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Marion Tiedtke, Chefdramaturgin des Schauspiel Frankfurt, vor dem Bockenheimer Depot.

Wie Frauen des Kulturleben prägen

Marion Tiedtke, Chefdramaturgin und Vize-Intendantin des Frankfurter Schauspiels

100 Jahre nach der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland arbeiten heute viele Frauen im Kulturleben in wichtigen Positionen. Könnten es mehr sein? Was zeichnet Frauen aus? Wie sind sie dorthin gekommen, wo sie sind? Was machen sie anders als Männer? Was wünschen sie sich für die Zukunft? Braucht es für die Parität auch eine Quote in der Kultur? In einer Serie stellen wir Ihnen in den kommenden Wochen Frauen vor, die mit ihrer Persönlichkeit die Welt des Theaters, der Oper, des Films oder der Kunst prägen. Heute: Marion Tiedtke, Chefdramaturgin am Schauspiel Frankfurt.

Da kommt sie: „die beste Dramaturgin Deutschlands“. Entert schwungvoll den Konferenzraum im Bockenheimer Depot und ist sofort präsent. „Beste Dramaturgin Deutschlands“ – so hat sie der belgische Regisseur Luk Perceval gerade genannt. Worte, die klingen wie ein Theater-Ritterschlag. Nur wegen ihr sei er ans Schauspiel Frankfurt gekommen, um Ken Wilbers „Mut und Gnade“ zu inszenieren, hat der Flame gesagt. Damit sie für ihn ihre wichtigste Fähigkeit auf den Proben einbringen kann: Menschen zu beobachten.

Marion Tiedtke (55) wuchtet ihre riesige, abgewetzte Dramaturgentasche, in der sie vom Laptop über Probennotizen bis hin zu Besetzungsplänen alles verstaut, was für das Schauspiel Frankfurt wichtig ist, auf den Stuhl. Die Wege zwischen der Probebühne an der Schielestraße, dem Bockenheimer Depot und dem Willy-Brandt-Platz sind weit. „Ich habe immer alles dabei“, sagt sie lächelnd. Vom Lob Percevals sei sie „sehr berührt“. Ja, es stimme, sie liebe es, Menschen zu beobachten.

Hohen Preis bezahlt

Das sagt sie konzentriert, mit einem Blick aus blau-grauen Augen, der unverstellt wahrzunehmen und sein Gegenüber klug zu erforschen scheint. „Was Luk an mir schätzt, ist, dass ich sehr gerne Proben beobachte und dann präzise beschreiben kann, was ich gesehen habe, ohne es gleich zu bewerten. Dadurch ergibt sich für den Regisseur die Möglichkeit zur weiteren Reflexion.“ Von dieser Eigenschaft profitieren auch Regie-Stars wie Andreas Kriegenburg, Ulrich Rasche oder Roger Vontobel. „Ich sehe mich sehr stark als Ermöglicher“, erklärt sie. Ermöglicher: eine Formulierung in der männlichen Form. Ein Ermöglicher, der bei Stückkonzeptionen gleich die Besetzung mitdenkt.

Wie ist sie zur Chefdramaturgin und stellvertretenden Intendantin am Schauspiel Frankfurt unter Anselm Weber aufgestiegen? Ihre Theatersporen hat sie sich bereits während ihres Philosophie- und Germanistikstudiums verdient. Jede freie Minute hat sie an Bühnen hospitiert. Und sich dann gegen eine Promotion über Hannah Ahrendt und für das Theater entschieden. Entscheidendes gelernt habe sie beim damals „besten Dramaturgen Deutschlands“, Dieter Sturm an der Schaubühne in Berlin. Und bei Alexander Lang am Deutschen Theater. Der „schenkte mir ein Buch mit Probennotaten von Ilse Galfert, damals Dramaturgin aus dem Osten. Er sagte: ,Ich möchte, dass Du mir Probennotate schreibst, was Du siehst, wie etwas auf Dich wirkt.‘ Diese Übung des genauen Beschreibens hat mich in der Einstellung sehr geprägt.“

Nach Jahren am Berliner Schillertheater, in Bremen und am Wiener Burgtheater landete sie 2001 schließlich an den Münchner Kammerspielen. Damals „hatte ich gerade meinen Sohn zur Welt gebracht und fing wieder an zu arbeiten, als er 15 Monate alt war. Ich musste das Familieneinkommen bestreiten, einfach, weil ich keine Wahl hatte, denn mein Ex-Mann war bildender Künstler.“ Sie war an den Kammerspielen die einzige Frau mit einem kleinen Kind. Ihre melodische Stimme fällt jetzt etwas ab: „Das war nicht ohne. Ein zweites habe ich mir nicht zugetraut.“ Ihre Augen werden schmal: „Der Preis, den ich für meinen künstlerischen Werdegang bezahlt habe, ist hoch.“

