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Bernd Loebe führt das Frankfurter Opernhaus seit 15 Jahren

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© Bernd Kammerer (.)

Im Gespräch mit Michael Kluger und Andreas Bomba erklärt Intendant Bernd Loebe (64), warum er dem Frankfurter Opernhaus über die Jahre hinweg treu geblieben ist.

Herr Loebe, 15 Jahre – schon ein bisschen oder noch kein bisschen müde?

BERND LOEBE: Ich bringe mich bei Bedarf immer wieder in Schwung. Aber es geht ja nicht darum, ob der Intendant gut drauf ist. Ein Haus lebt von seinen Mitarbeitern. Und die haben eine große Treue zur Frankfurter Oper. Es gibt wenig Wechsel. Es gibt ein Bekenntnis zur Qualität. Jeder will es so gut wie möglich machen. Deshalb ist es auch ein junges Haus geblieben, weil die Mitarbeiter bei jeder neuen Produktion ihre ganze Energie einbringen.

Wie bringen Sie selbst sich denn in Schwung? Wann immer man in die Oper kommt, sitzen Sie in Ihrer Loge und schauen zu. Haben Sie das nicht manchmal satt?

LOEBE: Ich bin nicht jeden Abend da, aber relativ häufig. Ich versuche, Schwingungen aufzunehmen: Wie ist das Verhältnis Orchester und Dirigent? In welcher Verfassung sind der Chor, Sänger, Solisten, Bühnentechnik? Wie reagiert das Publikum? Ich spüre schon, dass das Haus es gerne sieht, wenn der Intendant da ist. Und außerdem haben wir nicht so viele schlechte Produktionen auf der Bühne. Wenn wir unentwegt Mist produzieren würden, wäre ich wahrscheinlich öfter zu Hause (lacht).

Sie hatten mit der Oper in Frankfurt zunächst als Zuschauer zu tun, dann als Journalist beim Rundfunk, schließlich als Intendant, zuerst in Brüssel, dann in Frankfurt. Ist das eine Genugtuung? Es kommt ja nicht jeder, der wie Schröder am Gitter rüttelt, rein ins Kanzleramt – und bleibt dann 15 Jahre.

LOEBE: Ja, das ist eine Rarität. Es war ja nie so geplant. Ich hatte natürlich immer einen gewaltigen Respekt vor diesem Haus. Ich habe seit meinem ersten Theaterbesuch Notizen gemacht zu den Besetzungen. Am 6. Oktober 2018 werde ich 50 Jahre in dieses Haus gegangen sein. Mein erster Besuch war eine „Zauberflöte“ unter Christoph von Dohnányi. Damals muss ich eine Ahnung davon gehabt haben, dass das einmal wichtig werden könnte in meinem Leben. 15 Jahre – das geht auch nur, weil wir uns jedes Jahr neu erfinden und eine gewisse Jugendlichkeit bewahrt haben, weil wir jungen Leuten, die sich für dieses Haus hingebungsvoll einsetzen, eine Möglichkeit bieten. Junge Künstler wittern die Chance, dass sie bei uns dafür belohnt werden.

Was hätte passieren müssen, dass Sie einem Ruf an ein großes Haus wie Wien, München oder New York, die wesentlich besser ausgestattet sind und ein höheres Renommee haben, gefolgt wären? Oder zu den Bayreuther Festspielen?

LOEBE: Bayreuth hätte mich nicht ausgelastet, das könnte ich nebenbei mitmachen, ohne arrogant klingen zu wollen. Ich hatte wiederholt die Situation, woanders hingehen zu können. Aber ich habe immer überlegt: Was gewinnst du, was verlierst du? Am Ende stand immer die Überzeugung, dass ich woanders mehr verliere. Die großen Häuser sind künstlerisch nicht mehr führend. Sie sind für junge Künstler nicht mehr das Sprungbrett für eine Karriere. Die stehen jetzt an Opern wie Stuttgart oder Frankfurt Schlange. Denn dort ist das musikalische Niveau gut bis sehr gut. Es wird gut gesungen. Die Motivation ist hoch. Da kommt, anders als bei den großen Tankern, alles zusammen. Das erlebt man in der Welt sehr selten. In einem Haus ist mal der Dirigent gut, ein anderes hat einen guten Sänger. New York hat eine Auslastung von 50 Prozent, wir sind bei 85. Frankfurt bietet all das, was man braucht, um ans Optimum heranzukommen.

