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Der Schriftsteller Peter Härtling starb im vergangenen Sommer. Sein letzter Roman ?Der Gedankenspieler? war da schon fertig, aber noch nicht zu Ende lektoriert. Das hat dann Härtlings Lektor Olaf Petersenn behutsam alleine getan.

Härtlings Roman

Im Angesicht der Gebrechlichkeit

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In „Der Gedankenspieler“, dem letzten Roman, an dem Peter Härtling vor seinem Tod schrieb, erzählt der Schriftsteller von den letzten Lebensjahren eines alten Mannes.

Johannes Wenger heißt das Alter Ego von Peter Härtling, und dass Wenger stark nach Weniger klingt, vor allem, wenn man die süddeutsch-schwäbische Herkunft von Peter Härtling in Betracht zieht, ist kein Zufall. Alles wird weniger im Leben dieses Mannes. Er kann kaum noch laufen, ist auf seinen Rollator angewiesen und später auf den Rollstuhl. Seinen Lebensrhythmus bestimmen die verschiedenen Pfleger, die den Alten unterstützen: Sie bringen ihm das Essen, waschen ihn, auch „untenrum“. Allein geht fast nichts mehr. Geistig ist Wenger allerdings noch auf der Höhe, immer wieder bekommt der Architekt Aufträge für Aufsätze, die er verfassen soll, und unternimmt dann sogar weite Fahrten, um sich kundig zu machen.

Dabei hilft ihm Dr. Mailänder, ein junger Arzt, der ihm – Wenger weiß selber nicht, wie ihm da geschehen ist – seine Freundschaft angetragen hat und ihm ein aufopferungsvoller Helfer geworden ist. Welch großes Glück für diesen alten Herr, dem das Leben und die Gesellschaft schnell zu anstrengend werden! Sonst wäre er wohl gänzlich allein. Beim Essengehen schläft Wenger schon mal vor Erschöpfung ein, und seine Konversation besteht vor allem im Granteln – eine Art Selbstschutz, um nicht in Selbstmitleid zu versinken, mit dem er allerdings seine Helfer häufig verletzt.

Der knorzige Alte hat also Glück im Unglück: Alles wird schlechter, die Kreatinin-Werte vor allem, später versagen seine Nieren: Drei Mal wöchentlich soll er zur Dialyse, an die er sich nicht gewöhnen will – auch dieses Schicksal hat Peter Härtling am eigenen Leib erfahren. Sein Körper und sein ganzes Leben sind ihm eine Last. Da einen jungen Arzt an seiner Seite zu haben, und bald auch dessen hübsche Frau und die quirlige Tochter, ist ein Segen.

Von ihnen lässt sich Härtling überreden, zum Lieblingsitaliener zu gehen oder zum Eis-Essen im Oeder Weg in Frankfurt. Hier in der Nähe wohnt Wenger, rund um das Holzhausenschlösschen ist sein Revier. Auch das ist nicht ganz unähnlich seinem Autor, der jahrzehntelang in Mörfelden-Walldorf wohnte und bis in die späten 70er Jahre in Frankfurt beim S.-Fischer-Verlag arbeitete: Die Straßen und Parks der Umgebung bilden die unauffällige Szenerie.

„Der Gedankenspieler“ ist der letzte Roman von Peter Härtling – fertiggeschrieben war er, als der Autor im vergangenen Sommer starb, wie sein Lektor Olaf Petersenn im Nachwort schreibt, aber noch nicht gemeinsam zu Ende lektoriert. Das hat dann Petersenn behutsam allein unternommen, und dabei, im Verbund mit Härtlings Witwe Mechthild, auch beschlossen, den Arbeitstitel „Schwefelgelbes Endspiel“ zu ändern. Eine gute Entscheidung, denn der zurückhaltendere Titel passt besser zum unaufgeregten Ton des ganzen Romans, der in plaudernder Kurzweiligkeit, wie man sie von Härtling gewohnt ist, auch von den unschönsten Dingen des Alterns erzählt, von Abhängigkeit, Scham, permanenter Erschöpfung und manchmal einem gelinden Ekel vor sich selbst.

Härtlings Erinnerungsband „Leben lernen“ endete 2003 mit der Passage: „Das alt gewordene Ich sammelt ein. An manchen Tagen nimmt die Müdigkeit mich gefangen. Anfangs habe ich mich ihr widersetzt, nun nicht mehr. Es treten auch Schmerzen auf, die ich vorher nicht kannte. Sie gehören dem Ich, das ich noch werde.“ Das eingeschränkte Leben dieses Ich ist es im Grunde, das „Der Gedankenspieler“ schildert. Zur Konstruktion eines solchen autobiografischen „Endspiels“ gehört, dass allzu viel Handlung oder Aktion kaum zu erwarten ist. Doch die braucht es auch nicht, hat es bei Peter Härtling nie gebraucht, denn mit seinem zauberhaft leichten Stil umgarnt er den Leser und macht ihn zum willfährigen Weggefährten in seinem Dauerleiden, selbst wenn er seine Mitmenschen mit seiner sarkastischen Ruppigkeit permanent strapaziert. Die Freundschaft von Mailänder und seiner Frau versiegt nicht, und selbst das Mädchen wendet sich von „Opa Hannes“ nie ab. Diese Zuwendung durchzieht den Altersroman und verleiht ihm fast märchenhafte Züge: Wenger wird versorgt und gemocht, obwohl er Gesellschaft kaum noch erträgt und durchaus derb werden kann, um sie sich vom Hals zu halten. So gesehen erzählt das warmherzige Buch vom hohen Wert des Verzeihens im Angesicht der Gebrechlichkeit. Es schildert ein Ideal in jener letzten Lebensphase, in der nichts mehr ideal sein kann.

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