Die Musiker von ?Arcade Fire? sind ganz eng miteinander. Aber hier teilen sie sich nur ein Mikrofon.
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Die Musiker von ?Arcade Fire? sind ganz eng miteinander. Aber hier teilen sie sich nur ein Mikrofon.

Konzert

"Arcade Fire": Hymnen mit La-la-la und Na-na-na

Warum „Arcade Fire“ ihr Konzert in der Frankfurter Festhalle in einem Boxring absolvierten, dürfte keine tiefere Bedeutung gehabt haben. Die Kanadier vermitteln bei ihrem abgedrehten Auftritt in jedem Moment den Eindruck: Wir wollen nur spielen.

Als das Konzert der Indie-Rock-Helden vor Monaten für die Festhalle angekündigt wurde, wunderten sich nicht wenige, ob „Arcade Fire“ trotz drei Top-1-Alben in Kanada, den USA und Großbritannien das weite Rund würden füllen können. Immerhin passen 12 000 Zuschauer in Frankfurts „Gudd Stubb“. Tatsächlich bleiben die beiden Ränge unbesetzt, der Innenraum ist an den Seiten teilbestuhlt, die Stehplätze immerhin aber gut gefüllt.

Bei aller Kritik an der Band in den letzten Jahren: zum Stadionrock ist die Musik noch nicht verkommen. Aber sie leistet sich den Luxus einer aufwendigen Produktion, die in kein anderes Konzerthaus in Frankfurt und Umgebung gepasst hätte. Denn ein Boxring musste es sein, in der Mitte des Raumes und pickepacke zugestellt mit unzähligen Instrumenten. Eine 360-Grad-Bespaßung sollte es werden, zu der die neun Musiker zur funkigen Walter-Murphy-Version von Beethovens „Fünfter“ mitten durchs Spalier der Besucher in die Arena einzogen.

„ABBA“-Assoziation

Wie sehr sich dieser „Ready-to-rumble“-Eindruck bald erfüllen würde, ahnt da noch niemand. Einmal den Weg durch die Seile und den Platz auf der Bühne gefunden, groovt sich das Nonett mit dem Titelsong des neuen Albums „Everything Now“ auf den langen Abend ein. Da war sie sofort wieder, die „ABBA“-Assoziation, die man den Songschreibern zuletzt zum Vorwurf gemacht hatte. Die Butler-Brüder sahen das eher als Kompliment und versuchten den Kritikern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen. „Natürlich klingen wir wie ,ABBA‘. Die Schweden waren schon immer ein großer Einfluss auf alles, was wir tun“, beteuerten sie im Interview.

Immerhin nutzten sie die Tournee, um so richtig Gas zu geben und bei aller Hymnenhaftigkeit vieler Stücke und den La-la-la- und Na-na-na-Mitsingchören das Lärmpotential der Verstärker weidlich auszureizen. So wird doch wieder der Geist des Rock ’n’ Roll beschworen. Das endet dann nach eindreiviertel Stunden vor dem Zugabenblock bei „Neighborhood #3 (Power Out)“ in einer Art Elektro-Punk.

Allzu wuchtig

Dass sie zu Beginn ihrer Karriere mal echte Feingeister waren, hört man aktuell nur heraus, wenn man im Stande ist, die kleinen Raffinessen in den Instrumentierungen der aufgedrehten Poltergeister herauszufiltern. So schade, dass Akkordeon und Flöte, Glockenspiel und Baritionsaxophon – ganz egal also, ob hohe oder ganz tiefe Frequenzen – im allzu wuchtigen Sound untergehen. Immerhin sieht man auf den Projektionswänden, dass sich Régine Chassagne die Mühe macht, in „We Don’t Deserve Love“ auf einer Batterie von mit Wasser gestimmten Flaschen zu spielen.

Dank ihrer unbändigen Energie sind „Arcade Fire“ nicht zu bremsen, haben ihre Fans binnen Minuten voll mitgenommen. So tanzt das Publikum illuminiert von Riesen-Discokugeln, und die Band hetzt dazu über die unterschiedlichen Bühnenelemente, macht aus den achtzehn Titeln im Set fast ein Potpourrie, das Erinnerung weckt an die populären „Stars-On-45“-Medleys in den 80ern.

Nur selten gönnt das Nonett seinen Anhängern eine Ruhepause. Die sind eh längst auf Party getrimmt. Dennoch: die Quasi-Ballade „We Used To Wait“ mit seinem Piano-Stakkato oder dann zu Kirchenorgel-ähnlichen Schwebeklängen Win Butlers einschmeichelndes Falsett in „My Body Is A Cage“ sind wie sanfte Ruhekissen. Doch diesen Eindruck von Subtilität untergraben die Quebecer gleich wieder, wenn Chassagne im Glitzeroutfit „Sprawl II“ die Sirene gibt und ihre Stimme in schwindelerregende Höhen schraubt, die Thai-Karaoke nahekommt. Das kann man eigentlich nur als Parodie goutieren, ernst gemeint muss man es eher als Geschmackverirrung werten.

Dabei haben „Arcade Fire“ doch einen Sinn für Stil und Kultur. Das beweist die Wahl ihres Vorprogramms mit der „Preservation Hall Jazz Band“ aus New Orleans. Gewagt, aber ein guter Schachzug. Denn deren Spielfreunde und Virtuosität, lässig und witzig umgesetzt von echten Charakteren, allen voran Posaunist Ronell Johnson, der viele Zentner schwer seine Tänzchen aufführt, lässt das sicher nicht Jazz-affine Publikum nicht kalt. Es feiert sogar das Vorprogramm. Selten genug.

Das Finale dürfen sie als Günstlinge des Hauptacts zusammen mit „Arcade Fire“ gestalten. Ganz in der Tradition einer Marching Band aus Louisiana ziehen sie noch einmal kreuz und quer durch den Raum und lassen sich vom begeisterten Auditorium feiern. „Keep Your Head Up High“ heißt die Botschaft.

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