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Der sogenannte Stroop-Bericht verkündete: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!“

Ausstellung

Im Art-Foyer der DZ Bank zeigen die diesjährigen Stipendiaten ihre Projekte

Zwischen Politik und Ästhetik schwanken die Arbeiten der diesjährigen Stipendiaten der Frankfurter Genossenschaftsbank.

Auf den ersten Blick erscheinen sie leicht und unschuldig. 82 gleich große Blätter, in akkurater, kindlich wirkender Schreibschrift befüllt, sind auf einer grauen Tafel aneinandergereiht. Von weitem könnte man sie für eine Arbeit der radikalen Konzeptkünstlerin Hanne Darboven (1941–2009) halten. Der Ausstellungsbesucher liest jedoch den Namen Tatiana Lecomte. Ihre Blätter haben etwas Manisches. Man erkennt, dass einige Wörter mehrfach auftauchen. Als wäre ein Schüler zu einer Strafarbeit verdonnert worden. Bei näherem Hinsehen verlieren die Blätter jegliche Unschuld.

Fünf Seiten braucht die Künstlerin, um SS-Angehörige mit ihren Titeln aufzuzählen. Eine Seite ist nur mit den Wörtern „Jude“ und „Juden“ gefüllt. Es wurde etwas „durchgeführt“, jemand wurde „erfaßt“, „festgenommen“ und „liquidiert“. Es wird klar, dass es um die Shoa gehen muss. Tatiana Lecomte hat den „Stroop-Bericht“ in einzelne Wörter zerlegt und in alphabetischer Reihenfolge aufgeschrieben. Darin dokumentierte Jürgen Stroop, Generalleutnant der Waffen-SS, die Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto im Jahr 1943. Auf der Titelseite stand: „Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr!“

Vernichtungsbürokratie

Die 1971 in Bordeaux geborene Tatiana Lecomte möchte diesen bösen Geist bannen. Das letzte Blatt ihrer Arbeit beschließt sie mit dem Vermerk „Es gibt keinen Stroop-Bericht mehr“. Auf den vorangegangenen Seiten sind lauter Uhrzeiten, Daten, wohl auch Aktenzeichen zu sehen: die Vernichtung als bürokratischer Akt. Lecomte seziert ein Vokabular, das aus dem 1957 erschienenen „Wörterbuch des Unmenschen“ stammen könnte. Zur Installation gehört überdies eine malerisch-fotografische Arbeit, die thematisch an die Blätter anschließt.

Tatiana Lecomte bannt den SS-Bericht über die Niederschlagung des Warschauer Getto-Aufstands, indem sie ihn zerlegt.

Ihr Projekt konnte Tatiana Lecomte mithilfe des „f/12.2.“-Stipendiums umsetzen, das die DZ-Bank-Kunstsammlung alle zwei Jahre an internationale Künstler vergibt. Eine siebenköpfige Jury um Sammlungsleiterin Christina Leber wählte aus 45 Bewerbungen zwei Stipendiatinnen sowie drei weitere Künstler aus, deren Werke für die Kunstsammlung angekauft und in einer Ausstellung im „Art Foyer“ präsentiert werden. Lecomtes Beitrag verwundert angesichts des Fotografie-Schwerpunkts der DZ-Bank-Kunstsammlung. Das Begleitheft zur Ausstellung versucht, den Widerspruch zu glätten. Die Künstlerin gehe der Frage nach, wie man das Unvorstellbare sichtbar machen könnte, ohne es direkt abzubilden.

Eminent politisch agiert auch die zweite Stipendiatin. Sara-Lena Maierhofer, geboren 1982 in Freudenstadt im Schwarzwald, greift die Debatte um die koloniale Vergangenheit europäischer Museen auf. Mehrfach wurden Forderungen laut, in ehemaligen (zumeist afrikanischen) Kolonien erbeutete Objekte zurückzugeben. Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron schloss sich dieser Forderung an. Auch das Berliner Humboldtforum steht im Fokus der Debatte. Dort sollen die ethnologischen Sammlungen einziehen. Sara-Lena Maierhofer geht mit ästhetischen Mitteln an das Thema heran. Sie hat Grundrisse mehrerer deutscher Völkerkunde- und Weltkulturenmuseen aus Plexiglas nachgebildet. Die Objekte bestrich sie mit Silbergelatine. Anschließend belichtete sie darauf Abbildungen von Exponaten aus den jeweiligen Museen.

Zwitterbilder

Es sind eigentümliche Zwitter aus Fotografie, Malerei und Skulptur entstanden. Die baukastenförmige Form der Grundrisse zerlegt die schwarzweißen Fotomotive in mehrere Segmente. Assoziationen zum Kubismus sind naheliegend. Der Kreis schließt sich, wenn man bedenkt, dass sich die Kunstavantgarde des frühen 20. Jahrhunderts für afrikanische Volkskunst begeisterte.

Malerisch rot ist der Stoff, doch gar nicht zum Wohlfühlen seine Entstehung in Westafrika: Lügenkleider („Liar’s Cloth“) von Gwenneth Boelens.

Weniger markant ist die Präsentation der 1979 in Tiflis geborenen Ketuta Alexi-Meskhishvili. Raumhohe Baumwollvorhänge sind mit schwer zu entziffernden Bildmotiven bedruckt. Zwischen den Vorhängen sind verrätselte Fotografien zu sehen. Es scheint, als hätte Alexi-Meskhishvili ihren lange nicht mehr gereinigten Computermonitor abgelichtet. Die 1980 geborene Niederländerin Gwenneth Boelens zeigt großformatige Fotogramme. Dieses Verfahren kommt ohne Kamera aus. Objekte werden direkt auf Film belichtet. Boelens’ Arbeit „Liar’s Cloth“ wirft Fragen nach dem Umgang mit Farbe, Licht und Textur auf. Das satte Rot wirkt malerisch. Dass westafrikanische Webtechniken Ausgangspunkt der Arbeit sind, gerät in den Hintergrund.

Der 1971 geborene Fotograf Eiko Grimberg widmet sich der italienischen Architektur der 20er und 30er Jahre, dem Razionalismo. Dieser Baustil gedieh unter Mussolinis Faschismus. Grimberg war auf den Spuren des Razionalismo in Italien und in Eritreas Hauptstadt Asmara unterwegs. Er interessiert sich weniger für die monumentale Strenge der Bauten als für die Gebäude inmitten des Alltags, ohne Abnutzungsspuren auszublenden.

Ausstellung

f/12.2 Projektstipendium, bis 9. Februar 2019. Art Foyer der DZ Bank, Platz der Republik, Frankfurt. Geöffnet Di–Sa 11–19 Uhr

Eugen El

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