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Sanierung oder Neubau? Frankfurts Theateranlage mit dem Schauspiel (links) und der Oper.

Für 170 Millionen Euro

Baufachmann hält Sanierung der Städtischen Bühnen für möglich

Vor etwa einem Jahr präsentierten Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig und Baustadtrat Jan Schneider die Machbarkeitsstudie zu den Städtischen Bühnen. Veranschlagte Kosten: rund 900 Millionen Euro für die zehn Jahre dauernde Sanierung oder den Neubau von Oper und Schauspiel. Seither stehen die Stadtpolitiker unter Schock. Allein das Architekturmuseum belebte mit der Schau „Große Oper – viel Theater?“ und Begleitveranstaltungen die öffentliche Diskussion. Wir baten Architekten und andere Bauexperten um ihre Meinung. Zum Abschluss im Gespräch: der frühere Frankfurter Baudezernent Hans-Erhard Haverkampf.

Der 1940 im thüringischen Mühlhausen geborene Hans-Erhard Haverkampf studierte Volks- und Betriebswirtschaftslehre in Marburg, Bonn und Köln. Früh in die SPD eingetreten, wurde der promovierte Finanzwissenschaftler 1975 Planungsdezernent in Frankfurt. Von 1977 an Baudezernent, fungierte Haverkampf 1984 auch als kommissarischer Leiter der Alten Oper, die 1981 unter seiner Regie wieder aufgebaut worden war. Nach dem Ausscheiden aus dem Magistrat arbeitete er als freier Projektleiter, bis ihn 1997 Helmut Kohl fragte, ob er nicht die Projektsteuerung für den Neubau des Bundeskanzleramts übernehmen wolle. Das machte er ebenso wie die Projektleitung des Paul-Löbe- und Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses für den Deutschen Bundestag sowie des Berliner Holocaust-Denkmals. Heute widmet sich Haverkampf der Schriftstellerei und schreibt Novellen, Romane und Sachbücher.

Herr Haverkampf, von verschiedenen Seiten wird ein Abriss der Städtischen Bühnen und ein Hochhaus als Ersatz vorgeschlagen. Was ist ihre Haltung dazu?

HANS-ERHARD HAVERKAMPF: Dahinter steckt der latente Ehrgeiz Frankfurter Politiker, mit einer neuen „Stadtkrone“ zu glänzen. Als ob wir derer nicht schon genug hätten. Das Theater ist heute die einzige und letzte Institution, in der der Mensch allein mit den Mitteln seiner künstlerischen und körperlichen Präsenz zu den wesentlichen Fragen unserer Existenz aussagt. Da kann nicht geschummelt werden, nichts beschönigt werden. Der Kraftschluss zwischen Publikum und Akteuren auf der Bühne bezieht daraus seine Faszination. In einem höheren Sinne ist die Bühne eine Stätte der Wahrheit. Gelogen wird woanders. Das Gebäude hat dabei nur eine Sekundärfunktion. Gutes Theater kann auf einer Bauernbühne entstehen, in einer Fabrikhalle, aber auch in einem repräsentativen Schauspielhaus des 19. Jahrhunderts. In einer Stadtkrone findet etwas ganz Anderes statt, nämlich der Dienst an einem kollektiven Symbol, zu dem man sich bekennt, dessen Bedeutungsüberschuss man genießt. Worum es auf der Bühne geht, bleibt im Hintergrund. Die Protagonisten der Elbphilharmonie gestehen es inzwischen selbst. Nicht das Programm generiert die hohen Besucherzahlen, sondern das Bauwerk. Selbstkritisch muss ich sagen: Das ist uns mit dem Museum für Kunsthandwerk bei der Eröffnung auch so gegangen. Wer kam, wollte vor allem das Gebäude des Stararchitekten Richard Meier erleben. Der Trick, mit dem 6-Millionen-Gutachten das Frankfurter Publikum auf einen Stadtkronen-Neubau einzustimmen, besteht in der maßlosen Ausweitung des Raumprogramms. Dieses soll zusätzlich in die Generalsanierung des Bestandes eingehen. Die Grundfläche, die die Theaterdoppelanlage heute einnimmt, beträgt rund 10 500 Quadratmeter. Sie ist fast vollständig mit fünf, teilweise sechs Geschossen überbaut. Technische Anlagen nehmen zusätzlich mehr als die Hälfte der Dachfläche ein. Der Kern des Hochhaus-Vorschlags ist der zusätzliche Raumbedarf. In dem Gutachten schaukelt sich das Hochbauamt in Verbindung mit den Intendanten auf ein Plus von 11 000 bis 14 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche hoch, also mehr als ein weiteres Vollgeschoss. Aus funktionalen, kostenmäßigen, bautechnischen, geophysikalischen, statischen, architektonischen, brandpolizeilichen und allen möglichen sonstigen Gründen ist das nicht möglich. Anstatt bei diesen unsinnigen Vorgaben die Variante Bestandssanierung ganz aufzugeben, exerzierte man sie gleichwohl mit der absurden Einfügung eines Hochhauses an der Süd-West-Ecke der Theaterdoppelanlage durch, die baurechtlich nicht genehmigungsfähig ist und funktional völlig unbefriedigend bleibt.

