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spectacle place

Wie durch einen Schleier

Das Bockenheimer Depot verwandelt sich in einen Varieté-Saal

Internationale Stars des Varietés zeigen gemeinsam mit dem Ensemble Modern im Bockenheimer Depot in Frankfurt ihre magische Kunst.

Zu den quirligen Klängen von Martin Matalons Uraufführungsmusik „Caravanserail“ und zwei Werken von Mauricio Kagel werden Artisten ihre Tricks mit Fliegetüchern, Ringen, Jonglagen und einspurigen Rhönrädern zeigen. Die Uraufführung ist Schluss- und vielleicht auch Höhepunkt des Festivals „heim.spiele“, mit dem sich die Frankfurter Spezialisten für zeitgenössische Musik, das Ensemble Modern, in Kooperation mit der Oper Frankfurt präsentieren. Wir haben Eindrücke gesammelt von der ersten gemeinsamen Probe von Varieté-Stars und Musikern.

Die Presse sitzt natürlich auf dem falschen Stuhl. „Nein, nein, um Himmels Willen“, erregt sich Regisseur Knut Gminder, „der gehört doch unserem Clown“. Und macht glaubhaft deutlich, dass Komiker Tom Murphy allergisch reagieren könnte, wenn er entdeckt, dass man ihm sein knallrotes Requisit weggenommen hat. Später bei der Probe ist klar, warum.

Da balanciert ein pfiffig dreinblickender Tom Murphy den aufgeklappten Metallstuhl kopfüber auf seiner vorgeschobenen Unterlippe, nur um anschließend den Sitz scheppernd auf seinen Kopf knallen zu lassen. Die Umstehenden lachen und applaudieren: Ja, das ist richtig komisch. Überhaupt herrscht bei der Probe zu Martin Matalons neuem „Caravanserail“ eine heitere, familiäre und kreativ entspannte Atmosphäre. Der Komponist Matalon wurde 1958 im argentinischen Buenos Aires geboren und lebt heute in Frankreich.

Rosannah Star, die mandeläugige Luftakrobatin aus San Francisco, wärmt sich auf einer Turnmatte am Boden auf. Man hört geradezu babylonisch anmutende Sprachfetzen aus Englisch, Französisch, Deutsch und ein paar Brocken Spanisch, während die kleine Promenadenmischung „MJ“ überall herumläuft, mit dem Schwanz wedelt und herzzerreißend zu ihrem hünenhaften Herrchen aufblickt: Aleksei Uvarov, seines Zeichens Choreograf des Bühnengeschehens.

Heute ist er auch als Einspringer gefragt: Die Kontorsionistin Anna Roudenko ist wegen der Krankheit ihres Kindes auf der Probe verhindert. Also ist der riesige Russe heute als Anna eingeplant und deutet mit ausufernden Gesten ihren Part im Luftrad an.

Die Idee hinter dem Crossover-Projekt ist gesellschaftskritisch. Regisseur Knut Gminder verrät, welche Beobachtungen Urheber Robin Witt und ihn angetrieben haben. Sie wollen zeigen, in welch perfider Sicherheit uns die Welt elektronischer Medien wiegt, und wie frustierend, aber auch aufregend im Vergleich die „Kommunikation in der wirklichen Welt“ ist.

Zu Matalons Musik ist das Smartphone – laut Regiebuch – noch omnipräsent. Die sechs Artisten starren ständig auf die Displays, machen Selfies von sich und den Musikern, rennen sich gegenseitig über den Haufen, verabreden sich elektronisch und sind akrobatisch für die Zuschauer nur hinter einer blau angestrahlten Schattenwand zu sehen. „Wir wollen zeigen, wie wir heute die Wirklichkeit mittels der Medien wahrnehmen. Sie erscheint immer indirekt, wie durch einen Schleier“, sagt Gminder.

Nach der Pause, wenn Mauricio Kagels „Variété“ erklingt, soll die Wand fallen und Platz für direktes Aufeinanderprallen geschaffen werden: „Wir machen etwas, was Kagel nicht vorgesehen hat. Er ging von einer festen Bühne und einem Orchestergraben aus.“ Knut Gminder lächelt hintergründig: „In unserem Konzept müssen die Künstler stärker aufeinander achten.“ So kann es passieren, dass Rosannah Star mit ihren Multicordes verdammt nah am Schlagzeug vorbeischrammt, oder Turner Walter Holocek plötzlich einen Handstand auf einem Flötisten versucht.

Besonders viel von der heiteren, unaufgeregten Stimmung verbreitet Komponist Martin Matalon selbst. Dem breiten Publikum bekannt geworden mit seiner rockigen, jazzig durchsetzten Komposition zu Fritz Langs Stummfilm „Metropolis“, schlendert der lockenköpfige Argentinier immer wieder zu einzelnen Musikern und bestärkt sie darin, solistischer und selbstbewusster zu intonieren: Der Xylofonspieler hantiert danach bei der Wiederholung klarer mit den Schlägern seines Holzinstruments, der Cellist nickt und kündigt an: „Ich geb’ alles, was ich kann“.

Für den Komponisten Matalon ist Abstraktion nichts Intellektuelles, wie er sagt, sondern pure Poesie. Vielleicht ist sein neues Werk deshalb, vom nervös flackernden Intro mit Horn und Trompete bis hin zu den sphärischen Klängen der sanft glucksenden Perkussion, so plastisch und anregend.

Als Artist Walter Holocek hinter der Schattenwand, überlebensgroß angestrahlt, auf seine Stöcke steigt und seinen durchtrainierten Körper in den unglaublichsten Drehfiguren verschraubt, verströmt Matalons Musik eine geheimnisvolle Magie, nach der man süchtig werden kann. Dabei kratzt der Kontrabassist krächzend mit dem Bogen über den Steg, während der Pianist mit einem Paukenschlägel sanft in die Saiten des Flügels klopft und der Querflötist in sein gebogenes Aufsatzstück hineinbläst. Am ungewöhnlichsten aber ist, dass die Musik nicht im Dienste der Artisten zu stehen scheint, sondern vielmehr umgekehrt. Sowohl Jongleur Vladik mit seinen Fackeln, als auch das Cirque-du-Soleil-erfahrene Duo Imagine, Cesar und Mélanie, improvisieren zu den Klängen, die sie bei der gemeinsamen Probe zum ersten Mal in voller Schönheit hören. Der untersetzte, wild frisierte Walter Holocek findet das „spannend“ und freut sich, dass jetzt die einzelnen Probenbereiche der Künstler zu einer großen Idee verschmelzen können.

Dabei wehrt sich Regisseur Knut Gminder vehement gegen die Reduzierung der Artistik, die er ironisch als „kleine, hübsche aber auch etwas dumme Schwester der Kunst“ beschreibt, als rein dekoratives Element. Zum Glück sieht es danach ganz und gar nicht aus, vielmehr nach einem gut durchdachten, glänzend besetzten und in jeder Hinsicht gesellschaftlich relevanten Vorhaben, bei dem sich alle Akteure künstlerisch auf Augenhöhe begegnen. Auch, wenn die einen konzentriert in den Noten versinken, während die anderen unter der Decke des Alten Eisenbahndepots ihre Pirouetten drehen.

Bockenheimer Depot: „Spectacle Spaces“, Carlo-Schmid-Platz 1, Frankfurt. Vorstellungen an Silvester um 21 Uhr (ausverkauft), an Neujahr 18 Uhr, am 3., 4. und 5. Januar, jeweils um 19.30 Uhr. Karten zwischen 20 und 65 Euro. Telefon: (069) 21 24 94 94, Internet:

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