Joan Baez (75) im Schlosspark von Hanau: Weit mehr als 3000 Fans stimmten in ihre Lieder ein.
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Joan Baez (75) im Schlosspark von Hanau: Weit mehr als 3000 Fans stimmten in ihre Lieder ein.

Joan Baez in Hanau

Augenblicke der Seligkeit

  • Michael Forst
    VonMichael Forst
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Die amerikanische Folk-Sängerin Joan Baez verbreitete bei ihrem Konzert mit kleiner, aber hochkarätiger Band im Hanauer Schlosspark Herzenswärme – und bot weit mehr als Friedens-Romantik und Hippie-Nostalgie.

So muss es sein, wenn Königinnen auftreten: Der Regen stoppt respektvoll, die von Blassblau über Zartrosa hin zu Gewittergrau changierenden Wolkenformationen über dem Schloss Philippsruh liefern die Lichteffekte, und der Mann hinter dem Bierausschank, die Augen erwartungsvoll auf die Bühne gebannt, lässt die Schaumkrone im Pilsglas überlaufen.

Dort steht die schlanke, fitte „Queen of Folk“ in dunkler Jeans, schwarzem T-Shirt, weißer Weste und schlägt die Akustikgitarre im klaren Walzertakt zu „Farewell Angelina“. Vom Meister und Ex-Geliebten Bob Dylan einst geschrieben, achtlos weggeworfen, von Baez liebevoll aufgelesen und längst zu ihrem eigenen gemacht, ist das musikalisch liebliche, textlich apokalyptische Lied in diesen Tagen eine grandiose Wahl, um ein Konzert zu beginnen: Hier brüllen Maschinengewehre, Fanatiker nageln Zeitbomben an die Zeiger der Uhren, und der Himmel ist beschämt.

Überdosis Talent

Gleich ist klar: Die einst glockenhelle Stimme der Sängerin hat deutlich an Kraft und Umfang eingebüßt. Doch Joan Baez macht eine Tugend daraus; meidet meist weise die Höhen und bleibt im mittleren Register, das sie mit umso mehr Ausdruck und Wärme zu füllen vermag. Und wenn es im Falsett dann doch mal kratzt, dann berührt das ähnlich wie bei Emmylou Harris, der anderen großen Americana-Sängerin ihrer Generation.

So trägt der tiefergelegte Sopran im Zusammenspiel mit filigranem Folkpicking nach fast 60 Jahren immer noch die mit sicherem Gespür ausgesuchten Friedenshymnen: moderne (Steve Earles „God Is God“) wie klassische („There But For Fortune“ von Phil Ochs). Jedes Lied an diesem Abend ist ein Vehikel für die zeitlose humanistische Botschaft, die sich in Worten und Taten durch die Karriere und das Leben der Woodstock-Veteranin aus den 60er Jahren zieht. Und jeder Song gerät zur Einladung zum Mitsingen, die das Publikum, darunter viele Baby-Boomer, wenig Jungvolk, gerne und textsicher annimmt. Am Ende gibt eine beseelte Baez vier Zugaben, so viele wie seit Monaten nicht.

Doch richtig Fahrt nahm der Abend erst auf, als Baez sich zwei musikalische Mitstreiter auf die Bühne holte, die sie augenzwinkernd als „meine Big Band“ vorstellte: ihren Sohn Gabriel Harris, der bei afrikanischen Meistern in die polyrhythmische Lehre ging und die Songs auf Cajon, Congas und anderen Perkussivinstrumenten kompetent vorantrieb. Und den Multiinstrumentalisten Dirk Powell, einen jener Burschen, dem in den Worten seiner Chefin „der liebe Gott eine Überdosis Talent mitgegeben hat“. Was zu beweisen war: Authentisch und schwindelerregend schnell pickte Powell das Banjo bei „Silver Dagger“ aus der amerikanischen Folk-Kornkammer des Appalachen-Gebirges, mit dem Joan Baez 1960 ihre erste Platte eröffnete. Konstantin Weckers im charmanten Ami-Akzent vorgetragene Anti-Kriegslied „Wenn unsere Brüder kommen“ begleitete er mit klagendem Mandolinen-Tremolo. „Deportee“, das Drama um tödlich verunglückte mexikanische Leiharbeiter, veredelte Powell auf dem diatonischen Knopf-Akkordeon – einem Instrument, das ungefähr so kompliziert zu beherrschen ist wie sein Name klingt.

Ein Meisterstück gelang dem blind eingespielten Trio, bisweilen ergänzt um die talentierte Sängerin Grace Stumberg, mit dem Traditional „Darlin’ Corey“. Diesem Prototypen eines angestaubten Traditionals von Liebe, Verlust und Mondschein hauchte das Trio durch Powells pulsierendes Banjo und Harris’ Perkussiv-Feuerwerk ein fulminantes Leben ein.

Scheppernde Schlossuhr

Doch wie sagte einmal Künstler-Kollege Leonard Cohen? Es sind die Risse, durch die das Licht einfällt. Und so verliehen die kleinen Pannen und ungeplanten Momente diesem Konzert seinen besonderen Charme: Ausgerechnet „Diamonds And Rust“, jenen zum Heulen schönen Abgesang auf die Amour Fou zu Bob Dylan, zerschlug die Schlossuhr hoch über der Bühne gleich neun Mal mit schepperndem Klang. „Perfekt“ kommentierte Baez das schlechte Timing sarkastisch. Und in die letzten Akkorde von „House Of The Rising Sun“, in dem die Protagonistin im kriminellen Drogensumpf von New Orleans versinkt, mischten sich aus der Ferne die Martinshörner einer Hanauer Polizeistreife.

Und dann war da noch jenes aus der Zeit gefallene, ergraute Blumenkind aus der ersten Reihe. Das rief und gestikulierte zwischen zwei Liedern so lange in Richtung der Sängerin, bis die sich erbarmte, von der Bühne zu ihm herunterbeugte – und den Mann eine gefühlte Minute lang umarmte. „Er erzählte mir, dass er in Woodstock dabei war“, klärte sie danach lächelnd das erstaunte Publikum auf. „Er wollte einfach nur in den Arm genommen werden.“

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