Franz Marcs Gemälde ?Die gelbe Kuh? (1911) scheint regelrecht zu schwingen. Dass die Kuh nicht schwarz-weiß-gescheckt ist, sondern eben gelb, war ein Ausdruck der persönlichen künstlerischen Sichtweise, mit der die Malerei sich Anfang des 20. Jahrhunderts von der naturgetreuen Fotografie absetzte.	Abbildungen: epd
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Franz Marcs Gemälde ?Die gelbe Kuh? (1911) scheint regelrecht zu schwingen. Dass die Kuh nicht schwarz-weiß-gescheckt ist, sondern eben gelb, war ein Ausdruck der persönlichen künstlerischen Sichtweise, mit der die Malerei sich Anfang des 20. Jahrhunderts von der naturgetreuen Fotografie absetzte. Abbildungen: epd

100. Todestag von Franz Marc

Blaue Pferde, gelbe Kuh

Der expressionistische Künstler Franz Marc nahm sich die Natur zum Vorbild, aber verfremdete sie. Ein Ausdruck der Moderne. Geboren in München, fiel der Künstler als Soldat 1916. Das Franz-Marc Museum Kochel begeht den 100. Todestag des Malers mit einem Ausstellungsjahr.

Von ANDREAS REHNOLT (EPD)

Die blutige Schlacht tobte knapp zwei Wochen. Vor 100 Jahren, am 4. März 1916, starb der Maler, Zeichner und Grafiker Franz Marc mit 36 Jahren auf einem Kundschaftsritt nahe Verdun als Soldat im Ersten Weltkrieg. Er gilt als Wegbereiter der expressionistischen Malerei in Deutschland. Weltberühmt sind seine ab 1911 entstandenen Tierdarstellungen: große Farbflächen, eine eigenwillige Bildsprache. Marc war einer der Begründer der Künstlergruppe „Blauer Reiter“. Sein Malerfreund Wassily Kandinsky erklärte den Namen einmal so: „Beide liebten wir Blau. Marc – Pferde, ich – Reiter. So kam der Name von selbst.“

Sommer am See

Geboren wurde Marc am 8. Februar 1880 in München. Lange Zeit wusste er nicht, ob er Theologie, Philologie oder Malerei studieren sollte. Während des Militärdienstes entschied er sich dann für die Kunst. Das Studium brach er ab, als er 1903 in Frankreich die Impressionisten für sich entdeckte. Fortan bildete er sich selbst weiter. Während eines Sommeraufenthaltes im oberbayerischen Kochel am See begann er, Tiere zu studieren und zu malen: Pferde, Rehe, Kühe, seinen Hund. In Berlin bot er danach sogar zeitweilig tieranatomische Zeichenkurse an.

Marc ist bis heute zumindest in Deutschland der bekannteste Tiermaler der Moderne. Sein „Liegender Hund im Schnee“ (1911) hängt im Frankfurter Städel und ist bei den Besuchern eines der beliebtesten Bilder des Museums. Kandinsky notierte über Marc: „Alles in der Natur zog ihn an, aber vor allem doch die Tiere. Was ihn anzog, war das organische Ganze, also die Natur im Allgemeinen“. „Niemals“ habe Marc sich in Details verloren.

Licht auf der Weide

Franz Marc hatte 1910 die Farb- und Kompositionskunst Kandinskys entdeckt, war August Macke begegnet. Es folgte eine entscheidende Wende in seinem Werk: Unzufrieden mit seinen großformatigen Kompositionen von Pferden auf der Weide, zerstörte er diese Bilder. In seinen neuen Werken finden sich eine Großzügigkeit der Formen und eine neue Reinheit und Leuchtkraft unnatürlicher Farben. „Pferde. Die Formen alle ungeheuer stark und klar, damit sie die Farben aushalten“, schrieb er selbst.

Der Maler war in der Moderne angekommen. Am 18. Dezember 1911 eröffnete er zusammen mit Wassily Kandinsky in den Räumen der Münchner Galerie Thannhauser die erste Ausstellung der „Blauen Reiter“. Gezeigt wurden Werke unter anderem von Henri Rousseau, Robert Delaunay, August Macke und Gabriele Münter. Sie alle verband die Suche nach einer neuen Ausdrucksform. Sie wollten das Wesen der Dinge erfassen, suchten das Ursprüngliche, erprobten neue Methoden und scherten sich nicht um die akademische Kunst.

Macke und Marc wollten das „Zentrum der modernen Bewegung“ werden, wie es Marc in einem Brief an seinen Bruder formulierte. Ab 1914 entstanden Marcs erste abstrakte Gemälde. In Berlin hatte er Kontakt zu den Malern der Künstlergruppe „Die Brücke“ gefunden. Ein Schlüsselgemälde ist das bereits 1913 entstandene futuristische Werk „Tirol“, in das er 2014 – kurz bevor er als Soldat an die Front kam – eine Madonna mit Kind einfügte. Das Gemälde zeigt alle Elemente einer bedrohlichen Landschaft: flach geduckte Bauernhöfe am Fuße einer mächtigen Bergwand, ein verkohlter Baum, gleich einer apokalyptischen Sense, kein Lebewesen, stattdessen droht blutrot eine riesige Sonne hinter aggressiven Bergspitzen.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges meldete Marc sich freiwillig zum Kriegsdienst, war anfangs wie viele andere Künstler geradezu kriegsbegeistert. Die Schwärmerei aber verlor sich angesichts des grauenhaften Sterbens um ihn herum schnell. Der Tod seines Freundes August Macke im September 1914 als Soldat im Krieg gegen Frankreich bedrückte ihn stark. An der Front fertige Marc vor allem Skizzen, die ihm für später geplante Bilder Vorlagen sein sollten. Ein Skizzenbuch mit 36 Bleistift-Zeichnungen blieb erhalten. Eine Skizze trägt den Titel „Aus den Schöpfungstagen“, eine andere heißt „Streit“. Im Februar 1916 sah es noch so aus, dass Marc vorzeitig aus dem Krieg entlassen werden würde. Doch bevor es soweit kam, starb er in der Nähe von Verdun an den Folgen eines Granatschusses.

Begraben wurde er in Kochel am See. Dort hat 2009 das Franz-Marc-Museum eröffnet. Zum 100. Todestag erinnert es mit einer Ausstellungstrilogie an den Maler: „Zwischen Utopie und Apokalypse“.

Franz-Marc-Museum, Franz-Marc-Park 8–10, Kochel am See. „Das arme Land Tirol“: 6. März bis 5. Juni. „Weidende Pferde“: 12. Juni bis 11. September. „Kämpfende Formen“: 19. September bis 15. Januar 2017. Täglich außer montags, 10–17 Uhr. Eintritt 8,50 Euro. Telefon (08851) 92 488-0. Internet

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