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Er stand in einer Reihe mit Fellini und Pasolini: Der italienische Regisseur Bernardo Bertolucci 2012 beim Filmfestival in Cannes.

Nachruf

Bernardo Bertolucci war einer der Großen des europäischen Kinos

Seine Filme wollten weder bevormunden noch belehren, sondern die Wirklichkeit zeigen. Bernardo Bertolucci war einer der bekanntesten Vertreter des italienischen Autorenkinos. Am Montag ist er mit 77 Jahren gestorben.

Er war voyeuristisch und politisch, er provozierte und kalkulierte den Skandal ein. Er wurde gewürdigt mit Oscars und Golden Globes, von den Filmfestspielen in Venedig und Cannes. Als einer der letzten ganz großen italienischen Filmemacher des 20. Jahrhunderts ist Bernardo Bertolucci am Montag im Alter von 77 Jahren an den Folgen eines Krebsleidens gestorben.

Der „letzte große Maestro“ des italienischen Kinos habe eine Persönlichkeit gehabt, die sich jemand hätte ausdenken müssen, hätte sie nicht wirklich existiert, schreibt die italienische Tageszeitung „La Repubblica“. Viele seiner Figuren erleben tiefe Umwälzungen. Veränderungen schlagen wie Blitze ein und geben dem Leben eine ungeahnte Richtung. Auch im Leben des italienischen Regisseurs Bernardo Bertolucci, der zuletzt im Rollstuhl saß, gab es viele Wendepunkte.

Viele Verwandlungen

In „Der letzte Tango in Paris“, mit dem ihm 1972 der Durchbruch gelang, glaubt der alternde Paul, dass er mit einer jungen Zufallsbekanntschaft lustvoll, aber anonym in einer kahlen Wohnung sexuell verkehren kann. Dieser Irrglaube macht seine zerrüttete Existenz umso deutlicher. Das absurde Abenteuer endet tödlich. In „Der letzte Kaiser“ (1987) – mit neun Oscars ausgezeichnet, zwei davon für Bertolucci – muss Pu Yi den Thron besteigen, obwohl er viel zu jung zum Regieren ist. Er wird zum Opfer politischer Verhältnisse, muss ins Exil und wird von kommunistischen Revolutionären umerzogen.

Bertolucci selbst liebte es, sich zu wandeln. Vom elitären Filmemacher wandelte er sich zum kommerziell erfolgreichen Regisseur und handelte sich Vorwürfe von Intellektuellen ein. Vom Katholizismus löste er sich schon als Jugendlicher. Sein Geburtsort Parma war kommunistisch geprägt, und die Denkweise der Bauern lernte er aus nächster Nähe kennen. Er wurde Marxist, doch irgendwann faszinierte ihn der Buddhismus, was einen eher naiven Ausdruck in „Little Buddha“ (1993) findet.

Mit 16 drehte er seinen ersten Amateurfilm. Nach dem Abitur reiste Bertolucci nach Paris, wo er nicht den Louvre, sondern die Cinémathèque besuchte, um sich Filme anzuschauen. Mit dem Schreiben fing er noch früher an, das sei für ihn – Sohn eines in Italien recht bekannten Literaten – selbstverständlich gewesen. Über seinen Vater lernte Bertolucci Pier Paolo Pasolini kennen, der ihn als Regieassistenten engagierte. Der Weg war geebnet. Wie Bertolucci die Orte seiner Filme wechselte, so blieb er neugierig auf geistige und künstlerische Wegmarken. Die Geschichte des Mediums Film sah er längst noch nicht als beendet an. Die digitalen Techniken betrachtete er mit ähnlichem Interesse wie das Internet, das es jedem erlaube, sein eigener Filmemacher zu sein.

