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Ein Außenseiter setzt sich durch: Bunt wird es, im Comic wie im Leben, als Marilyn Monroe und andere Berühmtheiten ins Spiel von Andy Warhols Reproduktionskunst kommen

Graphic Novel

Andy Warhol: Der Mann, der Konsum als Kunst adelte

Der Comiczeichner Typex aus Amsterdam beschreibt den unaufhaltsamen Aufstieg des Pop-Art-Künstlers Andy Warhol. Eine opulente Comic-Biografie über ihn widmet sich Person, Werk und seiner Zeit.

An Mamas Essen wird nicht herumgemäkelt. Selbst wenn es nur Ketchup, verdünnt mit Wasser, zu löffeln gibt. Die guten Suppen aus der Dose kann sich Familie Warhola nicht immer leisten. Sie sind ein blecherner Beweis ihres eigenen amerikanischen Traums, und wenn wieder ein bisschen Geld da ist, wird er in Form des vielversprechenden Inhalts genossen. Aus den ersehnten Blechbüchsen bastelt Mama mit Klein Andek hernach noch allerliebste Blechblumen.

Wenn also der Amsterdamer Comiczeichner Typex, Jahrgang 1962, den schmächtigen Andek in einer schwarz-weißen Mini-Serie zeigt, wie er brav seine von Mama eingebrockte Suppe auslöffelt, und nur die Suppe ihre Farbe von Bild zu Bild variiert, dann ist so viel gesagt, dass es gar keine Worte braucht.

Seiten später ist aus dem kleinen Andek, wie ihn seine Mama nennt, der große Andy geworden, der mit seiner ersten Serie aus 32 leicht variierten Motiven der Campbell’s-Suppendose ein Massenprodukt zur Kunst erhebt. Das ist frech und irritierend, eigen und anders. Nicht das Original zählt, sondern seine Kopien. Das Populäre wird zum Besonderen, die Oberfläche zum Ereignis. Soviel Revolution schafft erst Skepsis und Ablehnung, dann aber Respekt und Bewunderung.

Trivial und glamourös

In der opulenten Comic-Biografie „Andy – A Factual Fairytale“ werden die Mittel, die dieser außergewöhnliche Künstler für die Kunst entdeckt hat, immer wieder eindrucksvoll eingesetzt. Das ist quasi angewandte Pop Art mit klarem Bekenntnis zum Experiment, zur Veränderung, zur Realität, zur Ironie, zur Selbstvermarktung, zum Geschäft.

Ausstellung mit Brillo-Boxen, und der Meister vor der TV-Kamera.

Vorn auf dem Buch wird geworben: „Unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis“, hinten wird geworben: „Gratis enthalten 120 Stars zum Sammeln“. Dazwischen machen fast 600 Seiten ernst mit diesen Ankündigungen: zehn unterschiedlich gestaltete Kapitel, die mit einer separaten Titelseite und zwölf Sammelbildern von wichtigen, mit Porträtbild und Kurzvita vorgestellten Akteuren beginnen. Das Triviale wird obendrein als das Glamouröse präsentiert: ein Bucheinband wie ein Waschpulverkarton mit dreiseitiger Silberschnittverzierung.

Bis ordentlich Farbe ins Leben von Andy Warhol (1928–1987) kommt, dauert es bei Typex, bürgerlich Raymond Koot, zwei ganze Kapitel. Die triste Kindheit als Spross einer armen Einwandererfamilie ist in schwarz-weißen Kohlezeichnungen festgehalten. Andrew Warhola, wie er eigentlich heißt, ist sensibel und schüchtern und ein großer Comic-Fan. Als Schüler ein Einzelgänger, als Student ein Paradiesvogel, schon mal als „blöde Tunte“ beschimpft, einsam und ungeliebt. Die Resonanz auf erste Arbeiten ist eindeutig: „keine Expression“, „Mist“, „leere, kommerzielle Nichtigkeit“, „amerikanisch“. Doch dann tauchen Marilyn Monroe und King Elvis auf seinen Siebdrucken auf, und die Seiten werden plötzlich kunterbunt – die bislang skizzenhafte Darstellung wechselt in den gepunkteten Raster-Comic-Stil eines Roy Lichtenstein.

Exzesse in der Factory

Warhol, der sich austobt, wo er kann, am liebsten in seiner 1962 gegründeten Factory, mit intensivem Arbeiten am Tag und exzessivem Feiern in der Nacht, wird als vielseitiger Kreativer gewürdigt, als Grafiker, Illustrator, Verleger oder Filmemacher, der etwa sein Debütwerk auf acht Stunden plant, dafür 160 Filmrollen benötigt, weil jede Filmrolle nur 3 Minuten Zeit bietet. Als Entdecker, Optimierer und Inszenierer der lauten, derben Band „Velvet Underground“ um Lou Reed und John Cale zeigt sich Warhol in Kapitel 5: Die Bandmitglieder latschen dabei als dunkle, schwarze Gestalten durch die schrillen, farbigen, hippiesken Szenen, die an die psychedelische Ästhetik des „Beatles“-Zeichentrickfilms „Yellow Submarine“ erinnern. Die Seiten wandeln sich wie die Zeiten. Mal kommen sie in Gestalt politischer Manifeste daher, mal in der von Punk-Fanzines, mal in der von extrem maskulinen Schwulen-Illustrationen, wie sie von Tom of Finland bekannt sind.

Indem er links und rechts schaut, das kleine und das große Ganze im Blick hat, erzählt Typex die umfangreiche Biografie als komplexe Geschichte der Popkultur. Auf den sehr amerikanischen Traum folgt letztlich sehr amerikanische Kunst, die bei Warhol Person und Werk gleichermaßen einschließt. Das macht die Comic-Biografie Panel für Panel deutlich. Fünf Lebensjahre lang hat sich der eine Künstler an 58 Lebensjahren des anderen Künstlers abgearbeitet. Es hat sich gelohnt: Mehr hätte selbst Warhol nicht aus sich herausholen können. Deshalb würde der wackere Streiter für Kunst als Kommerz sicherlich Gefallen daran finden: Wenn schon Ausverkauf einer Ikone, dann so. Darauf eine Dosensuppe.

Oliver Seifert

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