigen Botschaft zu beenden? Singen ist eine ganz natürliche Sache für jeden Menschen, besonders in Litauen wird viel gesungen. Also, man muss das erleben, genie-ßen, und versuchen, mit den Menschen dort eine Verbindung aufzubauen.

Mit welcher Erwartungshaltung, glauben Sie, kommen die vielen Menschen auf die Weseler Werft?

OROZCO-ESTRADA: Ich glaube, sie haben zuerst einfach Freude an der Musik. Und sind neugierig. Insgesamt mögen die Menschen solche Ereignisse. Auch oder gerade, wenn Sie in klassischer Musik viel-leicht nicht so versiert sind und sich nicht so gut auskennen. Es wäre doch prima, wenn wir alle gemeinsam etwas Neues entdecken! Das macht zwei wunderschöne Stunden lang Freude und weckt vielleicht auch Lust, mehr zu hören von uns, mal in ein „normales“ Konzert zu gehen. Wir spielen für unser Publikum, dafür sind wir schließlich da.

Ein Akkordeonist wird mitwirken, Martynas Levickis – das ist auch keine alltägliche Begegnung im Sinfoniekonzert!

OROZCO-ESTRADA: Ja, er ist eine „große Nummer“, in Litauen wie auch international. Ein Virtuose auf dem Akkordeon. Virtuosität hat ja an sich immer eine besondere Ausstrahlung, dazu ist Akkordeon ein Instrument, das man selten auf einer Bühne erlebt, schon gar nicht mit einem Sinfonieorchester. Wir spielen zusammen zwei Stücke, darunter den „Frühling“ aus den „Vier Jahreszeiten“ von Astor Piazzolla mit seinem südamerikanischen Temperament, wo auch ich mich wohlfühlen darf. Wir werden also alles tun, um diesen Abend unvergesslich zu machen.

Leuchtendes Litauen

23. August, Weseler Werft, 18 Uhr. Einlass ab 16 Uhr, Eintritt frei

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