Haben Sie auch eine Idee, was das Frankfurter Publikum von den New Yorkern unterscheidet?  

LOEBE: Ich glaube, wir haben das hingekriegt, was man immer Wien nachgesagt hat: Dass dort jeder Taxifahrer weiß, was abends in der Oper gespielt wird. In Frankfurt weiß heute der Taxifahrer immerhin, wo die Oper steht. Selbst Leute, die nicht in die Oper gehen, sprechen einen an und sagen, sie hätten gehört, die Oper sei so toll geworden. Da ist inzwischen ein Bürgerstolz gewachsen. Über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte waren die Städtischen Bühnen negativ besetzt: Streit unter Intendanten, Kämpfe um die Ressourcen, überzogene Etats. Das ist in den 15 Jahren, in denen ich an der Oper bin, nicht einmal passiert. Es gibt außerdem nicht „das“ Publikum. Wenn Sie in die „Tosca“ gehen, ist das wie ein Event: Da wird gejuchzt und gejuxt wie in einem Pop-Konzert. Gehen Sie einen Tag später in die „Jeanne d’Arc“, ist das Publikum vielleicht etwas intellektueller und mehr an der Inszenierung interessiert. In der „Zauberflöte“ ist wieder ein ganz anderes Publikum. Wichtig für mich ist, dass auch die jungen Menschen zu uns kommen. Viele haben auch wieder Lust, sich gut anzuziehen. In meiner Jugend ging man mit abgerissenen Jeans in die Oper. Damals war das noch mehr ein politisches Ventil und ein Ausdruck gegen das Establishment.

Sie gelten als ein Sänger-Intendant mit einem Gespür für gute Stimmen. Wie findet man die?

LOEBE: Es ist inzwischen einfacher geworden, als das vor 15 Jahren der Fall war. Gute Agenturen schicken ihre Sänger heute nach Frankfurt. Dazu kommt, dass ich viel herumfahre, nicht nur zu den Metropolen, auch zu den kleineren Häusern wie Weimar oder Erfurt. Und natürlich profitiere ich davon, selbst Juror zu sein bei Gesangswettbewerben. Wir haben schon öfter Talente bei Wettbewerben entdeckt und engagiert. Ich fliege jedes Jahr nach Amerika und höre in New York die am besten ausgebildeten Sänger der Welt. Da kommen Künstler aus Los Angeles und San Francisco angeflogen, um sich für die Frankfurter Oper zu bewerben. Natürlich profitieren wir auch davon, dass es in Amerika eine Opernkrise gibt. Nur wenige Häuser dort engagieren junge Künstler, die noch keinen großen Namen haben.

Was hat sich in den 15 Jahren, die Sie in Frankfurt sind, mit der Oper verändert? Es gab vorher Zeiten, in denen die Oper sehr politisch war. Aufführungen endeten manchmal in Aufruhr und Krawall. Das ist in Ihrer Zeit nie vorgekommen. Da ging es stets manierlich und geruhsam zu.

LOEBE: Ich bemühe mich tatsächlich nicht um ein Theater der Provokation um ihrer selbst willen. Ich sehe die Ressourcen. Ich weiß, was das kostet, all die Energie und Anstrengung darein zu setzen, ein Publikum zu verärgern. Das will ich nicht. Ich möchte das Publikum klüger machen. Ich möchte, dass es differenzierter sieht. Und das Publikum spürt: Da ist ein Gedanke dahinter. Die wilden Jahre der 70er und 80er waren wichtig, um den Staub wegzublasen von der Oper. Danach ging die Entwicklung in Richtung eines intelligenten und klugen Theaters.

In den 15 Jahren gab es natürlich Uraufführungen und Wiederaufführungen von Uraufführungen. Aber man fragt sich doch: Werden heute genügend Opern geschrieben, die für das Publikum zugänglich sind?

LOEBE: Eher nein. Ich habe mich um Uraufführungen bemüht, auch darum, Komponisten und Librettisten zusammenzubringen. Die Komponisten fallen auch nicht vom Himmel, wo ich sagen würde, die müssen jetzt eine Oper schreiben. Das bezeichne ich als eine Krise der Oper heute, dass sich zu wenig Komponisten aufdrängen. Und wenn, dann komponieren sie so kompliziert, dass es meistens bei einer Aufführungsserie bleibt.

