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Bob und sein Team haben das Stahlgerüst für ein ein neues Hochhaus in der Stadt fertiggestellt. Jetzt muss nur noch der Fahrstuhl eingebaut werden.

Wer lernen will, wie Bundeskanzler geht, muss Baumeister gucken

Angela Merkel: Bobs beste Schülerin

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Kennen Sie Bob? Bob, den Baumeister? Sollten Sie sich für Politik interessieren, für Moral, für die Möglichkeiten des Machbaren, für intrinsische Motivation, Gruppendynamik, den Ursprung des Optimismus und die selbsterfüllende Kraft von Prophezeiungen, dann schauen Sie sich diese Kinderfernsehserie doch mal an. Denn wenn die Bauarbeiter fragen: „Können wir das schaffen?“, antwortet Bob, der Meister stets: „Yo, wir schaffen das.“

Ein Jahr nun ist es her, dass Angela Merkel den Satz „Wir schaffen das“ ins blaubehimmelte Sommerwetter hineinpalaverte. Sie machte ihn übrigens nicht als Zitat kenntlich, aber es war ja auch keine Doktorarbeit, sondern nur ein ganz gewöhnliches Routine-Sommerinterview. Schwamm drüber also, man kann das verstehen. Wer jedes Rollenidol preisgibt, gilt schnell als unorigineller Langeweiler. Aber es gibt eines, und hätte Merkel in dem ihr eigenen fürsorglichen Erklärsprech nicht dessen Lieblingssatz zitiert, wäre womöglich auf ewig unbemerkt geblieben, wie wesentlich Bob, der Baumeister, ihr ganzes Bundeskanzlerinnendasein geprägt hat.

„Wir schaffen das“, hat sie Bob zitiert, in den englischen Folgen übrigens: „Yes, we can!“, womit nebenher auch die (tele-)visionäre Quelle eines anderen notorischen Optimismusverbreiters offengelegt wäre, die Frage aber zu klären bleibt: Was will uns dieser Schlachtruf sagen?

Um seinem suggestiven Geheimnis auf die Spur zu kommen, lohnt es, einen Schritt in Bobs Welt zu wagen: Der alerte Baumeister leitet die Werkstatt von Hochhausen. Dort wird alles repariert, was repariert werden muss, und weil Bob genau das am allerliebsten macht, jubelt er: „Ist es nicht toll, dass Hochhausens beste Bauprojekte gerade hier losgehen?“

Kein Wunder, dass nichts Bobs gute Laune trüben kann – ganz wie die Baumeisterin in Deutschlands Projektzentrale Nummer eins, deren legendär abwärtsgerichtete Mundwinkel mitnichten schlechte Stimmung signalisieren, sondern souverän die Lage beherrschenden Gleichmut.

Nicht immer allerdings herrscht eitel Sonnenschein. „Manchmal könnte ich drei Hände gebrauchen!“, stöhnt dann Leo, Bobs Lehrling. Aber dann kommt flugs Bob daher und hilft und spricht Mut zu: „Zusammen geht’s ganz leicht, Leo.“ Und für alle ergänzt er, man kann sich das wie eine Zwischendurch-Ansprache für die lernbegierige Nation vorstellen: „Ich freu’ mich immer, wenn ich helfen kann.“ Klingt das nicht wie Angela Merkel, die ihre Dauerkanzlerschaft gern damit begründet, sie sei „dankbar, dass ich Deutschland dienen kann“?

Lehrling Leo ist dunkelhäutig – Migrationshintergrund! – und ein ziemlicher Kindskopf, aber im Grund seines Herzens ein gutmütiger Typ, lernwillig und ein Gewinn für Hochhausen – wenn noch nicht jetzt, dann in Zukunft, das weiß Bob. Auch hier erweist sich die Bundeskanzlerin als gelehrige Schülerin: Man muss Geduld haben und an das Gute in den Herzen all derer glauben, die zu uns strömen, dann werden sie auch nützliche Mitglieder Hochhausen-Deutschlands werden.

