Das Thomas-Scheibitz-Gemälde ?Kino? ist 2011 in Öl auf Vinyl entstanden. Es zeigt die große Leinwand als Mittelpunkt eines Filmtheaters. Von den bewegten Bildern des Kinos waren die Maler immer wieder fasziniert.
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Das Thomas-Scheibitz-Gemälde ?Kino? ist 2011 in Öl auf Vinyl entstanden. Es zeigt die große Leinwand als Mittelpunkt eines Filmtheaters. Von den bewegten Bildern des Kinos waren die Maler immer wieder fasziniert.

Ausstellung in der Kunsthalle Darmstadt

Bilder lernen das Laufen

Wenn Maler, die sonst mit dem Pinsel arbeiten, die Welt wie durch die Kamera betrachten, werden sie zu Experimentalfilmern und Animationsfilmern.

Von CHRISTIAN HUTHER

Hektisch zeichnet Rachel Lowe auf die Seitenscheibe eines fahrenden Autos. Die Künstlerin versucht, auf dem Beifahrersitz die vorüberziehende Landschaft in einer Skizze festzuhalten. Ein auswegloses Unterfangen, die Übereinstimmungen lösen sich in Bruchteilen von Sekunden auf. Im Nu muss die 47-Jährige das nächste Bild beginnen. Realität und Abbild kommen nicht zusammen, der Moment ist nicht einzufangen. Dafür wird das Liniengewirr zusehends dichter und konfuser.

Streifen im Licht

Dieser Kurzfilm ist der passende Auftakt für die neue Schau der Darmstädter Kunsthalle. Der Besucher sieht ihn als ersten von neun Streifen, die im großen Saal auf relativ kleinen Monitoren laufen. „Malerei als Film“ lautet der Titel der vom 1. Mai bis zum 24. Juli laufenden Ausstellung. Ohnehin steht das Programm der Kunsthalle schon seit vergangenem Jahr im Zeichen des Films, auch im Zusammenspiel mit Malerei und Fotografie. Léon Krempel, seit bald zweieinhalb Jahren Direktor des Hauses, hat diesen Schwerpunkt klug konzipiert.

Zu sehen sind zwar auch Filme, die den malerischen Prozess festhalten. Im Zentrum aber stehen Künstler, die beide Genres miteinander verbinden. Ein Thema, das nicht ohne historischen Rückblick auskommt, denn die Malerei lernte schon vor etwas mehr als 100 Jahren das Laufen, mit handbemalten Streifen der Gebrüder Arnaldo und Bruno Ginna. In Darmstadt stammt das älteste Werk der 16 beteiligten Künstler aus dem Jahr 1924, gedreht von dem Schweden Viking Eggeling, einem Vorreiter des abstrakten Animationsfilms.

Glimmen im Dunkel

Eggelings rund siebenminütige „Symphonie Diagonale“ zeigt, natürlich in Schwarz-Weiß, lediglich geometrische Bilder, die schwach glimmend aus dem Dunkel auftauchen, durch den diagonalen Bildraum schweben und dann wieder verschwinden. Dafür hat Eggeling zahlreiche Vorlagen gezeichnet, weiße Formen auf dunklem Grund, die er dann abgefilmt hat.

Der Neuseeländer Len Lye hingegen malte direkt auf die Filmstreifen, die kopiert und mit der üblichen Geschwindigkeit von 24 Bildern pro Sekunde abgespielt wurden. Seine „Colour Box“ von 1935 ist sogar mit flotter lateinamerikanischer Musik unterlegt. Farbe wird mehr oder weniger räumlich, sie blitzt aus dem Nichts auf, schießt auf das Auge zu, sackt urplötzlich in sich zusammen oder kehrt in bestimmten Abständen wieder. So gelang Lye, der heute als Pionier des Experimentalsfilms gilt, ein Kaleidoskop abstrakter Bewegungen, eine dynamische Choreografie aus Farben, Formen, Licht, Ton und Rhythmus. Lye war übrigens schon vor sechs Jahren in der „Zelluloid“-Schau der Frankfurter Schirn vertreten. Doch die jetzige Ausstellung konzentriert sich auf das Zusammenspiel von Malerei und Film, während in der Schirn auch Filme zu sehen waren, die auf Collage-Technik beruhten oder die sogar mit Flüssigkeiten traktiert waren, um die Bilder zu verfremden.

Auch wenn Len Lye eine grandiose synästhetische Wirkung von Bildern und Musik erzielt, spielt der Ton in Darmstadt nur eine Nebenrolle. Für Maria Lassnigs achtminütige Animation von 1976 sollte man jedoch Kopfhörer aufsetzen, um nichts zu verpassen. Lassnig reflektiert die Rolle der Frau in Kunst und Gesellschaft ebenso witzig wie treffend, auch am Beispiel von berühmten Kunstwerken. Dass der ewig nörgelnde Maler zuletzt mit seinem kugelrunden Körper selbst als Aktmodell dienen muss, hat Lassnig freilich nur erfunden.

Da die Filme sehr nah nebeneinander hängen, fast wie Bilder, kann der Betrachter gut flanieren. Möglicherweise verpasst er etwas, kehrt aber später doch zurück, um die jeweiligen Filme in vollem Umfang zu sehen. Die laufen ohnehin nicht lang, zwischen zehn Sekunden und zehn Minuten. Ein Film aber lenkt die Blicke schon von weitem auf sich, trotz des kleinen Monitors. Aus der Distanz sind pulsierende Farbformen zu erahnen, beim Nähertreten erkennt man aber zwei miteinander ringende Figuren. Die junge New Yorker Künstlerin Lauren Gregory hat mit pastosem Pinseltrich dieses ineinander verknäulte Paar gemalt und später mit bewegter Kamera auf Zelluloid gebannt. Ein Meisterwerk in Malerei und Kameraführung. Gregory löst das traditionelle Staffeleibild aus seiner Starre, seinem beinahe ikonenhaften Status.

Ein weiteres „Schlüsselwerk der Schau“, so Krempel, ist Hans Namuths Film von 1951 über Jackson Pollocks berühmten dynamischen Malprozess – eine überaus geschickte Inszenierung. Edgar Honetschläger schließlich ist Filmemacher und Zeichner. Für sein neues Roadmovie hat er 250 Zeichnungen angefertigt, die bis zu 12 Meter lang sind. Vier dieser aufwendigen Bilder zeigt er in der Ausstellung, den Film gibt es nur im Kino. Unterhaltungsfilme gehören ins Kino, Künstlerfilme allerdings in Kunsthallen, befindet er zu Recht.

Kunsthalle, Steubenplatz 1, Darmstadt. Vernissage 1. Mai, 17 Uhr. Bis 24. Juli, dienstags, mittwochs und freitags 11–18 Uhr, donnerstags 11–21 Uhr, samstags und sonntags 11–17 Uhr. Eintritt 6 Euro. Telefon (06151) 89 11 84. Internet

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