Und etwas Heiteres, Komödiantisches gibt es schon gar nicht . . .

LOEBE: Wir sind umgeben von grauenhaften Entwicklungen. Jeder Komponist, der sich ernst nimmt, kann sich davon nicht völlig freimachen. Diese Lähmung ist verständlich in einer Welt, die zerfällt, in der sich in allen Richtungen Ängste auftun, wie soll man in dieser Situation Heiterkeit verbreiten?

Auch Opernhäuser sind längst internationale Unternehmen. Bereitet das nicht auch Probleme, sprachliche oder kulturelle?

LOEBE: Wir haben rund 47 verschiedene Nationen, die an den Städtischen Bühnen arbeiten. Ich sage manchmal etwas pathetisch: Die große Welt kriegt es nicht hin, die sollte sich das bei uns abgucken, wie unterschiedliche Menschen für ein gemeinsames Projekt zu einer verschworenen Gemeinschaft werden, zu einem Volk gewissermaßen, unabhängig von Herkunft, Religion oder Hautfarbe.

Die notwendige Sanierung der Bühnen wird teuer, das wissen wir seit dem Gutachten: mehr als 800 Millionen Euro vielleicht. Wie wappnen Sie sich gegen die Debatte, die vermutlich aufkommen wird: Soll das Geld in die Kultur oder nicht besser in neue Kindergärten gesteckt werden?

LOEBE: Jeder kann sehen, wie viele Menschen jeden Abend in der Oper sitzen, mit feuchten Augen. Dieses Argument ist offensichtlich. Muss ich jetzt wirklich wieder anfangen, zu erklären, warum das Angebot der Oper notwendig ist? Es ist wichtig, dass die Diskussion aus den Lokalteilen der Zeitung mehr in den Kulturteil verlagert wird. Für die Kollegen dort ist es vielleicht einfacher zu erklären, warum Kultur und Bildung wichtig sind, gerade für junge Menschen. Warum gerade in Zeiten der Unruhe und der Unsicherheit ein Theater wie ein Schutzpanzer ist. Wir sehen, wie wir in die digitale Welt abdriften und unter den Menschen die Einsamkeit immer größer wird. Das sehen wir in jeder Straßenbahn: Vereinzelte und Einsame, die das Gefühl haben, sie seien über das Smartphone mit der ganzen Welt verbunden. Das Theater ist dagegen wie ein Versammlungsplatz. Menschen begegnen sich und erleben in einer Gruppe etwas, das live entsteht, von Menschen für Menschen gemacht: etwas Spannendes, Schönes, etwas, das sie im Herzen mit sich nach Hause tragen.

Die Debatte darum, wie es mit den Frankfurter Bühnen weitergehen wird, kann nach der Bestandsaufnahme ja jetzt erst sinnvoll geführt werden: Sanierung oder Neubau am Willy-Brandt-Platz; Sanierung des Schauspiels am alten Ort, Neubau der Oper an einem anderen. Was wünschen Sie sich?

LOEBE: Ich hoffe, dass die Bühnen nicht im Wahlkampf parteitaktisch zerlegt werden, dass sie nicht in den kommenden OB-Wahlkampf geraten. Unser Publikum setzt sich aus Wählern aller Parteien zusammen. Da besteht ein gemeinsames Interesse an gutem Theater. Die Politik sollte jetzt in aller Sachlichkeit das 800 Seiten umfassende Gutachten prüfen. Das ist schwer genug. Das braucht Zeit. Und ich hoffe, dass etwas entschieden wird, das die Lebensfähigkeit des Hauses garantieren wird, und dass nicht in den fünf bis sechs Jahren, die wir am angestammten Ort noch spielen werden, alles zerbricht. Das wäre für mich sehr makaber, zu erleben, wie das, was man mühsam aufgebaut hat, wieder zerfällt.

Wo wird der Opernintendant 2030 sitzen, auch wenn er nicht mehr Bernd Loebe heißen wird . . .

LOEBE: Wer sagt Ihnen das?! (lacht) Ich hoffe doch hier, im Zentrum der Stadt.

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