Götz Diergarten im Frankfurter Städel zwischen zwei Serien seines Fotografielehrers Bernd Becher.
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Götz Diergarten im Frankfurter Städel zwischen zwei Serien seines Fotografielehrers Bernd Becher.

Ausstellung im Städel

Becher-Fotoklasse: Rundgang mit dem "letzten Mohikaner"

  • Dierk Wolters
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Bis Mitte August läuft im Frankfurter Städelmuseum eine Ausstellung über die Becher-Schule – ein Rundgang mit Götz Diergarten, ihrem jüngsten Schüler.

„Ich zeige Ihnen mal, wie ein Becher-Schüler ein Bild beurteilt“, sagt Götz Diergarten. Stramm schreitet er auf eine monumentale Fotografie zu, das Motiv würdigt er keines Blicks. Ganz nah geht er heran. „Der klassische Blick aufs Korn. So hat das auch Bernd Becher gemacht. Zuerst wollte er immer herausfinden, mit welcher Technik ein Foto gemacht war. Kleinbildkamera galt nicht. Das war für ihn eine Frage der Haltung gegenüber der Arbeit.“ Anschließend linst Diergarten hinter das Bild. Wie es kaschiert ist, will er wissen. Erst dann streift sein Blick über das Motiv. Aber auch hier wird es schnell technisch: Ist es beschädigt, stimmt der Weißabgleich?

Götz Diergarten ist der jüngste der Becher-Schüler. 1972 geboren, stieß er 1993 zur Düsseldorfer Fotografie-Truppe, die Bernd Becher mit seiner Frau Hilla von 1976 bis 1996 leitete. Bei dem schweigsamen Professor und seiner nahbareren Frau lernten im Lauf der zwei Jahrzehnte um die 80 Fotografiestudenten. Zwei bis drei pro Semester nahmen die beiden in ihre Klasse auf – und nicht nur bei der Aufnahme ging es streng zu. „Ich war der letzte Mohikaner“, sagt Diergarten.

Während des Grundstudiums wagte er sich mit einem Kommilitonen in die ausgelagerte Hauptklasse: „,Was wollt ihr denn hier?‘, fuhr uns der Meisterschüler Claus Goedicke an. Da hatte man nicht zu gucken.“

Freiheit und Druck

Einerseits herrschte bei den Bechers Freiheit: Sie hinderten niemanden, eine eigene Handschrift, eine Nische zu finden. Und so ließ der Professor auch Götz Diergarten experimentieren, obwohl er ihn eingangs auf das Thema Typografie hatte verpflichten wollen. Denn ein paar typografische Elemente hatte Becher, der das selber einst studiert hatte, in Diergartens Mappe gefunden. Andererseits aber war der Druck groß: „Hatte man es unter tausend Bewerbern auf die wenigen Plätze der Kunsthochschule geschafft, wurde man von Markus Lüpertz, dem damaligen Direktor, mit den Worten begrüßt, nur vier Prozent von uns würden jemals von der Kunst leben können.“ Und die nächste Hürde war gleich in Sichtweite: Nach zwei Semestern musste man den Klassenzugang schaffen.

„Wer Bechers Meinung hören wollte, musste sich frühmorgens anmelden und zu ihm nach Hause fahren“, erzählt Diergarten. „Ultimativ bescheiden“ lebte das Paar in seiner alten Mühle. „In der Akademie ließ er sich nur ein-, zweimal im Jahr blicken.“ Wie man da von den Bechers lernen konnte? „Gelernt haben wir vor allem, durch die Haltung der Bechers zu ihrem Lebenswerk uns selbst zu entwickeln. Es ging um unsere Haltung vor uns und vor der Außenwelt.“

Die Ausstellung konzentriert sich auf die erste Generation der Becher-Klasse – auf viele der Künstler also, die den Sprung in die erste internationale Liga geschafft haben und sehr bald auch viel teurer gehandelt wurden als ihre Lehrer selber: Andreas Gursky allen voran, dann Thomas Struth, Thomas Ruff, Axel Hütte. Vom Frühwerk her betrachtet, gewinnt manche Entwicklung einen ganz anderen Charakter: Über Jörg Sasses frühe Fotoexperimente mit Alltagsgegenständen gerät Diergarten ins Staunen – „ein hochintelligenter, sehr reflektierter Mensch“.