Das Haus ist ja laut Gutachten so marode, dass ein Neubau allein schon wegen der hohen Kosten einer Sanierung doch ein diskutierenswerter Vorschlag ist. Oder nicht?

HAVERKAMPF: Schon Oliver Reese, Anselm Webers Vorgänger als Schauspiel-Intendant, hat geklagt, dass die Wasserleitungen erneuert werden müssen. Da komme nur noch rostiges Wasser raus. Und dass das Dach abgedichtet werden muss. Ansonsten war er mit dem Haus zufrieden. Bei beiden Dingen fragt man sich: Warum eigentlich ist das bisher nicht repariert worden? An der Kürze der jeweiligen Theaterferien kann es nicht gelegen haben. In den 80er Jahren wurden jährlich zwischen 1,5 und 2 Millionen Mark in den Theaterferien an Erhaltung und Modernisierung verbaut. Etwa die Sanierung des Zuschauerraumes der Oper 1987: In 14 Wochen wurde der Raum bis auf die Rohbauwände entkernt und dann mit Decke, Wandverschalung, Brüstung, Vorhang, Beleuchtung und Bestuhlung neu ausgestattet. Das war ein Höllenritt, aber eben auch möglich. Seit der Jahrtausendwende aber sind die Erhaltungsaufwendungen in der Theaterdoppelanlage stark zurückgegangen. Man hat sich ganz auf den Neubau der Kammerspiele und der Werkstätten konzentriert. 2012 wurde der Beschluss gefasst, bis auf Notreparaturen die Bestandspflege ganz einzustellen und die Vorlage eines Gutachtens abzuwarten. Von diesem Gutachten, das im Sommer 2017 vorgestellt wurde, sprechen wir jetzt.

Es ist doch nicht nur der fehlende Bauunterhalt, der dem Gebäude zu schaffen macht, auch die technischen Anlagen sind veraltet und müssen dringend ausgetauscht werden.

HAVERKAMPF: Ich plädiere dafür, das Gebäude durch eine Generalsanierung zu retten. Dazu hatte das Revisionsamt bereits 123 Millionen Euro nach Preisstand von 2012 geschätzt. Rechnet man den weiteren Verfall des Gebäudes durch Nichtstun, insbesondere in Sachen Dachsanierung hinzu, kommt man auf 150 bis 170 Millionen Euro netto. Den Kern des Problems bietet die Haustechnik. Das beginnt mit den medienführenden Steigleitungen und endet bei der Klimatisierung. Weil die Technikräume faktisch nicht auf Maße erweiterbar sind, die dem heutigen Soll-Stand entsprechen, muss man zu ungewöhnlichen Alternativen greifen: Wäre es beispielweise möglich, eine Klimatisierung von außen zu bewerkstelligen? In einer Reihe von Städten bieten Stadtwerke nicht nur Fernwärme, sondern auch etwa 7 Grad kaltes Wasser an, das man über Wärmetauscher zu Klimatisierung einsetzen kann. Aber selbst, wenn das Zukunftsmusik sein sollte, bliebe die Möglichkeit einer externen Technikzentrale im unterirdischen Theater-Parkhaus. Sie würde ungefähr ein Drittel der Fläche in Anspruch nehmen. Verhindert man das Fremdparken zur Abendzeit, so wird das Theaterparken nicht entscheidend beeinträchtigt. Darüber hinaus besteht in der Nähe eine Fülle weiterer Parkmöglichkeiten. Die angesprochene externe Zentrale kann, ohne den Spielbetrieb zu behindern, gebaut werden. Die Führung der Leitungen in das Gebäude zu den sieben Hauptanschlusspunkten wäre durch einen begehbaren Kanal zu gewährleisten. Eine kostengünstigere als diese Lösung ist kaum denkbar.