Ablösung vom Vater

Am Anfang seiner Laufbahn stand ein schwieriger Ablösungsprozess von seinem Vater, einem großen Kino-Liebhaber. Freuds Psychoanalyse, die im Inzest-Drama „La Luna“ (1979) überdeutlich Gestalt annimmt, half ihm dabei. Bertolucci meinte, in seinen Filmen einen Weg gefunden zu haben, den Vater in sich „abzutöten“, was diesen herzlich amüsierte.

Dabei sind Vaterfiguren in Bertoluccis Filmen häufig anzutreffen. In „Der Konformist“ (1970) ermordet ein junger traumatisierter Mann seinen ehemaligen Mentor, einen antifaschistischen Professor. In „Der letzte Tango in Paris“ ist Paul selbst eine Vaterfigur für seine Gespielin Jeanne, die sich am Ende von ihm befreit und ihn mit der Pistole ihres toten Vaters erschießt.

Im zweiteiligen Jahrhundert-Epos „1900“ (1976) spiegeln sich in den Söhnen eines Gutsbesitzers und eines Bauern die verschiedenen sozialen und politischen Einflüsse der Bertolucci-Familie. Beide Söhne erscheinen wie Profile ihres Regisseurs, der von Großvaters Seite einer Gutsbesitzerfamilie angehörte und sich doch zu den Bauern hingezogen fühlte.

Ein Blockbuster wurde der äußerst politische Film wohl auch wegen seiner Länge nicht – und das trotz Traumbesetzung mit Stars wie Burt Lancaster, Donald Sutherland, Robert de Niro und Gérard Depardieu.

Lösen musste sich der Regisseur auch von Vorbildern. Jean-Luc Godard war Bertoluccis Übervater, dessen ideologische Radikalität ihn mehr und mehr abschreckte. Truffaut, Renoir, Rossellini, Antonioni und Mizoguchi haben ihn beeinflusst, wie er selbst an der Schwelle der 70er Jahre zum Beispiel Coppola und Scorsese beeinflusst hat.

Bertolucci bekannte sich dazu, ein Massenpublikum erreichen zu wollen. Dass dies nicht auf Kosten des Anspruchs gehen muss, belegte etwa die monumentale Produktion „Der letzte Kaiser“. Das Publikum lockte er mit Qualität, aber vor allem mit prominenten Schauspielern. Von Marlon Brando über Robert De Niro bis John Malkovich und Debra Winger: Mit vielen Stars hat er gearbeitet, die ihm oft herausragende Leistungen geschenkt haben. Bertolucci faszinierte ihre verborgene Seite – das, was sie hinter Masken verstecken. Am spektakulärsten gelang dies mit Marlon Brando in „Der letzte Tango in Paris“, der für seinen Regisseur bis zum Äußersten ging und mit seiner Partnerin Maria Schneider sexuelle Obsessionen und existenzielle Verzweiflung vor der Kamera auslebte.

Verschwiegene Szenen

„Der letzte Tango“ wurde nicht nur zum Kultfilm, er lieferte auch eine der wohl bekanntesten und umstrittensten Szenen der Filmgeschichte. Darin zwingt Paul (Brando) die junge Jeanne (Maria Schneider) zum Analverkehr – und greift zu Butter als Gleitmittel. Von diesem Detail wusste Schneider nichts – Bertolucci und Brando hatten sie nicht eingeweiht. Spätere Aussagen von Bertolucci über die Szene sorgten für einen Aufschrei, klang es zunächst so, als habe Schneider selbst von der Vergewaltigungsszene nichts gewusst.

„Um Filme zu machen und etwas zu erreichen, denke ich, dass du komplett frei sein musst“, hat Bertolucci in dem Zusammenhang gesagt. „Ich wollte nicht, dass Maria ihre Erniedrigung, ihr sie spürt.“ Dafür habe Schneider ihn ein Leben lang gehasst. Der Film, der in Spanien zensiert wurde, brachte der Schauspielerin nicht nur Ruhm, sondern warf auch tiefe Schatten über ihr Privatleben und ihre weitere Karriere.

Roland Mörchen und Lena Klimkeit

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