Konzert in Frankfurt

Wo die Appalachen Island küssen

Zwischen Geheimtipp und Chartstürmer: Helgi Jónsson schafft mit seinen mal zarten, mal komplexen Kunstliedern den Spagat. Jetzt hat der Isländer die Leute im ausverkauften Mousonturm beglückt.

So ist das also, wenn man nicht nur Tisch und Bett, sondern auch eine Band teilt. Manchmal touren Dennis Ahlgren (Gitarre, Bass, Keyboards) und Marianne Lewandowski (Schlagzeug) mit der dänischen Sängerin Tina Dico, diesmal begleiteten sie deren isländischen Ehemann Helgi Jónsson. Man kennt, man schätzt, man vertraut sich. Ein Quartett fast stärker als ein Familienverbund.

Als die Formation die mit Instrumenten vollgepackte Bühne des Mousonturms betritt, deutet Dico, die in ihrer Heimat mehrfach ausgezeichnete Künstlerin, auf ihren Gatten. Sie mag zwar bekannter sein, doch an diesem Abend geht es um seine Musik. Helgi Jónsson nimmt erst einmal am Flügel Platz – für die getragene Piano-Ballade „This Solicitude“.

Schon früh wird bei diesem Auftritt deutlich, woher der Mann viele der Inspirationen für seine Liedermacher-Kunst bezieht: aus der Klassik nämlich, und zwar in der gesamten Bandbreite von Alter bis Neuer Musik. Und er hat als ein in Stimmen vernarrter Komponist ein besonderes Faible fürs Falsett. Wenn er seinen Gesang in die Höhe schraubt, Dico und Lewandowski mit ihren Stimmen einfallen, entstehen im Verlauf des 90 minütigen Konzerts oft komplexe, fast schon an geistliche Musik erinnernde Chöre. Aber wenn auch das Weltliche nicht zu kurz kommt, so ist der studierte, in Reykjavik und Graz ausgebildete Posaunist dem Kunstlied oft näher als dem Popsong.

Mitunter entsteht dabei ein Kuriosum, das so klingt, als habe man einen Kinderreim auf romantische Klaviermusik gepackt und ließe den dann von archaischen Tribalbeats vom Schlagzeug und tiefen elektronischen Synthie-Bässen begleiten. Da lösen sich Genregrenzen in Wohlgefallen auf, zumal der Primus inter Pares auch über genügend Jazzerfahrung verfügt.

Wenn er zwischendurch zum Banjo greift, kommt zudem Folk ins Spiel. Bevor der Isländer jedoch Gefahr läuft, sich in den Weiten der Appalachen zu verlaufen, kehrt er auf sein pittoreskes Eiland zurück und widmet mit „Aurora“ dem Nordlicht ein Liebeslied. Sogar die Einheimischen können sich der Faszination des Naturschauspiels nicht entziehen.

Bei all der Romantik sieht die Dramaturgie des Konzertes fürs Ende ein in Tempo und Lautstärke forciertes Finale mit „Badwater“ und „Dimma“ mit ekstatischem Gitarrensolo vor. Ganz am Ende des Zugabenblocks erinnert Jónsson mit dem Titelsong seiner aktuellen EP „Vængjatak“ (steht für Flügelschlag in seinem Heimat-Idiom) an seine Zeit am Schauspiel Frankfurt, als er gemeinsam mit Regisseur Falk Richter, für den er die Musik für „For The Disconnected Child“ schrieb, die Konzertlesung „Small Town Boy“ konzipierte.

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