Ok. durch diese Verlagerung könnten im Gebäude Räume frei werden. Aber das alleine wird doch wohl nicht reichen?

HAVERKAMPF: Die Alte Oper hat seit ihrem Betriebsbeginn, seit 1981, ihre Verwaltung ausgelagert – in die Bockenheimer Landstraße. Als ich 1984 die kommissarische Intendanz des Hauses übernommen habe, konnte ich mich überzeugen, dass es da überhaupt keine Schwierigkeiten gab. Wichtig ist, dass die Verwaltung fußläufig erreichbar ist. Auf die Städtischen Bühnen übertragen: Es bestünde die Möglichkeit, Büroräume in dem Gebäude der Nassauischen Heimstätte in der Hofstraße anzumieten, an der die Stadt Frankfurt ja auch beteiligt ist. Das Haus kann man mit einer Brücke anbinden – ähnlich wie beim Heiliggeist-Hospital in der Langestraße.

In der Ausstellung des Architektur-Museums „Große Oper – Viel Theater“ wurde gesagt, dass etwa 90 Prozent des zusätzlichen Platzbedarfs der Städtischen Bühnen auf die Arbeitsstättenrichtlinien zurückzuführen sind.

HAVERKAMPF: Das ist irreführend. Soweit in den Arbeitsstättenrichtlinien auf fehlende Raumhöhen Bezug genommen wird, gilt weiterhin das Gebot des Bestandsschutzes. Sonst müssten ja in der BRD die meisten in den 60er und 70er Jahren entstandenen Büroräume abgerissen werden. Dieser Bestandsschutz gilt solange, bis ein schwerwiegender Eingriff in die Konstruktion vorgenommen würde. Dieser ist aber bei einer Generalsanierung nicht notwendig. Die Baukonstruktion der Doppelanlage ist in keiner Weise gefährdet. Der bekannte Statiker Lothar Buch, der auch die Tragwerksplanung für die Alte Oper entworfen hat und auch nach dem Brand der Oper von 1987 involviert war, hat dies bestätigt. Das Büro Enseleit aus Berlin, das für die Statik im Bundeskanzleramt zuständig war, sieht dies ebenfalls so. Ihm zufolge ist der Rohbau bis auf eine einzige Stelle in Ordnung. Gegen die gegenwärtige Konzeption des baulichen Brandschutzes erhebt entgegen anderer Vermutungen die Frankfurter Feuerwehr ebenfalls keine grundsätzlichen Einwände. Also gilt nach wie vor Bestandsschutz.

Und die im Gutachten aufgeführten Wohnungen?

HAVERKAMPF: Der Wunsch, Wohnungen für Gastspielstars im Frankfurter Theater vorzuhalten, ist so alt wie menschenfremd. Bühnenkunst ist Hochleistungssport, und die Protagonisten wollen – bis auf die Premierenfeier – den Theaterbau so schnell wie möglich mit einer neutralen Hotelatmosphäre tauschen.

Während Ihrer Amtszeit als Baudezernent haben Sie sehr gut mit dem damaligen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann, aber auch mit anderen Dezernenten zusammengearbeitet. Was würden Sie heute der Frankfurter Politik raten?

HAVERKAMPF: Mit Hilmar Hoffmann war die Zusammenarbeit hervorragend, wir waren für alle Kulturbauten faktisch ein Dezernat. Eine solche Arbeitsfreundschaft, die von der Begeisterung für die Sache getragen war und durch den damaligen Oberbürgermeister Walter Wallmann gefördert wurde, war wohl eine zeitlich begrenzte Ausnahme. Vielleicht verkläre ich aber auch nur die Vergangenheit. Was man sich wohl manchmal wünscht, wenn man die Arbeit des Magistrats aus der Ferne betrachtet, wäre eine geringere parteipolitische Verfestigung.

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