Bob ist, wen wundert’s, der einzige Generalist inmitten vieler sympathischer, aber doch ein wenig beschränkter Spezialisten. Allenfalls Wendy, die mit blitzblauen Von-der-Leyen-Augen strahlende Elektrikerin, ist ähnlich souverän, doch was sie tut, beschränkt sich allein auf ihr Metier. Im Deutschland-Hochhausen-Vergleich ist sie die bewunderte Fachministerin: „Nur Wendy kriegt selbst dann alles hin, wenn sie viele Sachen auf einmal macht“, sagt Baggi, der Bagger. Er selber ist zwar super in Spezialsachen wie Wasserleitungsausgraberekorden, aber den großen Durchblick hat er nicht.

Dass fast alle außer Bob ein wenig verpeilt sind, macht aber nichts. Denn dafür gibt’s ihn ja, den Baumeister, genau deswegen ist er da: Wenn Winzi, der Kran, oder Mixi, die Mischmaschine, mal wieder vergessen, dass man im Leben mit lustigen Spielen allein nicht weiterkommt, eilt schnurstracks Bob heran, und ein kleiner Ermahnungsrempler lenkt alles in die rechte Bahn.

Bei so viel Arbeit kommt das Privatvergnügen manchmal allerdings zu kurz, auch da geht’s der Bundeskanzlerin wie Bob: Mal stößt ein Laster Bobs Frühstücksteetasse um, mal walzt Rollo, die Walze, versehentlich Bobs Essenstasche platt. Da ist Belastbarkeit gefragt. Aber solche Entsagungen gehören quasi zum Jobprofil eines Baumeisters. Und weil Bob, wie es einmal sehr treffend heißt, „nie die Nerven verliert“, meistert er auch solche Krisensituationen mit Bravour. Und deswegen ist Bobs stereotype Antwort auf die Frage „Können wir das schaffen?“ stets: „Yo, wir schaffen das!“ Nicht, weil Bob nächtelang plant und tüftelt, sondern einfach: weil er was macht. Das nämlich ist es, was die Projektzentrale legitimiert.

Was genau, ist da fast egal. Und deswegen auch sind alle Merkel-Kritiker auf dem Holzweg, die neunmalklug fragen, wer „wir“ ist, was „schaffen“ meint, und was „das“ bedeutet. Denn um solche Details geht es gar nicht! Wenn Baggi allen Kies, dessen er habhaft werden kann, mitten im Bauhof zum riesigen Berg auftürmt, ist das nicht allzu weitsichtig, wie selbst Laien einleuchten wird. Und trotzdem fasst sich Bob ob Baggis Einfalt nicht verzweifelt an die Stirn, sondern staunt pflichtschuldig, um dann ebenso freundlich wie bestimmt zu sagen: „Du weißt aber, Baggi, dass der Kies eigentlich in die Container gehört?“ Kein Druck, kein Tadel, nein: Fröhlich geht die Arbeit weiter. Das angelamerkeleske „Wir schaffen das“ ist ein kategorischer Imperativ der Tat, wie ihn Bob, der Baumeister, in Reinkultur vorlebt.

„Yo, wir schaffen das!“ ist nicht das Ergebnis eines Masterplans, sondern das lebensphilosophische Mantra eines begnadeten Optimisten. Kein Wunder, dass alle, die hinter dem Ausspruch von Bobs bester Schülerin geheime Strategien vermuteten, bislang vergeblich suchten. Denn die Kanzlerin handelt auch hier wie ihr Vorbild Bob: „Es gibt immer viel Arbeit, also legen wir los / Basteln und Bauen, da sind wir groß!“ So einfach ist das nämlich. Und man kann sicher sein: Angela Merkel weiß das nicht nur. Sie freut sich auch drauf.

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