In der Hand von Männern

Dabei zeigen die Zahlen, dass Männer und Frauen in der Dramaturgie seit einigen Jahren fast die volle Parität erreicht haben. Marion Tiedtkes Erklärung lautet so: Der Einfluss der Dramaturgie gehe tendenziell zurück. „Immer dann, scheint es, kommen Frauen auf die Plätze, wenn diese Stellen an Renommee verlieren. Die Theater produzieren mehr, dadurch können sich heute die Dramaturgen oft auch nicht mehr ganz so intensiv auf die Stücke vorbereiten und nicht mehr auf Augenhöhe mit den Regisseuren arbeiten. Sie mutieren zu bloßen Zulieferern. Das ist schlecht.“

Zur Person:

Marion Tiedtke (55) ist seit 2017/18 stellvertretende Intendantin und Chefdramaturgin am Schauspiel Frankfurt. Von 1990 bis 2007 arbeitete sie als Dramaturgin in Berlin, Wien und München. Sieben ihrer Produktionen, die sie mit Regisseuren wie Andreas Kriegenburg, Alexander Lang und Martin Kusej erarbeitete, wurden zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Zwei ihrer Dramaturgien erhielten den Nestroy, erst kürzlich „Die Perser“ (mit Ulrich Rasche 2018) am Schauspiel Frankfurt. Zehn Jahre lang leitete sie als Professorin den Studiengang Schauspiel an der HfMdK in Frankfurt. Im Team mit Intendant Anselm Weber sieht sie ihn als „Außenminister“ und sich selbst als Netzwerkerin im Innern mit Schwerpunkt Spielplangestaltung. Besetzungen aber nehmen sie „gemeinsam vor“, betont sie mit Nachdruck.

Das gelte nicht fürs Schauspiel Frankfurt. Sie wählt ihre Worte mit analytischer Feinjustierung, die innere Klarheit und große Übersicht voraussetzt. Zwei Jahre hat sie sich mit der Auswahl ihres Teams Zeit gelassen: „Dramaturgie ist für mich ein Thinktank, eine Ideen- und Diskussionsrunde, in der um Stücke, Formate und Besetzungen gerungen wird.“ Dennoch plädiert sie für die Frauenquote: „In vielen Bereichen am Theater, in der Regie, der Leitung, der Intendanz gelingt es immer noch den Männern, sich durchsetzen, weil Frauen nicht so viele Seilschaften und Netzwerke haben wie Männer.“

Warum sind die Bühnen vor allem in der Hand von Männern? Wo bleiben die bedeutenden Regisseurinnen? „Ich habe in der Vorbereitungszeit für die ersten Spielzeiten 14 verschiedene Regisseurinnen angesprochen. Leider sind es nur wenige gewesen, die tatsächlich Zeit hatten.“ Erst ab 2019 wird es klappen. Warum? „Viele Regisseurinnen haben Familie. Sie wollen deshalb höchstens drei Produktionen im Jahr übernehmen.“ Oder sie wollen nur Stücke an wenigen Häusern machen, denen sie treu bleiben. Nach wie vor gelte am Theater: Hinter einem erfolgreichen Mann ist immer auch eine Frau, die ihm den Rücken freihält. „Frauen fehlt das. Sie leiden meistens an der Doppelbelastung.“

Theater gelten immer noch als die letzten Fürstentümer in der Kunst. Was denkt sie darüber? Tatsächlich sei der Vertrag eines Intendanten so ausgestaltet, dass er „in allen Befugnissen“ das alleinige Entscheidungsrecht hat, sagt Tiedtke. „Es gibt da kein Korrektiv. Für Schauspieler oder Angestellte gibt es keinen neutralen Dritten, mit dem sie Probleme besprechen können, ohne dass sie Angst haben müssen, ihren Arbeitsplatz zu verlieren.“ Sie fordert von der Politik den Mut, als Intendanten zum Beispiel einen Mann und eine Frau zusammen auszuwählen. Damit würden sich auch Fälle von Machtmissbrauch, Mobbing oder sexuelle Übergriffe entscheidend verringern, glaubt sie. Und: „Das Modell des selbstherrlichen Intendanten hat sich überlebt. Es gibt in der Branche ein hohes kritisches Bewusstsein, und das ist auch gut so.“

Im März haben sich 350 Theatermacherinnen in Bonn getroffen. War Tiedtke dort? „Das finde ich sehr gut“, sagte sie, konnte aber nicht dabei sein. Ihr Sohn machte gerade Abitur. Trotzdem: „Diese Konferenzen sollten sich nicht abschotten. Auch Männer müssen sich für Frauen im Theater stark machen. Der kreativste Dialog ist der zwischen den Geschlechtern.“

Sie schultert ihre riesige abgewetzte Dramaturgentasche und macht sich wieder auf in die Probe.

Bettina Boyens

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