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Der betrogene Pfarrer

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Von: Andreas Bomba

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Wer im Glashaus sitzt: Russell Thomas als Missionar Stiffelio und Sara Jakubiak als seine untreue Frau Lina.
Wer im Glashaus sitzt: Russell Thomas als Missionar Stiffelio und Sara Jakubiak als seine untreue Frau Lina. © Monika Ritterhaus

Über 150 Jahre nach der Entstehung und über 100 Jahre nach dem Tod des Komponisten ist das Werk in der Frankfurter Erstaufführung neu zu entdecken.

Seit ihrer Uraufführung 1850 litt die Oper unter allerlei Eingriffen: Zensur, Verstümmelungen und Bearbeitungen. Ein Rettungsversuch durch den Komponisten selbst scheiterte. Über den einstigen Skandal der Geschichte – nach einem zeitgenössischen französischen Theaterstück von Émile Souvestre und Eugène Bourgeois – kann man heute nur noch müde lächeln: Ein Mann, wenn auch evangelischer Missionar und Pfarrer, wird von seiner Ehefrau betrogen.

Das 19. Jahrhundert (und allzu dick diese Oper) bauschte solche Affären zu Fragen von Leben und Tod auf – falls es nicht gelang, sie zu vertuschen! Stiffelio, der Barmherzigkeit verpflichtet, sieht sich also zerrieben zwischen Privatem und Beruf, Rache und Vergebung.

Strikte Religion

Benedict Andrews (Regie) und Johannes Schütz (Bühne) finden bildliche Anleihen im amerikanischen Mennonitenmilieu (im Original sind es jüdisch konnotierte „Ahasverianer“), um die religiösen Zwänge zu veranschaulichen; die Frauen schneiden sich nicht die Haare und lieben einfache wie bunt geblümte Kostüme (Victoria Behr). Einzig die untreue Gattin (sehr eindringlich, leidend und zu großer Tragik fähig: Sara Jakubiak) trägt Schwarz.

Die Titelfigur (die nur als Pfarrer „Stiffelio“ heißt, als Privatperson jedoch, gut deutsch-protestantisch, Rudolf Müller) gibt der prächtige, mit facettenreicher Stimme begabte Tenor Russell Thomas mit missionarischer Statur.

Zu Ende geht die Oper in der Kirche: Der Prediger verabschiedet sich von der Gemeinde und zitiert das Johannes-Wort von jenem ohne Sünde, der allein den ersten Stein werfen dürfe.

Die dem Evangelium ähnliche Redewendung „Wer im Glashaus sitzt“ scheint das erste Bild zu inspirieren: Zum Vorspiel hebt sich langsam der Vorhang und gibt eine durchsichtige, eng verkastelte Behausung frei, die sich später, samt der ansonsten leeren Bühne, zu bewegen und zu kreisen beginnt. Auf eine Schmalseite gestellt, wird im zweiten Akt eine Kirche daraus, anspielungsreich mit dem Kreuz als Grundriss.

Die permanente Bewegung will wohl etwas Instabiles zeigen, mit dem eine strikte Religion in Konflikt geraten muss; schließlich geht es um Menschen und um deren stete Verlockung, aus Regeln auszubrechen. Sie können in diesem Ambiente gar nicht stehen bleiben. Ein geschickter Effekt, der auf Dauer aber seine Symbolik einbüßt und ins Schematische abgleitet. Und dunkel ist es!

Licht, als Zeichen von Vernunft und Durchblick, leuchtet allenfalls als dünne Röhre im Pfarrhaus, ansonsten immer draußen – so jedenfalls wirkt es, wenn die Personen und der klangstarke Chor (Tilman Michael) durch die Rückwand eintreten.

Keine Scheu vorm Ehrenmord

Hell, aber klirrend kalt ist der Schluss: Lina hat den Glaubensrock abgelegt, steht in Unterwäsche allein, inmitten der von ihr sich distanzierenden Gemeinde. Befreit, oder entblößt? Anspielungen auf religiös motivierte Zwänge und Zumutungen im aktuellen Leben bleiben aus, bis auf die Szene, in der Stankar (der robuste Bariton Sario Solari) nach Art des sogenannten Islamischen Staates das Haupt des von ihm getöteten Raffaele, dem Geliebten seiner Tochter, hereinträgt. Ein dogmatischer Wüstling, der hier Lina begrapscht und dort auch vor einem „Ehrenmord“ nicht zurückschreckt, der zum Glück hinter der Bühne geschieht.

In der Musik findet sich kein Grund für den langen Dornröschenschlaf von Verdis Oper. Vom Pizzicato-Andante mit Trompetensolo im Vorspiel bis zu der von Sara Jakubiak so innig gesungenen „Preghiera“ im zweiten Akt, von prallen, dramatischen Massenszenen, der schieren Entäußerung der Titelfigur bis hin zu raffinierten Instrumentationen in Arien und Dialogen ist alles bester Verdi, vielleicht fehlt – im Gegensatz zu den rasch folgenden „Rigoletto“, „Trovatore“ und „Traviata“ – ein populärer „Schlager“ zum Mitsingen. Unter Jérémie Rhorer spielt das Orchester präzise, klangschön, transparent und mit sängerfreundlicher Dynamik. Das Ensemble zeigt bis in die Nebenrollen Charakter: Alfred Reiter, ein knorriger Geistlicher; Beau Gibson (Federico) und Maria Pantiukhova (Dorothea) und, vom Librettisten Francesco Maria Piave arg an den Rand gedrängt, der unglückliche Liebhaber Raffaele (Vincent Wolfsteiner).

Eine gelungene Ehrenrettung dieser Oper am Frankfurter Haus, wobei das Publikum anderen Regieteams allerdings schon deutlich enthusiastischer applaudiert hat.

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