Doppelporträts des Fotografen Christoph Klauke

Augen sind Fenster zur Seele

Seine Aufnahmen macht Christoph Klauke mit einer alten Kamera, die lange Belichtung braucht. Sein Interesse gilt der Bewegung der Gesichter innerhalb von Sekunden.

Von CHRISTIAN HUTHER

Das erste Foto ist fast immer besser als das zweite Foto, meint Christoph Klauke über seine Doppelporträts. Kein Wunder, denn beim ersten Bild hat er das Objektiv scharf gestellt, das Modell um Konzentration gebeten und schließlich den Auslöser gedrückt. Vor dem zweiten Bild jedoch musste Klauke die Fotoplatte herausnehmen und umdrehen und betätigte dann den Auslöser, ohne nochmals durch das Objektiv zu blicken.

Drehung des Kopfes

So mag das erste Bild zwar technisch gelungener sein, dafür aber scheinen die Porträtierten bei der zweiten Aufnahme etwas natürlicher oder entspannter. Oft haben sie ihr Gesicht leicht bewegt, das deshalb etwas unscharf geworden ist. Folglich studiert der Besucher der Darmstädter Kunsthalle aufmerksam diese verschiedenen Bilder, die Klauke zwischen 2000 und 2005 gemacht hat. Ursprünglich für ein geplantes Buch entstanden, sind die Farbfotos jetzt erstmals in einer Ausstellung bis zum 24. Juli zu sehen. Von den 28 Doppelbildnissen im Buch sind etwas mehr als die Hälfte in Darmstadt versammelt.

Eine große Faszination geht von diesen Köpfen aus, die im Abstand von wenigen Sekunden aufgenommen wurden. Sie zeigen, wie schnell sich ein Antlitz wandeln kann, etwa durch den Spannungsabfall bei den Porträtierten oder das Ablegen des „offiziellen“ Gesichtes, durch einen leicht verdrehten Kopf oder eine andere Augenstellung. Diese kleine Spanne zwischen den Bildern ist die Hauptsache des Projektes, meint Léon Krempel, der Direktor der Darmstädter Kunsthalle.

Wie im 19. Jahrhundert

Denn Klauke arbeitet mit einer Kamera, die eine relativ lange Belichtungszeit und zugleich ein Modell benötigt, das für mehr als nur einen Moment ruhig sitzen kann. Es handelt sich um eine sogenannte Balgenkamera, die schon 1839 erfunden wurde. Klaukes Exemplar ist zwar lediglich 50 Jahre alt, beruht aber, mit leichten Veränderungen, noch auf dieser blasebalgähnlichen Konstruktion – und ist natürlich analog. Der 51-jährige Fotograf verdient nämlich sein Geld längst in einem anderen Metier. Seinen einstigen Traumberuf hat er aufgegeben, als das digitale Arbeiten überhand nahm.

Klaukes Porträts scheinen aus der Zeit gefallen – und gerade das interessiert Krempel. Der Fotograf stellt Fragen, die sehr nachdenklich machen: „Wie kann ein Porträt in einer Welt aussehen, wenn es nicht mehr ernstgenommen wird?“ Tatsächlich wird heute kein großer Wert mehr gelegt auf solche ruhigen und exakten Aufnahmen. Bei den Porträtierten handelt es sich zwar teilweise um Freunde oder Bekannte, aber die Auswahl spielt keine große Rolle. So bat Klauke auch mal einen Klempner zum Porträt, der gerade in dem Haus arbeitete, in dem der Fotograf damals wohnte.

Ohnehin sind Menschen vieler Nationen zu sehen, denn Klauke lebt schon seit geraumer Zeit nicht mehr in seiner sauerländischen Heimat, sondern in London. Das Studium der Fotografie freilich absolvierte er in Kalifornien. Bei solch internationalen Fotografen-Größen wie Irving Penn und Richard Avedon hat Klauke noch gearbeitet, dabei das genaue Sehen und das Gespür für den Umgang mit Menschen gelernt. Mit seinem ungleich bekannteren Namensvetter Jürgen Klauke, dem Kölner Fotokünstler, hat er übrigens nichts zu tun. Entstanden sind die Porträts an den Wohnorten Klaukes, in London, New York und an der Küste Kaliforniens. Aber all das tut wenig zur Sache, befindet er. Für ihn sind sogar die Personen fast austauschbar; wichtig ist der Gesamteindruck der Serie. Die Doppelporträts ähneln sich zwar, aber es sind keine Duplikate. So zeigen sie „Menschen zwischen öffentlichem Image und eigentlicher Persönlichkeit“, meint Krempel.

Schon der römische Politiker und Philosoph Cicero hat das Gesicht als Abbild der Seele bezeichnet. Ein Gesicht kann zwar verschlossen sein, aber dennoch Gedanken und Emotionen verraten; auch Spuren des Lebens und der Erfahrungen haben sich ihm eingeprägt. Klaukes lebensgroße Aufnahmen erzählen all dies. Mit einer alten Technik hält er Menschen fest, aufgenommen mit einem Abstand von anderthalb Metern. Bis zu sechs Doppelporträts muss er anfertigen, um sicher sein zu können, dass kein Gesicht aus dem Fokus gerutscht oder zu unscharf geworden ist. Nur die englische Künstlerin Fiona Banner fällt völlig aus dem Rahmen. Beim zweiten Bild lacht sie derart entspannt, als wäre sie innerhalb von Sekunden ein anderer Mensch geworden.

Kunsthalle, Steubenplatz 1, Darmstadt. Bis 24. Juli, dienstags, mittwochs und freitags 11–18 Uhr, donnerstags 11–21 Uhr, samstags und sonntags 11–17 Uhr. Eintritt 6 Euro, Katalog 40 Euro. Telefon (06151) 89 11 84. Internet

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare