Bevor wir jetzt anfangen mit ?Die Kerze ist eine Schlange, die Nase ist ein . . .? undsoweiter, erinnern wir uns lieber daran, dass die Pfeife bei Magritte (1898?1967) ja gar keine Pfeife ist, und verrätseln dieses Bild weiter, indem wir Magrittes Titel verraten: ?La Lampe philosophique? (1936).	Abb: Schirn
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Bevor wir jetzt anfangen mit ?Die Kerze ist eine Schlange, die Nase ist ein . . .? undsoweiter, erinnern wir uns lieber daran, dass die Pfeife bei Magritte (1898?1967) ja gar keine Pfeife ist, und verrätseln dieses Bild weiter, indem wir Magrittes Titel verraten: ?La Lampe philosophique? (1936). Abb: Schirn

Surrealismus in der Schirn Frankfurt

Ausstellung „Magritte – Der Verrat der Bilder“: Keine Illusionen mehr!

  • Dierk Wolters
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Immer wieder umspielen die Gemälde des Belgiers René Magritte die Frage, was ein Bild mit dem, was es zeigt, und mit seinem Titel zu tun hat. Warum? Weil Magritte ein Philosoph sein wollte, behauptet die Schau in der Frankfurter Schirn.

„Dumm wie ein Maler!“ Im französischen Sprachraum war das vor hundert Jahren eine gängige Redewendung. Angeblich stammt sie von Marcel Duchamp – jenem Künstler, der damit berühmt wurde, dass er 1917 ein liegendes Pissoir als Kunstwerk ausstellte. Dumm wie ein Maler – das schlägt in eine tiefe Kerbe: Wer malt, kopiert die Wirklichkeit. Wofür soll das gut sein? Selber denken muss man dafür nicht.

Folgt man Kurator Didier Ottinger, der die Schirn-Ausstellung in einer dezent abgespeckten Variante frisch aus dem Pariser Centre Pompidou an den Römer gebracht hat, hat der Belgier René Magritte nach einer kurzen Liebelei mit den französischen Surrealisten um André Breton sein Leben darangesetzt, die Ehre der Malerei zu retten und dieses Vorurteil zu widerlegen. Es hatte eine lange Tradition: Schon Hegel hatte in seinen Vorlesungen über die Ästhetik den Wert der Kunst eher geringgeschätzt: Sie sei nur zu ahnen imstande. Die höchste aller Künste hingegen sei die Poesie. Folglich ging es Magritte darum, die Überlegenheit der Sprache zu bezweifeln und die Ebenbürtigkeit der Malerei mit der Philosophie in immer wieder neuen Denk-Bildern zu beweisen.

Sprache gegen Gemälde

„Dies ist keine Pfeife“, schrieb er 1929 unter das Bild einer Pfeife. Und „Dies ist kein Apfel“ 1969 unter das Bild eines Apfels. Da hatte einer sein Lebensthema gefunden. Es lautete: Das Bild behauptet vielleicht, die Wirklichkeit zu zeigen – tut es aber nicht. Und zwar genauso wenig, wie etwa das Wort „Himmel“ der Himmel ist. Es ist nur die Bezeichnung dafür. Wenn wir im Alltag den Begriff oder das Bild für die Wirklichkeit nehmen, ist das eine folgenschwere Verwechslung, auf die Magritte nimmermüde hinweist: Sobald wir etwas sprachlich benennen, deuten wir es schon. Das Gleiche gilt für die Malerei: Sobald wir ein Bild malen, sind wir subjektiv.

Magritte denkt in „Problemen“. Mit seinem Freund Paul Nougé entwickelte er gar eine eigene „Problematologie“. Das steht zunächst in der surrealistischen Tradition, zufällige Dinge neu und mölicherweise schockierend zusammenzustellen. Doch bald geht Magritte darüber hinaus, indem er fragt: Welchen Zusammenhang haben die Wörter und die Bilder, wie verhalten sie sich zueinander? Frühes Beispiel, noch sehr surreal: ein stehender Mann, darunter der Schriftzug „sitzende Person“. Ein paar Jahre später, 1935, schon hochkomplex – „La Condition humaine (So lebt der Mensch)“: aus einer Höhle heraus zu sehen eine spektakulär unwirtliche Berglandschaft, am Steilhang eine Burg. Die aber sieht man mitsamt ihrer Umgebung nur als bemalte Leinwand auf einer Staffelei im Vordergrund. Wir nehmen also an, dass die Welt hinter der Leinwand genau so ist, wie sie auf der Leinwand aussieht – wissen es aber nicht. Dass in der Höhle noch ein platonisches Feuer flackert, tut ein Übriges, um den sophistischen Klamauk tief in der abendländischen Philosophie zu verankern.

So ist Magritte: Immer, immer, immer will er wissenschaftlich und rational sein und hinter die Dinge schauen. Das ist wohl auch ein Grund, warum dieser große Maler und Spaßmacher, der sein Handwerk frappierend perfekt beherrscht, von der Kunstgeschichte weniger enthusiastisch geliebt wird als etwa von Kunstpostkartenkäufern. Magritte ist der Poster-Boy des 20. Jahrhunderts, was auch damit zu tun hat, dass man das (philosophische) Anliegen seiner Bilder erfassen kann, ohne die Originale zu sehen.

Die Ausstellung ist klug gegliedert. Nach zwei einleitenden Filmen (1957 kaufte sich Magritte eine Kamera und drehte selbst) geht es zunächst um das Verhältnis von Wort und Bild. Weitere Kapitel sind die Vorhang-Bilder, das platonische Spiel mit Schatten und schließlich Magrittes zerstückelte Welten und die zerteilten Körper.

Schaffen und zertrümmern

Immer wieder geht es ihm darum, mit feinem Pinsel perfekte Illusionen zu entwerfen, in die ihre eigene Enttarnung als Knalleffekt miteingebaut ist: Seht her, so leicht lasst ihr euch täuschen!, ruft Magritte, und der Beweis ist immer auch Warnung mit dem pädagogisch erhobenen Maler-Zeigefinger: Lasst euch nicht täuschen! Man möchte geradezu von einer Mission Magritte sprechen.

Die Ausstellung zeigt ebenfalls, wie ernst es René Magritte mit seinen Bilderspäßen war. Zeitlebens suchte er den Kontakt zu Philosophen. In langen handschriftlichen Briefen, die in ihrer Dringlichkeit geradezu rührend zu lesen sind, forderte er sie immer wieder heraus und sah seine Rolle dabei als Anwalt der Malerei: zunächst Alphonse de Waelhens, den französischen Übersetzer von Heideggers Hauptwerk „Sein und Zeit“, später dann auch Michel Foucault.

Der französische Philosophie-Star war es dann schließlich, der ihn mit dem Denkergütesiegel erster Klasse adelte – und zwar, indem er „Dies ist keine Pfeife“ schrieb, das Buch zum Bild zum Objekt. 1973 erschien es, da war Magritte unglückseligerweise schon sechs Jahre tot. Für einen, der eine bezaubernde Henne malte, die ein Frühstücksei im Becher anblickt, und dieses Bild dann „Variante der Traurigkeit“ (1957) nannte, eine überaus treffliche Pointe: Denn was nun zuerst war, die Henne oder das Ei, das Buch oder das Bild, das ist doch eigentlich unerheblich. Hauptsache: Problem erkannt.

Bis 5. Juni, Schirn Frankfurt, Römerberg. Geöffnet Di–So 10–19, Mi und Do bis 22 Uhr. Eintritt 12 Euro. Tel.: (069) 2 99 88 21 48. Internet:

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