Candida Höfer tummelte sich im Milieu türkischer Familien in Köln, bevor sie mit prächtigen Bibliotheken ihr Lebensthema fand. Erst spät wurden die Räume immer exklusiver, ihre Formate immer riesiger. Überhaupt werden die Bilder, von den sparsamen Anfängen der Bechers selber bis zu den Super-Formaten der Weltstars Gursky, Ruff und Struth im Fortgang der Ausstellung immer größer.

„Wissen Sie, warum das so ist?“, fragt Diergarten. „Die ganze berühmte Becher-Klasse teilte sich zwei Vergrößerungsgeräte, die auf 50 cm begrenzt waren. Colenta war die mieseste Farbdurchlaufmaschine, die man sich vorstellen kann. Die war, als ich in den 90ern an die Akademie kam, mehr als 20 Jahre alt und ging immer kaputt. Beim jährlichen Rundgang gingen alle an die Grenze, man sah also lauter Arbeiten auf 50 Zentimeter. Der erste, der es sich leisten konnte, im teuren Labor zu arbeiten, hat sich dann ausgedehnt.“ Jana Baumann, die die Schau mit Martin Engler kuratiert hat, wird diese These später ergänzen. Als sie Thomas Ruff in seinem prächtigen Herzog-&-de-Meuron-Atelier in Düsseldorf besuchte, habe er es „die Rache an dem kleinen Laborraum der Becher-Klasse“ genannt.

Mit der ersten Becher-Generation hat Diergarten kaum Kontakte: „Als ich studierte, waren die schon so auf einem anderen Stern, dass da keine Schnittmengen mehr waren.“ Und doch wird man beim Schlendern durch die Städel-Räume den Eindruck nicht los, dass da einer die Werke betrachtet, als seien sie von Brüdern und Schwestern gemacht.

Er selber habe seine Fotografien lange bewusst klein gehalten, erzählt Götz Diergarten. Und doch – wenn Gursky sich ein Riesenthema wie die „Welt“ vornehme und in seinen Fotoarbeiten die Kontinente so verschiebe, dass die Erdplatten optisch besser zueinander passen, dann habe Größe auch seine Berechtigung. „Ich nenne es Gurskys Welt. In der lebt er, die zeigt er uns.“

Der Markt macht’s möglich

Neid auf den Weltstar ist da nicht zu spüren, allenfalls ganz leise Kritik, weil Diergarten natürlich sehr genau weiß, dass mit der Größe der Formate auch die Preise exponentiell nach oben schießen. „Das ist etwas, was man manchem Becher-Schüler nachsagen kann“, wird Diergarten nachdenklich: „Sie haben das auch genutzt, weil der Markt das hergegeben hat. Und es gibt nun mal Bilder – nichts gegen Candida Höfer –, die sind größer, als es sein müsste. Das war so in den 90ern, als es auf dem Markt richtig super lief.“

Lauter wird Götz Diergarten nicht, und am Ende der Ausstellung angekommen, weiß er noch zu berichten, wie die Professur nach Bernd Bechers Abschied neu ausgeschrieben wurde. Schließlich sollte Jeff Wall die Aufgabe übernehmen. Und dann kam ein Student, der unbedingt bei dem berühmten Amerikaner studieren wollte und abgelehnt wurde. „Er richtete eine Waffe auf Wall, und Wall rannte weg und kam nie wieder.“

Es sind Geschichten wie diese, die begreiflich machen, wie der strenge Werkbegriff der Bechers, ihre Aura und „Haltung“ fortwirkten, noch weit über das Ende von deren Lehrtätigkeit hinaus. Bis heute ist er spürbar in den Arbeiten ihrer Schüler, so verschieden sie sich auch entwickelt haben. Es ist die Wirksamkeit der Becher-Kunst, aber es ist auch das Becher-Label, das manchmal bizarre Blüten treibt. Nachdenklich fragt sich Diergarten: Hätten mich die Galeristen Rudolf und Annette Kicken gefördert, wenn ich nicht aus der Becher-Schule gekommen wäre? Das Label und die Strenge, der Ruf und die Kunst – hier gehen sie eine unentwirrbare Verbindung ein.

„Fotografien werden Bilder. Die Becher-Klasse“. Städel Frankfurt, bis 23. August

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